Das Werk als Zeitleiste: Wortlaut, Übersetzung, Zusammenfassung und Anmerkungen — frei kombinierbar
Das Werk der Reihe nach
Die Salzbibel in der Reihenfolge der Handschrift, Seite für Seite: Wortlaut, Übersetzung,
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Das Titelblatt, in Rot und Schwarz. Es sagt in einem einzigen langen Satz, worum es geht: Landgraf Wilhelm IV. hat befohlen, alles über das Salzwerk Sooden zusammenzutragen, was man wissen muss — dazu Beschreibungen auswärtiger Salzwerke und eine Anleitung zum Prüfen von Sole. Darunter steht der Verfasser: M. Johannes Rhenanus, Pfarrer und Salzgraf zu Sooden. Beide Ämter in einer Zeile, als wäre daran nichts ungewöhnlich.
Redaktionelle AnmerkungS. 7–8
Dieser Band ist nicht Rhenanus’ eigenes Manuskript, sondern die zeitgenössische Reinschrift davon — die Handschriftenbeschreibung nennt ihn „Reinschrift des Originals, das zwischen 1567–1585 entstand“. Die Bände 1 und 2 stammen von einer Hand, Band 3 von mehreren. Rhenanus’ Urschrift von eigener Hand liegt nach der Literatur (Emons/Walter 1986, danach Wikipedia) in Clausthal-Zellerfeld, in der Bibliothek des ehemaligen Oberbergamts; andere halten die Frage für ungeklärt. Niemand aus diesem Projekt hat sie gesehen, und verglichen wurde sie mit der Kasseler Reinschrift nie. Im Salzmuseum Bad Sooden-Allendorf liegen zwei Bände in der Vitrine. Ihr Verhältnis zur Kasseler Reinschrift ist nicht geklärt — Original, zeitgenössische Abschrift oder spätere Kopie; entscheiden ließe sich das nur vor Ort. Näheres auf der Seite Wie diese Ausgabe entsteht.
Das Titelblatt trägt zwei ovale Besitzstempel: KURF. OBER-BERG- U. SALZW. DIRECTION und EX BIBLIOTHECA CASSELLANA. Sie erzählen den Weg der Handschrift — vom kurfürstlichen Berg- und Salzwerksamt in die Kasseler Bibliothek. 1797 lagen die Bände 1 und 2 in der Ober-Rentkammer zu Kassel, vormals Kriegs- und Domänenkammer; in den Handschriften-Bandkatalog eingetragen hat sie der Bibliothekar J. H. C. Schubart (1800–1885).
Der Name „Salzbibel“ steht nicht auf dem Buch. Die Handschrift heißt „New Saltzbuch“; „Salzbibel“ ist ein Spitzname, den ihr Umfang und ihr Anspruch eingetragen haben — und der sich in Bad Sooden-Allendorf eingebürgert hat. Wer in Katalogen sucht, sollte beide Bezeichnungen versuchen, dazu die Namensform Rhenanus neben Rhein.
Drei Bände, fünf Bücher, vier Anhänge. Diese Zählung wird oft verwechselt; auch in Nachschlagewerken liest man von „fünf Bänden“. Richtig ist: Das Werk ist in fünf Bücher und vier Anhänge gegliedert und in drei physische Bände gebunden — Buch 1 bis 4 in Band 1, Buch 5 und die Anhänge in Band 2, die Aktenmappe zur Entstehung als Band 3.
Wer Johannes Rhenanus war. Geboren um 1528 in Melsungen, 1548 Studium der Theologie in Marburg, 1553 ordiniert; er war eine Zeitlang Diakon in Marburg und arbeitete daneben als Drucker. 1555 schickte ihn Landgraf Philipp als Pfarrer nach Sooden; von dort wuchs er in die Salzverwaltung hinein — zuerst über die Holzbeschaffung, dann als Salzgraf. Über das genaue Jahr gehen die Angaben auseinander (1559 oder 1563); die Salzbibel selbst überliefert im Miszellen-Verzeichnis den Brief, mit dem Philipp ihn „des Predigtamtes entlasten“ und an Jost Beckers Stelle setzen wollte. Rhenanus behielt beide Ämter bis zu seinem Tod am 29. April 1589 in Sooden.
Und wer der Auftraggeber war. Landgraf Wilhelm IV. (1532–1592), seit 1567 der erste Landgraf von Hessen-Kassel, trägt den Beinamen „der Weise“ — und er war ein arbeitender Astronom. Um 1560 richtete er in Kassel die erste Sternwarte Mitteleuropas ein; er entwickelte ein eigenes Messverfahren mit Präzisionsuhren, holte 1579 den Uhrmacher Jost Bürgi und 1584 Christoph Rothmann an seinen Hof, und aus dieser Arbeit ging ein Sternkatalog von 1.025 Sternen hervor.
Das ist der Schlüssel zur ganzen Salzbibel. Der Fürst, der 1567 zum Regierungsantritt eine Beschreibung seines Salzwerks befahl, war derselbe, der wenige Schritte entfernt Sterne maß. Die Probewerke fünfmal im Jahr, das Universal-Probierbuch, die Solereihe über sechsunddreißig Jahre, das Probiergerät im Reisegepäck — all das steht in einer Verwaltung, an deren Spitze jemand saß, für den Messen und Aufschreiben selbstverständlich waren.
Darin ist auf des durchlauchtigen, hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Wilhelms, Landgrafen zu Hessen, Grafen zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda etc., gnädige Verordnung und Befehl — vornehmlich im Allgemeinen (in genere) — über Seiner Fürstlichen Gnaden Salzwerk Sooden alles, was zu wissen vonnöten ist, von überall her zusammengetragen,
daneben ist auch die Beschaffenheit etlicher anderer auswärtiger Salzwerke beschrieben; auch wird ein Universal-Probierbuch vorgelegt, das auf alle Salzwerke ausgerichtet ist.
Alles ist Seiner Fürstlichen Gnaden und derselben Erben und Nachkommen zu untertänigem Gehorsam und zu Ehren, auch sonst allen anderen, die in gegenwärtiger und künftiger Zeit mit diesem und anderen Salzwerken umgehen und zu schaffen haben werden, zur Nachricht und zum Besten in ordentliche Bücher gebracht.
Die Widmung — und warum sie kein Vorwort ist. Siebzehn Blatt Zueignung an Wilhelm IV. Man erwartet Höflichkeitsformeln und findet stattdessen einen zusammenhängenden Aufsatz: Rhenanus’ Rechenschaft darüber, warum ein Pfarrer über Salz schreibt.
Er beginnt so weit oben, wie man nur beginnen kann. Das „große, schöne und allerherrlichste Welttheater“ sei nicht von selbst entstanden; und wenn Gott es geschaffen habe, dann habe er auch dem Menschen die Vernunft nicht ohne Absicht gegeben. Die Augen habe er uns „um keiner anderen Sache willen gegeben“, als damit die Geschöpfe „nicht im Finstern liegen und nicht verborgen bleiben, sondern gesehen, mit Fleiß betrachtet und verstanden werden“.
Das ist ein Programmsatz, und er beruft die Zeugen dafür: David, der ausruft, „groß sind die Werke des Herrn; wer sie betrachtet, hat große Lust daran“; Hiob, der „das große Buch der Natur mit Fleiß Tag und Nacht studiert“ habe; und Salomo, „der fleißigste Erforscher aller natürlichen Dinge“, der „vom Ysop an bis zum Zedernbaum“ alles untersucht habe. Auch die Heiden seien „nie so grob und viehisch gewesen“, das Erforschen der Natur zu verachten.
Was ist Salz? Dann folgt etwas, das man in der Widmung eines Verwaltungswerks nicht erwartet: ein Forschungsbericht über die Theorien zur Entstehung des Salzes.
Die erste, den phönizischen Gelehrten Misor und Sydyk zugeschrieben: Salz sei nichts als Wasser und Erde, „gleichsam wie Lauge durch Asche, so werde es durch die Erde gegossen“. Die zweite: Salz sei „ein innerer Schweiß der Erde“ — Dünste, die durch die innere Hitze der Gebirge aufsteigen wie die Feuchtigkeit im Destillierhelm und dabei die Eigenschaft der Erde annehmen, durch die sie dringen. Als Beleg dienen die Farben der Salze: „dass das memphitische Salz rot ist, das sizilische purpurn, das kappadokische safranfarben, das parthische glänzend, das agrigentinische weiß“ — dies vor allem nach Giovanni Pontanos Meteora.
Die dritte Ansicht, und ihr neigt Rhenanus zu: Salz sei „ein selbständiges Ding“. Denn es gebe ganze Berge, „besonders in Polen, in Ungarn, in Kärnten, in der Steiermark“, in denen nichts als Salz ausgehauen werde, und alle Meere seien salzig — „ja, wie der Augenschein und die Erfahrung ausweisen, sei der dritte und größte Teil der Welt nichts als Salz“. Die vierte, dass alle Brunnen aus dem Meer kämen, verwirft er kurz: Die hätten „ganz weit gefehlt“.
Dass er die Sache nicht ausführt, hat einen Grund, den er selbst nennt — und der neugierig macht: Er habe vor, einen eigenen Traktat darüber zu schreiben, „ich habe bereits damit begonnen“. Ob er je fertig wurde, weiß man nicht.
Wo der Theologe weitergeht als der Naturkundige. Es folgt die methodisch interessanteste Passage. Die Naturkundigen, sagt Rhenanus, betrachteten nur „den Stoff und die Form“; einem Theologen aber gebühre es, „etwas höher zu steigen und die wirkende Ursache solcher Natur gründlicher zu suchen“. Die erste Art des Forschens zeige „nicht mehr als die Ordnung in den Dingen, wie sie sind und werden“; die zweite frage, wozu sie so geordnet sind.
Und dann setzt er der eigenen Erkenntnis eine Grenze, mit einem Bild, das haften bleibt. Selbst wenn wir meinten, eine Sache so gründlich erforscht zu haben, „dass man sie mit den Fingern greifen könne“, seien wir davon noch so weit entfernt „wie eine Nachteule vom Glanz der Sonne“ — das habe schon Aristoteles beklagt.
Was Salz kann. Zuletzt die Wirkungen, gesammelt aus antiker Naturkunde: Salz sei „von feuriger Eigenschaft“, weshalb die Philosophen eine Verwandtschaft mit der Sonne vermuteten — auch der Namen wegen, sal und sol, die sich „nur durch einen einzigen Buchstaben“ unterschieden. Es wärme und trockne, mache kalte Erden fruchtbar, wende Fäulnis ab und erhalte den Körper; darum habe Homer es „für ein besonderes göttliches Wesen und ein Sinnbild der Ewigkeit“ gehalten. Es wecke Lust zum Essen — deshalb, sagen die Naturkundigen, streuten Tauben ihren Jungen Salz ein. Und weil es zu Gottesdiensten und Opfern gebraucht wurde, sei es Bild des Unvergänglichen.
Redaktionelle AnmerkungS. 9–42
Die Widmung ist keine Höflichkeitsfloskel. Wilhelm IV. hatte das Werk befohlen, weil er fürchtete, mit den letzten Zeitzeugen gehe das Wissen um das Salzwerk verloren. In einem Brief an den zweiten Salzgrafen Christoph Hombergk, den die Literatur überliefert (Cramer 1879, danach Klepsch 1989), wird er deutlich: „Dann, wen Du und der Pfarherr soltet abgehen … so wehr itzo kein Mensch nicht mehr, der des Saltzwercks Ankunft oder Gelegenheit wüste.“ (heute: Denn wenn Du und der Pfarrer sterben solltet, wäre jetzt kein Mensch mehr da, der wüsste, wie das Salzwerk entstanden ist und wie es beschaffen ist.) Dieser Brief steht nicht in der Handschrift; der Wortlaut ist hier nach der Literatur wiedergegeben und konnte nicht am Original geprüft werden. Denselben Gedanken trägt das fürstliche Schreiben vom 24. Februar 1567 im dritten Band, dort in der Übersetzung: „sodass ihrer kaum noch zwei vorhanden sind, unter denen du einer bist“ (Bd. 3, S. 27).
Die Widmung ist auch eine Verteidigungsschrift. Dass ein Pfarrer sich rechtfertigen musste, weil er über Bergbau, Wald und Rechnungswesen schrieb, ist kein persönlicher Zufall. Die lutherische Geistlichkeit des 16. Jahrhunderts stritt darüber, wie weit ein Prediger sich in politica einlassen dürfe; Rhenanus’ Antwort — die alttestamentlichen Priester seien „Juristen“, „Ärzte“ und „im Kriegswesen nicht unerfahren“ gewesen — ist die übliche Berufung auf das Amt der Priester im Alten Bund.
Zu seinen naturkundlichen Quellen: Giovanni Pontano (1426–1503), den er für die Lehre vom Salz als „ein innerer Schweiß der Erde“ anführt, war Humanist und Dichter in Neapel; sein Lehrgedicht Meteororum liber war im 16. Jahrhundert verbreitete Schullektüre. Rhenanus referiert also den Stand der gelehrten Meinung seiner Zeit, nicht eigene Forschung — und sagt das auch, indem er die Positionen nebeneinanderstellt, statt eine zu behaupten.
Der angekündigte Traktat über das Salz fehlt. Rhenanus schreibt, er habe „bereits damit begonnen“ und wolle ihn „zu gelegener Zeit“ übergeben. Ein solcher Traktat ist bisher nicht nachgewiesen. Ob er verloren ist, unvollendet blieb oder nie über die Vorarbeiten hinauskam, ist offen — und ein lohnendes Thema für jede künftige Archivsuche.
Dem durchlauchtigen, hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Wilhelm, Landgrafen zu Hessen, Grafen zu Katzenelnbogen, Dietz, Ziegenhain und Nidda usw., meinem gnädigen Fürsten und Herrn.
Durchlauchtiger, hochgeborener, gnädiger Fürst und Herr! Euren Fürstlichen Gnaden gelten, über meine Pflicht hinaus, mein andächtiges Gebet zu Gott und danach mein untertäniger, gehorsamer, ganz treuer und fleißiger Dienst — stets zuvor.
Gnädiger Fürst und Herr, das große, schöne und allerherrlichste Welttheater ist nicht unversehens und plötzlich entstanden, auch nicht von selbst. Vielmehr ist es, wie allen Gelehrten bekannt ist und wie wir es auch in den Artikeln unseres christlichen Glaubens bekennen, von der ersten Ursache, dem höchsten Schöpfer, hergekommen und geschaffen worden. Und weil das einmal gewiss ist, so haben auch wir Menschen unsere eigene und jede andere Vernunft ohne Zweifel nicht ohne Grund und nicht ohne hohe, wichtige Absicht von eben demselben
empfangen, der dieses Welttheater geschaffen hat. Denn er hat uns die Augen und die Kraft des Sehens um keiner anderen Sache willen gegeben, als um damit zu verstehen zu geben, dass es sein völliger Wille und seine Meinung sei, die Geschöpfe des Schöpfers sollten nicht im Finstern liegen und nicht verborgen bleiben, sondern gesehen, mit Fleiß betrachtet und verstanden werden. Und daraus solle man die große Weisheit und die unaussprechliche Macht, Gerechtigkeit und Güte des Herrn und Schöpfers aller Kreaturen erkennen und ableiten, damit ein so großmächtiger, gewaltiger Herr und Schöpfer von uns geehrt, gefürchtet, geliebt und angerufen werde.
Daher sagt der königliche Prophet David, dass der Himmel und das Firmament Gottes Ehre und Ruhm preisen, verkündigen und predigen. Und als er sich in diesem schönen Welttheater eine gute Weile mit Fleiß und Herzenslust umgesehen und die schönen Ordnungen, Unterschiede und den Nutzen der geschaffenen Kreaturen betrachtet hatte, konnte er nicht anders, als herauszubrechen und mit
großer Freude überlaut zu sagen: Groß sind die Werke des Herrn; wer sie betrachtet, hat große Lust daran. Weise hat er alles gemacht, und seiner Weisheit ist keine Zahl noch Ende.
Und der fromme Hiob, der ebenso wie andere Heilige das große Buch der Natur mit Fleiß Tag und Nacht studiert hat, sagt: Die Tiere können uns lehren. Das heißt: Sie können Anlass und Mittel geben, durch die wir zur wahren Weisheit und zum rechten Gehorsam gegen Gott kommen können.
Und Salomo — war er nicht der Allerweiseste und der fleißigste Erforscher aller natürlichen Dinge? Denn von ihm steht geschrieben, dass er vom Ysop an bis zum Zedernbaum alle natürlichen Wesen, Eigenschaften und Wirkungen aller Kräuter, Sträucher und Bäume mit Fleiß erforscht und darüber ganz beständig und aufs Zierlichste zu reden vermocht hat. Dazu hat ihm Gott auch besonders mit seiner Gnade geholfen, das Werk seiner Hände gefördert, seine Begabung als eine ihm selbst gegebene Gabe herrlich geziert und damit bewiesen, dass ihm ein solches Vorhaben und ein solches gottseliges Studium gnädig gefällt.
Von weiteren
Beispielen aus der Heiligen Schrift an dieser Stelle zu berichten, halte ich für unnötig.
Auch die Heiden sind nie so grob und viehisch gewesen, dass sie das Studium der Philosophie und die Erforschung der natürlichen Dinge — die man ja mit eigenen Augen gewiss erkennen und sehen kann — in den Wind geschlagen und verachtet hätten. Vielmehr sind sie aus fleißiger Beobachtung der himmlischen Gestirne vortreffliche, herrliche Astronomen geworden und haben über alle Lufterscheinungen beständig schreiben und reden können.
Ebenso haben sich viele gefunden, die sich zugleich beflissen haben, über irdische Dinge zu schreiben: was innerhalb und außerhalb der Erde an Metall, Erz, Mineral, Quellen und dergleichen wächst und ist. Das ist heute in der göttlichen Heiligen Schrift und sonst hier und da bei den heidnischen Schriftstellern zu sehen und zu finden.
Unter den Gelehrten aber findet man bei den Geschichtsschreibern beschrieben, dass sich zuerst in Phönizien zwei treffliche gelehrte Männer, Misor und
Sydyk, mit höchstem Fleiß bemüht haben, ans Licht zu bringen, was das Salz denn sei und woher es seinen Ursprung nehme. Und nachdem sie der Sache lange nachgedacht hatten, hielten sie es gänzlich dafür, es sei nichts als Wasser und Erde — gleichsam wie Lauge durch Asche, so werde es durch die Erde gegossen, in der dann durch die Kraft des obersten Schöpfers und des Himmels ein solches kunstvolles Salz zustande gebracht und destilliert werde, das hernach den Menschen zugute komme.
Andere haben es dafür gehalten, es sei ein innerer Schweiß der Erde. So wie der Regen durch die Sonnenhitze in die Höhe gezogen wird, oder wie sich in einem Destillierhelm die Feuchtigkeit aus den Kräutern nach oben zieht und danach der Regen wieder herabfällt, die Erde befeuchtet und durch die Nase des Helms das zusammengezogene Wasser heraustropft — so würden auch durch die innere Hitze in den Gebirgen die ewigen, immerwährenden Dünste hinaufgezogen, die endlich mit Gewalt ihren Ausweg suchen und
dabei nach der Art der Erde, durch die sie hinausdringen, die Eigenschaft dieser Erde annehmen und entweder salzig, hitzig oder mit anderen Eigenschaften austreten.
Als Beleg führen sie an, dass die Salzbrunnen nicht nur von ungleicher Beschaffenheit sind und ein Brunnen nicht immer gleich reiche Sole gibt, nach Menge wie nach Güte, sondern dass auch manches Salz sich nach den Farben des Erdreichs färbt. So ist ja offenbar, dass das memphitische Salz rot ist, das sizilische purpurn, das kappadokische safranfarben, das parthische glänzend, das agrigentinische weiß, wie sonst gewöhnlich alle anderen Salze sind. Deshalb sei das Salz ein zusammengesetztes Ding, aus Wasser, Erde und der Kraft oder dem Einfluss des Himmels hervorgebracht und verursacht. Dieser Meinung ist vor allem der weitberühmte Naturkundige und herrliche Dichter Giovanni Pontano in seinen „Meteora".
Andere haben der Sache mit allem Fleiß weiter nachgedacht und sind schließlich zu folgendem Schluss gekommen: Weil
sie gesehen und erfahren haben, dass sich hier und da große Berge finden — besonders in Polen, in Ungarn, in Kärnten, in der Steiermark und an vielen anderen Orten —, in denen nichts anderes als Salz ausgehauen wird, und weil ebenso alle Meere salzig sind, die doch nicht alle aus den inneren Schlüften der Erde kommen, sondern durch der Sonne Hitze und des Himmels Kraft verursacht werden, darum sei das Salz ein selbständiges Ding. Ja, wie der Augenschein und die Erfahrung ausweisen, sei der dritte und größte Teil der Welt nichts als Salz. Die Schärfe der Sole werde demnach nach Unterschied und Eigenschaft der Erde, durch die sie fließt, in größerem oder geringerem Maß verursacht und hervorgebracht.
Wieder andere haben gemeint, die Salzbrunnen und andere Brunnen kämen alle aus dem Meer. Diese aber haben ganz weit gefehlt und nicht bemerkt, dass sich das überhaupt nicht zusammenreimen will.
Weil aber diese und ähnliche Ansichten und Mei-
nungen auszuführen große Weitläufigkeit erfordert und an dieser Stelle nicht geschehen kann, ist es mein Vorhaben, darüber einen eigenen Traktat zu schreiben — ich habe bereits damit begonnen — und ihn Euren Fürstlichen Gnaden zu gelegener Zeit zu übergeben.
Diesmal will ich nur so viel sagen: Alle Naturkundigen haben bei der Betrachtung aller natürlichen Dinge nur den Stoff und die Form betrachtet und wie diese in der Natur vorkommen. Einem Theologen aber gebührt es, etwas höher zu steigen und die wirkende Ursache solcher Natur gründlicher zu suchen. Das heißt: Er muss den betrachten und suchen, der die Natur so geordnet und eingerichtet hat, und ebenso, wozu und zu welchem Ende sie so eingerichtet und geordnet ist.
Denn die erste Art der Erforschung natürlicher Dinge zeigt nicht mehr als die Ordnung in den Dingen, wie sie sind und werden. Die zweite aber führt zu dem Herrn, der das alles wirkt und will, und beweist, dass er gegenwärtig ist und aus der Natur heraus, nach seiner unbegreiflichen und unendlichen
Weisheit und seinem hohen Verstand, mit seinen allmächtigen Fingern alles formt und auf ein bestimmtes Ende oder Ziel hin richtet.
Und der Theologe schließt: Mögen wir durch unseren Scharfsinn und fleißiges Nachforschen in den natürlichen Dingen auch Stoff und Ordnung erkennen und ableiten können — der Schöpfer und allergrößte Künstler behält doch in allen Dingen, nichts ausgenommen, immer so viel zurück, dass wir darüber erstarren und nicht anders als ein Blinder im Finstern tappen müssen.
Das hat auch der vortrefflichste heidnische Philosoph Aristoteles selbst empfunden und beklagt, wenn er sagt: Unser Verstand sei in den natürlichen Dingen — gerade dann, wenn wir meinen, wir hätten sie so klar und ausführlich ergründet, dass man sie mit den Fingern greifen könne — ebenso blind und ebenso weit vom Grund der Sache entfernt wie eine Nachteule vom Glanz der Sonne. Denn wir alle sehen und verstehen den geringsten und schlechtesten Teil der Werke Gottes; das Übrige können wir weder ergründen noch aussprechen.
Wie dem auch sei: Ich will diesmal, als der Geringste unter den Philosophen und Theologen, vom Salz, seinem Ursprung, seiner Eigenschaft und seinem Nutzen mit wenigen Worten so viel vorbringen, wie es irgend möglich ist.
Denn ich halte das Salz für ein natürliches Wunderwerk und Geschöpf Gottes, das er in und nach der Natur durch Wasser und Erde hervorbringt. Damit offenbart er uns Menschen, ja der ganzen Welt, seine freigebige milde Hand, seine große und unaussprechliche Macht und seine höchste, unerforschliche Weisheit und Güte.
Denn seine Weisheit wird ja daran erkannt und billig gepriesen, dass er alles, was zur Vollkommenheit der Welt nötig war, ohne jemandes Eingebung und Rat aus sich selbst vorgesehen hat — und dass er alles, was dem Menschen und dem Vieh zur Gesundheit und als Arznei dienlich ist, lange zuvor bedacht hat, ehe die Erschaffung aller Dinge überhaupt begann. So hat er es für notwendig erkannt, aus zweien, nämlich Wasser und Erde, ein solches drittes, einfaches und für sich bestehendes Element hervorzubringen und zu erschaffen.
Seine Macht aber wird daran erkannt, dass er alles, was er zuvor beschlossen und sich vorgenommen hatte, auch ohne jede Behinderung, ohne alle Mühe, ja ganz ohne Beschwerde und leicht mit einem Atemzug oder Wort zustande bringen konnte — und dass er zugleich mit demselben allmächtigen Atem oder Wort festgesetzt hat, dass es nicht aufhören, sondern währen und bestehen soll bis ans Ende der Welt. Beides will ich in meinem großen Traktat ausführen und das Gegenteil widerlegen.
Das Salz ist aber von feuriger Eigenschaft und Natur, wie das dem gesunden Menschenverstand offenbar und bekannt ist. Daher haben die Philosophen und Naturkundigen gemeint, es habe eine Verwandtschaft mit der Sonne, und darin liege ein besonderes Geheimnis, weil beider Benennung so ähnlich klingt und sich nur durch einen einzigen Buchstaben unterscheidet: Salz heißt lateinisch *sal*, die Sonne *sol*.
Weil nun das Salz von feuriger und warmer Natur ist, so muss notwendig folgen, dass seine Eigen-
schaft nicht nur das Erwärmen ist, sondern auch das Trocknen. Daraus ist weiter zu schließen, dass es die nassen und kalten Erden erwärmt, austrocknet und infolgedessen fruchtbar macht. Ebenso, dass es die Schleimstoffe in den Körpern verzehrt, alle Fäulnis und Verderbnis abwendet und folglich den Körper erhält und langlebig macht. Das hat den König aller Dichter, Homer, dazu bewogen, das Salz für ein besonderes göttliches Wesen und ein Sinnbild der Ewigkeit zu halten.
Das Salz erwärmt wegen seiner natürlichen Kraft auch den Magen, fördert dessen Verdauung, bewahrt vor aller Fäulnis, weckt Lust zum Essen und verzehrt die überflüssige Feuchtigkeit. Deshalb hat, wie die Naturkundigen sagen, die Natur es den Tauben so eingegeben, dass sie ihren Jungen Salz einstreuen, um sie damit zur Speise zu reizen.
Das Salz macht auch den Geschmack fein und gut. Und besonders liegt in allem Salz eine eigene Kraft und Lust zur Vermehrung aller
Tiere bemerkt und gefunden, wie alle Naturkundigen einmütig bezeugen. Deshalb wird auch Venus, weil sie aus Salz und Meer hervorgegangen ist, die Salzgeborene genannt. Denn am Ufer des Meeres findet sich um des Salzes willen viel mehr lebendiges Gewürm an Schnecken und anderem Getier als in den Teichen und im Süßwasser. Darum ist das Salz nicht unpassend die Mutter der Lebendigen genannt worden.
Weil aus alldem nun hervorgeht, dass das Salz durch und durch heilkräftig und für die Gesundheit von Mensch und Vieh sehr nötig ist, haben die alten weisen Heiden viel davon gehalten. Sie hatten es ständig bei Tisch und wollten keine Speise ohne Salz zu sich nehmen. Und damit die Speise nicht durch einen anderen verdorben oder versalzen würde, nahm jeder so viel vom aufgesetzten Salz, wie er brauchte, und genoss es. Das kam schließlich so in ständigen Gebrauch, dass sie es nicht nur als Arznei für den Leib zur Gesundheit gebrauchten, sondern es auch übertragen
auf Sitte und Charakter bezogen: Alle Gespräche und Reden sollten wie eine recht gut gesalzene Speise lieblich und angenehm sein und niemandem Verdruss machen. Daher hielten sie es auch für ein besonders böses Vorzeichen, wenn Salz verschüttet wurde.
Einen langweiligen, unerfreulichen Menschen schalten sie „ungesalzen — einen, in dessen Körper kein Körnchen Salz ist". Und bei den ehrbaren Heiden war es ein Sinnbild der Mäßigung, wie man zu sagen pflegt: Zu viel und zu wenig taugt nicht. Der Philosoph Diogenes hat einmal gesagt, er wolle lieber in Athen Salz lecken — das heißt: in mittlerem Stand leben — als mit Krateros an dessen fürstlicher Tafel essen; denn er hielt Letzteres für gefährlich.
Ebenso haben andere die Reden, die heimlich stechen und eine Verletzung im Rücken führen, „gesalzene Reden" genannt, wie auch kurzweilige Reden „Salze" heißen. Desgleichen sagten sie zur Warnung: „Geh nicht an Salz und Tisch vorüber" — das heißt: Keiner soll Unlust erregen und die Tafelrunde verderben.
Auch ist das Salz zu allen Gottesdiensten und Opfern gebraucht worden. Denn weil es der Verderbnis nicht unterworfen und ein Sinnbild der Dauer ist, hat man es den Opfern beigefügt: Im Gottesdienst soll keine Verderbnis sein, sondern Dauer.
Und weil das Salz einen guten Geschmack macht, sodass man die Geschmäcker eigentlich erst unterscheiden kann, ist auch die Unterscheidung — das heißt der Verstand und die Besonnenheit, in einer Sache das Rechte zu erkennen — Weisheit genannt worden: *sapientia* von *sapere*, wie *sal* vom Schmecken.
Weil dem nun so ist — dass nämlich das Salz die beste Würze zur Gesundheit ist, der Vermehrung der lebendigen Geschöpfe dienlich und notwendig, und uns überdies an große Dinge und Geheimnisse erinnert —, und weil das alles nicht durch menschlichen Scharfsinn und menschliches Geschick entstanden ist, sondern allein aus der Güte des allmächtigen und allein weisen Gottes, und weil es täglich noch so entsteht, und zwar alles um unsertwillen, damit wir uns umso mehr um die Gesundheit des Leibes, der Sitten und der Seele bemühen — so ist es recht
und billig, dass wir es nicht nur mit großer Ehrfurcht aus der milden Hand Gottes empfangen und annehmen, sondern dass wir auch seinen rechten Gebrauch studieren und lernen und die Güte Gottes für diese Wohltat — die, wie man sagt, durch Gewohnheit und Häufigkeit geringgeschätzt, ganz gewöhnlich und für nichts geachtet werden könnte — in rechten Gebrauch bringen.
Das gilt besonders, weil der allmächtige Gott Eurer Fürstlichen Gnaden hochlöbliches Fürstentum Hessen in unserem lieben Vaterland mit einer herrlichen Fundgrube oder Quelle natürlichen und gesottenen Salzes begnadet hat — vor vielen anderen Fürstentümern und Ländern, die gern mit großem Aufwand an Gut und Geld bei sich ein Salzwerk anlegen wollten. So hat er dieses löbliche Fürstentum gesalzen und zu einer lebendigen Apotheke gemacht; das sollen wir erkennen, recht gebrauchen und Gott je länger je mehr danken, preisen, loben und ehren.
Weil ich nun, gnädiger Fürst und Herr, ohne Zweifel aus dem Willen und der Fügung Gottes von
Die Verteidigung — und der Blick in die eigene Lage. Der zweite Teil der Widmung ist ein persönlicher Text, und er ist der offenste des ganzen Werks.
Rhenanus beschreibt zunächst seinen Ort: Er sei „an diesen Ort und Winkel des Fürstentums Hessen, meines geliebten Vaterlandes“, zum Prediger und Salzgrafen bestellt worden — dorthin, „wo diese lebendige Quelle der wunderbaren Güte Gottes alle Tage mit Verwunderung gesehen wird“. Darum habe er es für Amtspflicht gehalten, seine Zuhörer auf diese Wohltat hinzuweisen, „nicht nur mündlich von der Kanzel, sondern … mit der Feder und schriftlich“.
Dann nimmt er die Kritik vorweg, die er erwartet, und er tut es mit bemerkenswerter Schärfe. Wie keine Speise so gut sei, dass die Fliegen sie nicht beschmutzten, so werde auch „nichts so recht und gut getan oder gesagt“, dass es nicht bekrittelt würde: „Es werden giftige Nattern über diesen meinen Fleiß und diese Arbeit herfallen. Denn wer an den Weg baut, wie man sagt, hat viele Meister.“
Zwei Vorwürfe erwartet er. Der erste: Sein Schreiben sei überflüssig, die Sache ohnehin bekannt. Seine Antwort ist ehrlich bis zur Selbstironie: „Hätte meine Feder geruht und geschwiegen, das Salz wäre nichtsdestoweniger Salz gewesen … und durch meine Arbeit und mein Schreiben ist das Allendorfer Salz weder besser noch schlechter geworden.“
Der zweite Vorwurf ist der ernste: Das sei „mehr politisch als theologisch und darum nicht meines Berufs und Amtes“, ja „philosophisches Zeug, das immer und überall Ketzer hervorgebracht“ habe — nach dem Wort des Paulus, niemand, der Gott diene, solle sich in weltliche Geschäfte verwickeln. Ein Pfarrer, der zugleich Salzgraf ist, muss darauf antworten.
Und er antwortet gründlich. Die Kritiker verstünden nicht, „wie weit den Geistlichen das Politische verboten ist“. Im Alten Bund sei die Verwaltung des Reiches eine ganz weltliche Sache gewesen — und dennoch habe Gott den Priestern befohlen, „Recht und Gesetze studieren“, damit der König sich bei ihnen Rat holen könne. „Daraus ist zu sehen, dass die jüdischen Priester Juristen gewesen sind“; die Bibel bezeuge, dass sie auch Ärzte waren und „im Kriegswesen nicht unerfahren“.
Das Pauluswort ziele auf die Vielgeschäftigen: auf jene, die „alle Tage auf den Kanzleien streiten und Prozesse führen“ und darüber ihr Amt vergessen, die „wie ein Krokodil zu Wasser und zu Land“ jagen. Und dann das Argument, das die Sache erledigt: Folgte aus jenem Wort ein grundsätzliches Verbot, „dann dürfte ein Prediger auch kein Ehemann und kein Haushalter sein“.
Über die Missgünstigen fällt er schließlich ein Urteil, das eher müde als zornig klingt: Sie „die viel tadeln, aber selbst nichts machen und nichts zu verbessern wissen“; entweder verdammten sie aus Unwissenheit, „was sie nicht kennen“, oder aus Bosheit. Mit solchen sei „mehr Mitleid zu haben als zu streiten“.
Was er sich vorgenommen hat. Am Schluss beschreibt er sein Verfahren, und es deckt sich genau mit dem, was das Werk dann tut: Er sei „vornehmlich bei unserem hessischen Allendorfer Salzwerk geblieben“ und habe daneben etlicher auswärtiger Salzwerke gedacht, „die ich gesehen habe — doch nicht aller“. Weil, wie Aristoteles sage, „die Dauer die Dinge empfiehlt“, habe er besonders auf „das uralte Herkommen dieses unseres Allendorfer Salzbrunnens“ gesehen und danach aufgezeichnet, was sich in der Folge zugetragen habe.
Zwei Sätze der Widmung sollte man behalten. Der eine ist eine Bescheidenheitsformel, die keine ist: Er habe das Werk „wenn auch nicht gründlich und erschöpfend, so doch der Oberfläche nach“ gemacht, „um anderen einen Anreiz zu geben, es besser zu machen“ — und noch einmal, trotziger: „Wer etwas Besseres zu machen weiß, dem soll es von mir unbenommen sein.“
Der andere ist die Bitte, mit der er sich verabschiedet, und sie erinnert daran, dass hinter diesem Werk ein Mann mit einer Familie steht: Wolle der Landgraf doch „mein und meiner Kinder gnädiger Herr sein“. Unterschrieben: Johannes Rhenanus, Pfarrer und Salzgraf zum Sooden.
Eurer Fürstlichen Gnaden Herrn Vater hochlöblichen Angedenkens an diesen Ort und Winkel des Fürstentums Hessen, meines geliebten Vaterlandes, zum Prediger und Salzgrafen bestellt worden bin — nämlich in den Sooden, wo diese lebendige Quelle der wunderbaren Güte Gottes alle Tage mit Verwunderung gesehen wird und wo Arznei für Mensch und Vieh unmittelbar aus der reichen und milden Hand Gottes geschöpft und empfangen wird —, darum habe ich es für eine Notwendigkeit meines Amtes gehalten, erstens meine Zuhörer vielfach auf diese Wohltat Gottes hinzuweisen, damit sie Gott umso eher vertrauen und sie in Demut und wahrer Gottesfurcht erkennen und gebrauchen mögen.
Und zwar nicht nur mündlich von der Kanzel, sondern zweitens auch — weil Eure Fürstlichen Gnaden dies gnädig von mir begehrt haben — mit der Feder und schriftlich. So habe ich mich entschlossen und vorgenommen, Euren Fürstlichen Gnaden die schuldige, untertänige Ehre und den Gehorsam zu erweisen und etwas an den Tag zu bringen.
Gleichwie es aber keine Speise gibt, so süß und gut sie sei,
Unsichere Lesungen
Z. 16: [gestrichen: ?] — Streichung am Zeilenende unleserlich
die nicht, wo die Fliegen hinkommen können, von ihnen beschmutzt und von den Mäusen benagt und zerschroten würde — und wie auch nichts so recht und gut getan oder gesagt wird, dass es nicht, wie der Heide sagt, von bösen giftigen Zungen bekrittelt und übel ausgelegt werden könnte —, so mache ich mir keinen Zweifel: Es werden giftige Nattern über diesen meinen Fleiß und diese Arbeit herfallen. Denn wer an den Weg baut, wie man sagt, hat viele Meister. Sie werden mir, was ich hier getan habe, zu nichts Gutem deuten und auslegen, unter dem Vorwand, dieses mein Schreiben sei gar nicht nötig und die Sache sei ohnehin besser und klarer zutage und bekannt, als sie von mir in solchem Schreiben erklärt und beschrieben werden könne.
Sie werden auch sagen, diese meine Arbeit sei mehr politisch als theologisch und darum nicht meines Berufs und Amtes. Und sei sie auch einem Gelehrten erlaubt, so sei sie doch eine heidnische und philosophische Sache, die einen Theologen — der nichts wissen noch treiben soll als das, was Christi und Gottes Sache ist —
nicht zu kümmern habe, nach dem Wort des heiligen Paulus: Niemand, der Gott dient, verwickle sich in weltliche Geschäfte. Er brauche das nicht zu wissen, geschweige denn zu behandeln und darüber zu schreiben. Er solle sich mit weltlichen Händeln nicht befassen; das sei philosophisches Zeug, das immer und überall Ketzer hervorgebracht habe, und darum sei es vom Apostel Paulus als der Theologie fremd den Predigern ganz und gar untersagt worden. Deshalb sei es für einen Prediger besser, hiervon zu schweigen, als davon zu reden oder zu schreiben.
Darauf antworte ich: Es ist wohl wahr — hätte meine Feder geruht und geschwiegen, das Salz wäre nichtsdestoweniger Salz gewesen und Salz geblieben, und durch meine Arbeit und mein Schreiben ist das Allendorfer Salz weder besser noch schlechter geworden. Auch bin ich mir meines geringen Verstandes und Vermögens in einer so reichen und weitläufigen Materie leider allzu gut bewusst.
Weil jedoch Eure Fürstlichen Gnaden es von mir
zu dieser Zeit gnädig begehrt haben, ich auch durch Gottes milde Güte eine besondere Neigung dazu habe und mich ohnehin schuldig erkenne, meine Gaben in das Zelt Gottes einzubringen — und wenn es nicht Silber, Gold, Samt oder Seide sein kann, so doch nach meinem Vermögen Ziegenhaar, Dachsfelle, Salz und geringe Stoffe —, damit Gottes Herrlichkeit auch am Salz hier zu Sooden umso reicher und mächtiger zutage trete:
darum habe ich als ein berufener Diener Gottes an dieser Kirche in Sooden nicht nur von Amts wegen, sondern auch, weil ich Einwohner des hochlöblichen Fürstentums Hessen, meines geliebten Vaterlandes, und dazu bestellter Salzgraf bin, diese Arbeit unternommen. Denn dieses Werk ist mir vielfach aufgetragen worden: von dem teuren und christlichen Helden, dem durchlauchtigen und hochgeborenen Fürsten und Herrn, Herrn Philipp dem Älteren, weiland Landgrafen zu Hessen, Eurer Fürstlichen Gnaden Herrn Vater, meinem gnädigen Fürsten und Herrn hochlöblichen, christmilden und seligen Angedenkens, nicht weniger aber auch von Euren Fürstlichen Gnaden selbst. Und weil mir von beiden, dem hochge-
dachten Herrn Vater Eurer Fürstlichen Gnaden wie auch von Euren Fürstlichen Gnaden selbst, viel Gnade und Gutes widerfahren ist und ich mich schuldig erkenne, dankbaren Gehorsam zu leisten, habe ich diese schwere Arbeit umso lieber und getroster in die Hand genommen — wenn auch nicht gründlich und erschöpfend, so doch der Oberfläche nach, um anderen einen Anreiz zu geben, es besser zu machen. So habe ich mich als zwiefach Verpflichteter dieser Arbeit nach bestem Vermögen unterzogen. Ich hoffe, Eure Fürstlichen Gnaden werden mit diesem meinem untertänigen Willen und Talent gnädig zufrieden sein, nach der Meinung des Dichters: Bei großen Dingen ist es genug, gewollt zu haben.
Dass mir aber die Krittler vorwerfen, es sei mir nach dem Wort des Paulus als einem Theologen verboten, weltliche Sachen zu behandeln, dazu meine ich: Die guten Herren verstehen nicht — oder wollen mit Fleiß nicht verstehen —, wie weit den Geistlichen das Politische verboten ist. Zum Beweis sage ich: Die Verwaltung des jüdischen Reiches war eine ganz
politische und weltliche Sache. Dennoch befahl unser Herrgott den Priestern, sie sollten Recht und Gesetze studieren, damit im Notfall der König sich bei den Priestern Rat holen könne und sie ihn mit gutem Rat in der politischen Verwaltung nicht behindern, sondern fördern, damit es recht zugehe. Ja, unser Herrgott trug dem König auf, in wichtigen und schweren Händeln den geistlichen Rat zu gebrauchen und deren Urteil zu hören. Darum sagt der Prophet: Erkenntnis soll auf den Lippen der Priester sein, und das Gesetz soll man von ihnen lernen und erfragen. Daraus ist zu sehen, dass die jüdischen Priester Juristen gewesen sind. Die Geschichten der Bibel bezeugen, dass sie Ärzte waren und auch im Kriegswesen nicht unerfahren.
Und damit ich es kurz beschließe: Text und Geschichten der Bibel geben zu verstehen, dass ein Prediger, wenn nicht in allen, so doch in sehr vielen Dingen der Kundigste und so beschaffen sein soll, dass er dem Recht nach — wenn auch nicht in der Ausübung — die Befugnis hat, zu urteilen und zu reden.
Deswegen ist der Spruch des Paulus von den Vielgeschäftigen zu verstehen: von denen, die sich so tief in weltliche Geschäfte einlassen, dass sie sich auch über die Tatsachen das Urteil anmaßen und das Recht an sich ziehen; die darüber ihr Amt und das Predigen vergessen und alle Tage auf den Kanzleien streiten und Prozesse führen; die es nicht beim Wissen bewenden lassen, sondern sich in die Ausübung einhängen und einmengen und wie ein Krokodil zu Wasser und zu Land jagen, sich in der Kirche wie auf dem politischen Forum hören und sehen lassen.
Denn wenn aus dem angeführten Paulus-Wort folgen sollte, dass einem Theologen weltliche Händel und Geschäfte schlechthin verboten sind, dann dürfte ein Prediger auch kein Ehemann und kein Haushalter sein.
Weil ich also nur nebenher geschrieben habe, ohne dass mein Predigen und mein theologisches Studium darunter gelitten hätten, wird ein ehrbares und vernünftiges Herz mich wohl entschuldigt halten.
Nicht weniger gilt: Die ehrbaren Heiden
und ihre Gelehrten haben sich in der Erkenntnis der Natur und ihrer Ordnung sehr geübt und befleißigt und sind darin so weit gekommen, dass wir uns höchlich verwundern müssen, wie hoch und tief sie in die Natur eingedrungen sind — sodass wir zu unserer Zeit in vielen Dingen von ihnen lernen müssen.
Aber wie dem auch sei: Ihr Ziel und Ende war, dass Wissen an sich angenehm und süß ist, und es sind ihrer sehr wenige, die nach dem Warum gefragt und es gefunden haben. Darum sagt Paulus: Sie sind in ihren Gedanken eitel geworden.
Ein christlicher Theologe aber — oder Philosoph, denn der heilige Chrysostomus nennt die Theologie durchweg Philosophie — bleibt nicht bei der Erfahrung und Erkenntnis der Dinge, ihres Stoffes und ihrer Form stehen, also dabei, *dass* sie sind. Er sucht vielmehr die erste wirkende Ursache und das letzte Ziel: wer der sei, der es so haben will, und warum er es so haben will.
Darum haben uns die Heiden in der Erkenntnis der Dinge, die da sind, etwas vorgearbeitet und eine Hilfe
geleistet; das sollen wir dankbar erkennen und annehmen. Und was sie angefangen, aber unvollendet gelassen haben, das sollen wir aus Gottes Wort und Offenbarung zur Vollkommenheit führen.
Darum sagt Augustinus mit Recht: Wenn die Heiden etwas Gutes hatten und dessen Gebrauch nicht kannten, so sollen es die Christen ihnen entwenden — wie die Israeliten es den Ägyptern taten — und es in den rechten Gebrauch bringen, zu dem Gott es verordnet hat und haben will.
Deshalb ist die Erkenntnis der Dinge nach Stoff und Form ein heidnisches und philosophisches Studium; nach ihrer wirkenden Ursache und ihrer Absicht aber ist sie ein christliches und heiliges Studium. Denn Gott, der Allerheiligste, hat dies selbst hervorgebracht und eingerichtet und ist selbst ein Vater der Natur geworden; darum haben ihn die gelehrten Naturkundigen die schaffende Natur genannt. Und der allmächtige Gott wirkt noch unaufhörlich nicht nur die Natur, sondern in und durch die Natur —
oder über und außerhalb der Natur, was sehr selten geschieht, und wider die Natur gar nicht, wie die Theologen wissen.
Er befiehlt auch, dass die vernünftigen Geschöpfe die Natur wahrnehmen und nicht wie die Tiere in der Natur leben sollen, ohne sie zu wissen oder zu kennen. Darum hat er uns, wie eingangs erwähnt, so geschaffen, dass wir die Bilder der Dinge in unsere Sinne aufnehmen, sie fassen und lange Zeit bei uns tragen können.
Der große Herr und natürliche Meister, Gott selbst, erweckt und macht Naturkundige, gibt den Geist und fördert es auf wunderbare Weise, auch indem er es eingießt oder, wie es die Theologen nennen, einhaucht — wie an Salomo zu sehen ist. Ja, Gott, der höchste Theologe, zeigt Ort und Gebrauch der Natur und seines Geschöpfs in der heiligen Theologie selbst, sodass wir genau sehen können, wie und wozu er die Naturkunde gebraucht. Er hat dieses Studium der Natur bis hierher gewaltig und mächtig erhalten, sodass es nicht untergegangen, erloschen noch aufge-
hört hat, wie bei Josephus zu sehen ist. Und die Patriarchen Adam, Noah, Abraham und Jakob sind alle hervorragende, herrliche und große Naturkundige gewesen. Auch die besten Theologen — Christus selbst, Lukas, Paulus, Augustinus, die Magier, Chrysostomus, die Priester in Persien, Gregor von Nazianz — sind alle, wie auch zu dieser Zeit die allervornehmsten Theologen, Naturkundige gewesen.
Die Erkenntnis der Natur ist auch hochnötig, um den ersten Artikel unseres christlichen Glaubens zu verstehen — von der Erschaffung aller Dinge, vom Reich der Macht und Weisheit Gottes — ja, um die ganze Heilige Schrift auszulegen und zu verstehen. Denn niemand wird verstehen, was Salzsäule, Salzbund, Salzbrunnen, Salztal, Salzopfer und Besprengung sind; niemand wird erkennen noch verstehen, was diese Wendungen bedeuten und wollen: „Ihr seid das Salz der Erde" und „Eure Rede sei mit Salz gewürzt" — niemand außer einem Naturkundigen, der die Natur kennt.
Zwar will man einwenden, dass Erzketzer große Philosophen gewesen seien, was wohl zu glauben ist. Daraus folgt aber nicht, dass die Philosophie, die an sich
selbst heilig und göttlich ist, sie zu Ketzern gemacht hätte — sondern der schändliche Missbrauch der Philosophie hat das getan. Denn sie wollten Gottes mächtige und freie Hand mit ihrer Kunst meistern und der Freiheit Gottes die Natur entgegensetzen, wie sie ist und läuft, und mit dem natürlichen Lauf die übernatürlichen Taten Gottes ermessen und ergründen. So haben sie es unternommen, die Magd mit ihrer Herrin streiten zu lassen, der sie unterworfen ist und aufwarten soll: die Philosophie mit der heiligen Theologie, wie Hagar mit Sara.
Darum macht die Philosophie, wenn sie der Theologie aufwartet, nicht nur keinen Ketzer, sondern einen fleißigen Diener Gottes in den Reichen der Macht und der Gnade.
Auch der heilige Apostel Paulus verdammt, wo er vor der Philosophie in Kolossä warnt, nicht schlechthin und gänzlich dieses Studium. Er sagt vielmehr, es gebe ein Studium der Philosophie, das leer und
nichtig heißt, zur Gottseligkeit nichts nütze und nur auf weltlichen Zeitvertreib gerichtet ist — eines, das von den Dingen redet, wie sie sind, aber nicht, warum sie sind und woher sie kommen.
Sonst wird jeder, der die Schriften des Paulus mit Fleiß liest, bekennen und sagen, dass er in der wahren Philosophie sehr vortrefflich gewesen ist; denn er hat wohl von den Lufterscheinungen reden können, hat ihren Gebrauch und ihr Ziel gekannt und angezeigt. Er lobt es nicht, wenn man in der Philosophie anfängt, sie aber nicht zum rechten Ende bringen will; sondern wenn die begonnenen guten Gedanken und Betrachtungen, wie er es nennt, verschwinden und aufhören, ehe sie zum Ende kommen, das missfällt ihm.
Aus diesen wohl und fest gesetzten Gründen muss folgen, dass die Philosophie mit ihren Teilen keineswegs zu verachten ist, obwohl Heiden und Ketzer sie studiert haben. Vielmehr ist sie auch ein Studium Gottes und heiliger, erleuchteter Leute, und sie will auch anderen heiligen Leuten, besonders Predigern, wohl anstehen
und gebühren. Ja, sie ist aufs Höchste vonnöten, um die Heilige Schrift und den ersten Artikel unseres Glaubens recht auszulegen und zu predigen und um die Zuhörer durch die Darstellung der unendlichen Weisheit, Macht, Gerechtigkeit und Güte Gottes zur Furcht und Liebe Gottes und zum schuldigen Gehorsam zu leiten.
Wenn ich mich demnach — während andere die Zeit mit Schlafen, Müßiggang oder sonst ohne die Bibel zubringen — neben dem Predigtamt etwas auf dieses Studium des Salzwesens gewandt habe, das kein geringer Teil der Naturkunde ist, und wenn ich so den Meinen Gottes Werk, ja Gott selbst, besser bekannt zu machen suche: dann habe ich damit nicht nur nichts Tadelnswertes getan, sondern vielmehr Gottes Befehl ausgerichtet, mein Gewissen entlastet und der Welt mehr als andere gedient. Ich meine, ich sei um meines angewandten Fleißes willen weit eher zu loben als zu schelten.
Und was die Spötter angeht, die über diese meine Arbeit höhnisch lachen und mich leichtfertig verspotten werden —
meine Missgünstigen, die viel tadeln, aber selbst nichts machen und nichts zu verbessern wissen —, so sündigen sie entweder aus Unwissenheit, indem sie verdammen, was sie nicht kennen, oder sie tun mit Absicht und aus Bosheit unrecht. Mit solchen ist deshalb mehr Mitleid zu haben als zu streiten, weil sie mit derlei Verachtung nur ihre eigene Unweisheit, ihren groben Verstand und ihre Anmaßung zu bedecken meinen, von denen sie überschüttet sind.
Darum, hochgeborener Fürst, gnädiger Landesvater und Herr, habe ich es auf Eurer Fürstlichen Gnaden gnädiges Begehren hin in Gottes Namen gewagt, dieses Werk in die Hand genommen und es, soweit Gott Gnade gegeben hat, so weit gebracht, wie Eure Fürstlichen Gnaden hier gnädig sehen mögen.
Ich bin vornehmlich bei unserem hessischen Allendorfer Salzwerk geblieben und habe daneben etlicher anderer auswärtiger Salzwerke gedacht, die ich gesehen habe — doch nicht aller. Und weil, wie Aristoteles sagt, die Dauer die Dinge empfiehlt und lobt, von denen man schreibt, so habe ich in meinem Schreiben und Werk besonders auf das
uralte Herkommen dieses unseres Allendorfer Salzbrunnens gesehen. Danach habe ich beobachtet und aufgezeichnet, was sich in der Folge zugetragen hat und wie durch die hochlöblichen Fürsten zu Hessen diesem löblichen und nützlichen Werk Gottes mit allerlei Mitteln geholfen worden ist, sodass es, wie es heute vor Augen steht, in solchen Wohlstand gekommen ist und darin gehalten wird.
Was ich sonst noch in diesem Werk behandelt habe, können Eure Fürstlichen Gnaden auf dem umgeschlagenen Blatt gnädig sehen.
Dieses mein geringes Werk aber will ich Euren Fürstlichen Gnaden als meinem gnädigen Landesfürsten und — nächst Gott — höchstem Beschützer untertänigst mit gebührender und demütiger Ehrerbietung zueignen und widmen, mit der Bitte um gnädigen Schutz. Ich bitte demütig, Eure Fürstlichen Gnaden wollten diese meine Arbeit meine Arbeit sein und bleiben lassen. Wer etwas Besseres zu machen weiß, dem soll es von mir unbenommen sein.
Wollten Sie auch mein und meiner Kinder gnädiger Herr sein und dieses Werk mehr
um meines untertänigen Gehorsams und meiner guten Absicht willen als um ausführlicher großer Kunst willen — wie es billigerweise sein sollte — in Gnaden von mir aufnehmen und sich daran genügen lassen.
So will ich fortan mit allem Vermögen meines Leibes und Lebens Euren Fürstlichen Gnaden zu untertänigem Gefallen bei Tag und Nacht dienen und mich befleißigen, bei Gott mit meinem Vaterunser für Eure Fürstlichen Gnaden und für deren junge Herren und Fräulein leibliche Gesundheit und ein friedliches Regiment zu erbitten.
Dieselben der Gnade des Allmächtigen und mich Ihrem gnädigen Schutz untertänigst befehlend,
Eurer Fürstlichen Gnaden untertäniger, gehorsamer und treuer, fleißiger
Johannes Rhenanus,
Pfarrer und Salzgraf zum Sooden.
Unsichere Lesungen
Z. 14: E. F. Gl. — kalligraphische Kürzel, Lesung unsicher
Rhenanus’ eigenes Inhaltsverzeichnis, auf drei Blättern. Es ist der Schlüssel zum ganzen Werk: Jedes der fünf Bücher und jeder der vier Anhänge wird in ein bis zwei Sätzen beschrieben. Man erfährt hier auch, wer ihm zugearbeitet hat — das Glossar stammt vom Holzvogt Hans Wagener, das Spezialprobierbuch hat Christoph Homberg begonnen.
Der erste Satz ist bemerkenswert. Das erste Buch soll beweisen, „mit stichhaltigen Argumenten aus wahren Geschichtsquellen“, dass das Salzwerk schon „vor Christi Geburt, zu den Zeiten des Cornelius Tacitus“ bestanden habe. Rhenanus schreibt nicht Chronik. Er führt einen Beweis.
Redaktionelle AnmerkungS. 43–47
Was Rhenanus hier als Beweis ankündigt, hält er im ersten Buch nicht. Er sagt das am Ende selbst. Die Anmerkungen zum ersten Buch gehen dem nach.
Das Inhaltsverzeichnis ist zugleich der beste Beleg dafür, dass die Salzbibel ein geplantes Werk ist und keine gewachsene Sammlung. Rhenanus beschreibt jedes Buch, ehe er es schreibt, nennt seine Zuarbeiter — den Holzvogt Hans Wagener für das Glossar, Christoph Homberg für das Probierbuch — und legt damit offen, was heute ein Herausgeber im Vorwort täte.
HandschriftS. 43 Bl. 19 Innhalt des ganntzen wercks
Vom ersten Ursprung des Salzwerks Sooden; darin wird mit stichhaltigen Argumenten aus wahren Geschichtsquellen (ex veris historiis) bewiesen, dass dieses Salzwerk schon vor Christi Geburt, zu den Zeiten des Cornelius Tacitus, Karls des Großen und des heiligen Bonifatius bestanden hat und bis auf diese Zeit geblieben ist; samt den Privilegien der Pfänner.
Darin allerlei Schreiben, Ratschläge und Bedenken: was unseren gnädigen Fürsten und Herrn hochlöblichen Gedächtnisses bewogen hat und wie Seine Fürstlichen Gnaden dazu gekommen sind, über die 42 Pfännerböden (Siedehäuser) hinaus noch mehr zu bauen, und was deshalb auf allen Seiten vorgefallen ist.
Der daraufhin erfolgte Vertrag, dazu etliche inzwischen ergangene Nebenverhandlungen, durch die unser gnädiger Fürst und Herr etc. veranlasst wurde, sich auf die zweimal wiederholte Location (Verpachtung) einzulassen.
darauf die Ordnung, die Jost Becker vorgeschlagen hat, dann die Ordnung, die ich, Rhenanus, zusammengezogen habe, und endlich etliche Holzordnungen, die mit denen von Allendorf und anderen aufgerichtet worden sind.
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… Pfänner vor dem letzten Brunnenbau errichtet haben, [darin werden] danach der andere (zweite) Brunnenbau, der unter unserem gnädigen Fürsten und Herrn geschehen und vom seligen Jost Becker beschrieben worden ist, und dann auch die Ankündigung des Stollenbaus, der hernach vorgenommen werden soll, beschrieben.
Ein allgemeines Resolvier-Buch (Erklärungsbuch) über alle Fachausdrücke (Terminos), Namen und Wörter, die in den oben genannten Büchern vorkommen; es hat der Holzvogt Hans Wagener angefertigt.
Unsichere Lesungen
Jost Beckernn — Name mit Zierstrich durch ck; Lesung Becker nicht voellig sicher (auch Vecker denkbar)
Auszug (Extract) aus allen bei mir verwahrten Büchern und Briefen, aus denen ich dies alles exzerpiert habe; darin wird angezeigt, wo und in welchem Buch oder Konvolut man jede Sache suchen und finden soll, etc.
Unsichere Lesungen
in sonndernn — Lesung nicht ganz sicher; Sinn: insonderheit, im Einzelnen
Faszikel A-F, H und AA — Bleistiftvermerk moderner Hand, erstes Wort schwer lesbar (Faszikel?)
Warum der Anfang so schwer ist. Rhenanus beginnt sein Werk nicht mit dem Salzwerk, sondern mit einer Entschuldigung. Wer über die Frühzeit reden wolle, dem lägen „dreierlei Dinge aufs Beschwerlichste im Wege“ — und ohne die vorher zu klären, könne niemand „etwas der Wahrheit Gemäßes“ sagen.
Erstens: Die alten Deutschen hätten „gar keine gelehrten Leute bei sich gehabt“, die aufgeschrieben hätten, was bei ihnen geschah. Wer etwas wissen will, ist auf römische Autoren angewiesen — Ptolemäus, Strabo, Plinius, Tacitus —, und die schrieben über Fremde und Feinde. Immerhin, räumt er ein, würden sie die Deutschen trotz allem „wegen ihrer hohen Tugenden herrlich rühmen“.
Zweitens: Diese Römer gäben den deutschen Völkern „so seltsame, verdunkelte Namen“, dass sich nichts Sicheres daraus ablesen lasse; man könne nur „mutmaßen und gleichsam nach Gutdünken schließen“.
Drittens: Die Völker seien gewandert. Nach so vielen „Migrationen, Auszüge und Vertreibungen“ sitze „beinahe kein Volk mehr“ dort, wo seine Ureinwohner gewohnt hätten.
Trotzdem hat sein Landesherr ihm den Auftrag erteilt. Also legt er sich einen Plan zurecht — drei Fragen in dieser Reihenfolge: Wo lagen die Grenzen der Chatten?Welcher Berg ist der Melibocus?Und um welchen Salzbrunnen haben Chatten und Hermunduren gekämpft? Sind die drei geklärt, meint er, „kann alsdann leicht über die wahre Entstehung dieses Salzwerks geredet und ein Schluss gezogen werden“.
Man sollte diesen Aufbau ernst nehmen. Rhenanus schreibt keine Chronik, die vorn anfängt — er stellt eine Beweiskette auf und arbeitet sie ab. Dass die Kette am Ende nicht trägt, wird er selbst zugeben.
Redaktionelle AnmerkungS. 49–61
Wo Rhenanus recht behalten hat. Seine Grundthese — die Chatten sind das Volk, aus dem die Hessen wurden — ist der heutige Forschungsstand. Die Namensreihe lässt sich Schritt für Schritt verfolgen: Chatti (um 100 n. Chr.) → Hatti → Hazzi → Hassi (um 700) → Hessi (738) → Hessen. Die erste urkundliche Erwähnung steht 738 in einem Papstschreiben und meint zunächst ein einzelnes Volk an der unteren Fulda.
Auch mit den Batavern liegt er nicht falsch. Dass die Bataver ein nach inneren Zerwürfnissen abgespaltener Teil der Chatten waren, die im späten 1. Jahrhundert vor Christus auswanderten, ist bis heute die gängige Auffassung — Rhenanus hat sie aus Tacitus.
Wo er dem Zeitgeschmack folgt. Was er daraus macht, ist dagegen humanistische Namensdichtung: ein Fürst Batavus, der Batavia gründet, sein Sohn Hessus, der den Hessen den Namen gibt und in Nimwegen den „Hessenberg“ baut. Solche Ahnherren wurden im 16. Jahrhundert für ganze Länder erfunden; sie erklären Namen, indem sie eine Person hinter sie setzen. Ebenso steht es mit Katalonien: Für eine Herleitung aus den Chatten gibt es keinen Anhalt.
Und sein Siedlungsgebiet ist zu groß geraten. Das chattische Kerngebiet lag in den Tälern von Eder, Fulda und oberer Lahn; nach 15 n. Chr. verdichtete es sich auf die Ebene von Fritzlar-Wabern, das Kasseler Becken und die westhessische Senke bis ins Gießener Becken. Rhenanus zieht die Grenze bis an den Rhein, den Main und nach Westfalen — er beschreibt damit eher das Hessen seiner Zeit als das Land der Chatten. Dass er sich dabei auf die Selbstbezeichnung der Bewohner beruft („weil sich aber bis auf den heutigen Tag von allen vier Seiten her die Einwohner zu den Chatten und Hessen bekennen“), sagt es unfreiwillig selbst.
Für seine Arbeitsweise ist trotzdem etwas festzuhalten: Er nennt seine Gewährsleute, datiert sein Gespräch mit den beiden Lotichius in Schlüchtern auf 1559 und trennt sauber zwischen Gelesenem und Gehörtem. Das ist mehr Quellenangabe, als die meisten Chroniken seiner Zeit bieten.
Von der ersten Entstehung des Salzwerks Sooden, worin mit stichhaltigen Argumenten aus wahren Geschichtsquellen bewiesen wird, dass dieses Salzwerk schon vor Christi Geburt, zu Zeiten des Cornelius Tacitus, Karls des Großen und des heiligen Bonifatius, bestanden hat und seither in stetigem Betrieb bis auf diese Zeit geblieben ist, samt den Privilegien der Pfänner.
Wenn einer es unternehmen will, von der ersten Entstehung des Salzwerks Sooden zu reden, so werden ihm dreierlei Dinge aufs Beschwerlichste im Wege liegen, ohne deren vorausgehende Erläuterung niemand etwas der Wahrheit Gemäßes wird reden oder schreiben können.
Denn erstens ist aufs Höchste zu beklagen, dass unsere Vorfahren, die alten Deutschen, gar keine gelehrten Leute bei sich gehabt haben, die das, was sich bei den Deutschen zugetragen hat, in deutscher Sprache hätten beschreiben können.
↪Fortsetzung von der vorigen Seitewie es die alten heidnischen Geschichtsschreiber hin und wieder in ihren Büchern erwähnen und es zudem die Erfahrung selbst ausweist.
Zum Zweiten: Obschon die alten und heidnischen Geschichtsschreiber wie Ptolemäus, Strabo, Plinius und Cornelius Tacitus, auch etliche der Neueren, in ihren Büchern der Deutschen gedenken und sie – ungeachtet dessen, dass sie die Deutschen für Barbaren halten – gleichwohl wegen ihrer hohen Tugenden herrlich rühmen,
so geben sie doch den Völkern deutschen Landes so seltsame, verdunkelte Namen, dass man daraus nichts recht Gewisses entnehmen, sondern vielmehr nur mutmaßen und gleichsam nach Gutdünken schließen kann.
Zum Dritten haben sich auch so mancherlei Migrationen, Auszüge und Vertreibungen der Völker zugetragen, dass beinahe kein Volk mehr seinen alten und ersten Sitz innehat, wo zuvor seine Ureinwohner gewohnt haben,
sodass man deshalb in dieser Zeit umso mehr darauf sehen und sich befleißigen muss, was die richtigen Grenzen der alten, ehemaligen Völker↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
vnangesehenn — Minims mehrdeutig; Lesung aus dem Sinnzusammenhang (unangesehen = ungeachtet)
bey nahennts — Schreibung der Endung nicht ganz sicher
Weil mir aber dessen ungeachtet von meinem gnädigen Fürsten und Herrn zu Hessen gnädiglich auferlegt und befohlen worden ist, über die Entstehung des Salzwerks Sooden vor Allendorf an der Werra, das Seiner Fürstlichen Gnaden gehört, so fleißige Nachforschung wie irgend möglich anzustellen,
und ich hierzu auf keinem besseren Weg vorankommen kann, als wenn ich zuerst die richtigen alten Grenzen – die Terminos Cattorum, die Grenzen der Chatten – aus den alten Historikern, Kosmographen und Geographen gründlich aufsuche und dieselben Grenzen, wie sie von alters her benannt worden sind, mit den jetzt gebräuchlichen vergleiche.
Zum Zweiten: Weil die alten Geschichtsschreiber einmütig (wie auch die neueren) den Berg Melibocus erwähnen und ihn zugleich innerhalb der Grenzen der Chatten ansetzen, muss ich auch mit Fleiß dem nachgehen, welcher Berg denn heute derselbe sei,
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteChatten so zweifelhafte und ungewisse Dinge hierüber behauptet werden, dass man – gleich als ob die Gebirge Abnoba und Obnoba den Melibocus ganz unsichtbar gemacht hätten – nicht mehr wissen kann, wo der gedachte Berg heute gelegen sei.
Und zum Dritten: Wenn die Grenzen und Termini der Chatten, desgleichen die Lage des Melibocus, derart erforscht sind, dass ich alsdann mit Fleiß erkunden kann, um welche Salzbrunnen sich die Chatten mit den Hermunduren geschlagen haben,
und ob es, wie die jetzigen Gelehrten ohne Grund behaupten, die Brunnen zu Halle in Sachsen oder die zu Allendorf, Frankenhausen oder Salzungen gewesen seien –
Wo die Chatten wohnten. Die Chatten sind das Volk, aus dem später die Hessen wurden. Rhenanus geht ihre Grenzen nach allen vier Himmelsrichtungen durch und nennt zu jeder die Orte, die heute dort liegen — damit ein Leser des 16. Jahrhunderts sich etwas darunter vorstellen kann. Und er beginnt mit einer Spitze gegen einen Kollegen: Es verwundere ihn „aufs Höchste“, warum Franciscus Irenicus behaupte, „dass von den Chatten keine Spur mehr zu finden sei“.
Im Osten: Weser und Werra mit den anliegenden Bergen; dahinter Tubanten, Chaudriner und Chattuarier, „wo jetzt die Eichsfelder liegen“ — er nennt sogar die drei Dörfer, an denen der Name hängt: Kirchgandern, Ober- und Niedergandern. Daraus folgert er, dass die vielzitierte gemeinsame Grenze zu den Cheruskern nie bestanden hat.
Im Süden: die Rhön, das Buchenland, Salzungen, Fulda, Schlüchtern, Gelnhausen, Hanau — bis an den Spessart, die Kinzig und den Main. Im Westen: bis an den Rhein, zu den Usipiern und den Mattiaci fontes, die Leonhard Fuchs für die Wiesbadener Brunnen hält; dort habe Mattium gelegen, der Hauptort der Chatten. Im Norden: das Hessische Gebirge, Engern, Westfalen bis an die Weser, dazu Waldeck, Wolfhagen, der Desenberg und die Diemel hinunter.
Er sagt auch, woher er das weiß, und das ist für seine Arbeitsweise bezeichnend. 1559 sei er in Schlüchtern bei zwei Verwandten gewesen — Petrus Lotichius dem Älteren, Abt daselbst, und dem gelehrten Petrus Lotichius dem Jüngeren. Die hätten ihm die Südgrenze selbst gezeigt, sich „Chatten genannt“ und das Haus Steckelberg an der Kinzig als hereditarius limes, Erbgrenze der Chatten, gedeutet. Neben den Büchern steht die Auskunft von Zeugen.
Dann zwei Abschweifungen, die ihm sichtlich Freude machen. Die Chatten seien ein indigena gens, „ein eingeborenes Volk“, das nie vertrieben worden sei; wurde es zu viel, so zog man aus. Ein Fürst Batavus sei fortgezogen, habe Batavia — Holland — gegründet und wie Battenberg nach sich benannt; daher heiße Katwijk noch heute so, gleichsam Cattorum vicus. Sein Sohn Hessus habe den Chatten den Namen der Hessen hinterlassen und in Nimwegen den Hessenberg erbaut. Und die Chatten seien sogar „mit Gewalt nach Hispanien“ gezogen und hätten dort Katalonien benannt.
Eine Gegenmeinung räumt er im selben Zug ab: Wer behaupte, um Magdeburg und Halberstadt habe ein Volk „Hessen“ gewohnt, das die Chatten vertrieben habe, berufe sich allein auf den Ortsnamen Hessheim — „aber weil dies ein loser Grund ist“ und weder alte noch neue Geschichtsschreiber davon wüssten, sei die Meinung „ganz und gar zu verwerfen“.
Am Ende ein Stolzbekenntnis mit zwei Zitaten. Tacitus habe gesagt: „wenn die übrigen Völker zur Schlacht ausziehen, ziehen die Chatten in den Krieg“; und Vadianus: Stat adhuc vetus gloria Cattorum. Dazu ein Sprichwort, das er offenbar gern hört: „Wo Hessen und Holländer verderben, wer wollte da Nahrung erwerben?“ Und die Begründung, warum das alles hier steht: Er habe es „aus Liebe und zu Ehren meines geliebten Vaterlandes“ nicht unterlassen können.
Vom Sitz der alten Chatten, von deren richtigen Grenzen an Flüssen, Bergen, Wäldern und dergleichen, und vom jetzigen Sitz der Hessen, die an ihre Stelle getreten sind und so genannt werden.
Wenn ich nun zuerst den richtigen Sitz der alten Chatten bei den alten Schriftstellern, Kosmographen und Geographen erforsche, so finde ich gleichwohl, dass sie kaum bei einem Volk die Grenzen so einhellig angeben wie bei den Chatten;
weswegen es mich denn auch aufs Höchste verwundert, warum Franciscus Irenicus so ganz ohne Grund behauptet, dass von den Chatten keine Spur mehr zu finden sei.
Denn gegen Sonnenaufgang setzen die Alten ja die Weser und Werra und die dort angrenzenden Berge als Grenze, hinter diesen Bergen und Flüssen aber die Tubanten, Chaudriner und Chattuarier,
↪Fortsetzung von der vorigen Seiteund das Land zu Göttingen sind, bis an den Brackenberg und bis gegen Lippoldsberg; hinter diesen Völkern hatten dann die Cherusker, Harzländer, Brukterer und Chauken ihre Sitze.
Und so zeigt sich, dass die Cherusker – wie viele es behaupten wollen – mit den Chatten niemals eine gemeinsame Grenze gehabt haben, sondern durch die Tubanten und die genannten Völker von ihnen getrennt gewesen sind.
Und weil die Hermunduren, die jetzt die Thüringer sind, ihre Grenze gegen die Chatten hin bis an den Hörselberg bei Eisenach und von dort auf die Werra oder Weser erstrecken,
so ist man nunmehr gewiss, was die Chatten für Limites und Grenzen gegen Sonnenaufgang – das heißt nach dem Land zu Thüringen, dem Eichsfeld und Sachsen hin – gehabt haben:
Gegen Süden haben die Chatten die Fosi – die Schoppern und andere auf die Bewohner im Fürstentum Henneberg, in der Rhön, im Buchenland und in Franken deuten –, sodann die Abnobischen Berge,
in welchem Umkreis Salzungen, Breitungen, der Rockenstuhl, Fulda, Neuhof, Steckelberg, Schlüchtern, Büdingen, Gelnhausen, Hanau, Bergen und Ortenberg liegen – bis an den Spessart und die Kinzig, bis an den Main.
Hier kann ich zur weiteren Bestätigung dieser meiner Meinung nicht unterlassen, meiner beiden seligen Vettern zu gedenken: des Petrus Lotichius des Ersten, Abts zu Schlüchtern, und des gottseligen Doktors Petrus Lotichius des Zweiten,
die mir selbst, als ich im Jahr 1559 bei ihnen in Schlüchtern war, diese Grenzen so angezeigt, sich Chatten genannt und das uralte Haus Steckelberg an der Kinzig (das jetzt den Edlen von Hutten gehört) als die Erbgrenze (hereditarius limes) der Chatten gedeutet haben.
Unsichere Lesungen
Schoppern — Gelehrtenname unsicher gelesen; wohl Verweis auf einen Autor (Schopper?)
Fosos — Völkername nach Tacitus (Fosi); Endung nicht ganz sicher
Steckelbergk — Auch Lesung Sterkelbergk möglich; gemeint ist die Burg Steckelberg an der Kinzig (Haus der von Hutten)
Hie — Satzanfang mit großer Zierinitiale, Lesung des Wortes unsicher (Hie/Wie/So)
Gegen Niedergang (Westen) beschreiben die Historiker und Kosmographen einhellig, dass dort die an die Chatten angrenzenden Völker – die Usipier und Usipeten – und der Rhein seien.
Diese hält man jetzt für die Rheingauer; und daneben die Mattiacos fontes (die Mattiakischen Quellen), von denen Plinius in Buch 31, Kapitel 2 schreibt und die Leonhard Fuchs für die Brunnen zu Wiesbaden hält.
Weil aber Beatus Rhenanus schließt, dass Katzenelnbogen seinen Namen von den Chatten und dem Melibokus herhabe, und andere dem beitreten,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Vsipij vnnd Vsipetes — Völkernamen (Usipii/Usipetes nach Tacitus), Schreibung der Endungen nicht ganz sicher
Mattmell — Ortsname unsicher gelesen; Zierstriche durch tt erschweren die Lesung
↪Fortsetzung von der vorigen Seitekann ich nicht anders schließen, als dass die Rheingauer und Katzenelnbogener bis an den Rhein und sodann die Einwohner gegen Koblenz hin, die Lahn herauf bis an die Dill, unter die Chatten gehören.
Gegen Norden treten hervor die Montes Obnobii, jetzt das Hessische Gebirge genannt, Engern, das Land der Angrivarier, die Chamaver und ganz Westfalen, bis an die Weser.
Ferner die ganze Grafschaft Waldeck, Eisenberg, Kogelsberg, Wolfhagen, der Desenberg, die Malsburg, der Weidelsberg, Schöneberg und die Krukenburg, die Diemel herunter.
↪Fortsetzung von der vorigen Seiteund teilt sich danach in zwei Teile oder Äste, von denen der eine die Werra hinaufführt, der andere zum Harzwald durch das Gebiet der kleinen Chauken streicht, näher zu den Brukterern und Chamavern hin.
Dass nun diese die rechten Grenzen der alten Chatten gewesen sind, kann – ungeachtet dessen, dass viele, die bisher geschrieben haben, ganz dunkel, ja viel dunkler als Cornelius Tacitus, der ein Ausländer war, davon reden –
hinreichend aus den folgenden neuen und alten Autoren bewiesen werden: aus Plinius, Mela, Strabo, Tacitus, Ptolemäus, Paterculus, Vadianus, Althamer, Pirckheimer, Celtis, Silvius, Münster und Schopper.
Es möchte wohl für nötig gehalten werden, die Zeugnisse aller dieser hier beizufügen; weil sich aber bis auf den heutigen Tag von allen vier Seiten her die Einwohner zu den Chatten und Hessen bekennen und auch die Fürsten zu Hessen deren größtenteils mächtig sind, will ich es hierbei bewenden lassen.
Unsichere Lesungen
Cauchos — Völkername (Chauci minores bei Tacitus), Lesung des au nicht ganz sicher
das von keinem Volk jemals vertrieben worden ist; sondern wenn das Volk sich bei ihnen vermehrte, hat einer den anderen verdrängt oder ist selbst gewichen, in fremde Länder gezogen und hat diese eingenommen, bebaut und bewohnt.
Besonders aber bezeugen die Historiker und Kosmographen, dass Batavia, jetzt Holland genannt, ein Teil der Chatten (pars Cattorum) sei und von Batavus, ihrem Fürsten, den Namen empfangen habe,
der aus dem Land der Chatten fortzog, Batavia erbaute und es – ebenso wie Battenberg im Land zu Hessen – nach seinem Namen benannte; daher hat auch Katwijk (gleichsam Cattorum vicus, Dorf der Chatten) in Holland den Namen behalten.
Unsichere Lesungen
Jemachls — Wohl Schreibvariante von jemals; ch nicht ganz sicher
gewenndet — Lesung des Verbs nicht ganz sicher (gewenndet/gewandert)
denn er hat dort zu Nimwegen die halbe Stadt erbauen und sie nach seinem Namen Hessenberg nennen lassen – so heißt sie bis auf den heutigen Tag –, wie er denn auch Hessenstein erbaut haben soll.
dass um Magdeburg und Halberstadt her ein Volk, die Hessen genannt, gewohnt habe, das später die Chatten vertrieben und sich an ihre Stelle gesetzt haben soll.
↪Fortsetzung von der vorigen Seiteund da ihrer sonst weder alte noch neue Geschichtsschreiber der Hessen gedenken, ist eine solche Meinung ganz und gar zu verwerfen.
Desgleichen bezeugen auch die Historiker und Kosmographen, dass die Chatten weit umhergeschweift sind, und insbesondere, dass sie auch mit Gewalt nach Hispanien gezogen sind, einen großen Teil des Landes eingenommen und ihn nach sich Katalonien benannt haben.
In Summa: Sie haben je und allezeit einen herrlichen Namen gehabt und ihn (Gott sei Lob) bis heute behalten, sodass Cornelius Tacitus sich nicht scheute, von ihnen zu sagen: Quando reliqui populi exeunt ad praelium, Catti exeunt ad bellum – wenn die übrigen Völker zur Schlacht ausziehen, ziehen die Chatten in den Krieg.
Und Joachimus Vadianus sagt: Stat adhuc vetus gloria Cattorum – noch besteht der alte Ruhm der Chatten; daher ist noch das Sprichwort geblieben: Wo Hessen und Holländer verderben, wer wollte da Nahrung erwerben?
Ein Berg wird gesucht. Ptolemäus setzt im Gebiet der Chatten einen Berg Melibocus an und nicht weit davon den Wald Semana. Welche das heute sind, weiß niemand. Rhenanus gibt seine Ratlosigkeit offen zu: „da weiß ich wahrlich beinahe nicht, wo hinaus oder wo hinein“.
Zuerst räumt er die herrschende Meinung ab. Etliche „hochgelehrte und verständige Leute“ hielten den Brocken dafür. Dagegen zwei Gründe. Der erste ist geographisch: Der Brocken liegt mitten im Harz, im Gebiet der Chauken und Brukterer, sechs Meilen jenseits der Chattengrenze. Der zweite ist ein Beobachtungsargument, und es ist das stärkere: Über den Melibocus stehe geschrieben, er sei fruchtbar „bis oben auf den höchsten und sehr breiten Gipfel“ — der Brocken aber sei „ein schmaler, aufsteigender, spitzer und oben ganz trockener, dürrer und öder Berg, wie es der Augenschein ausweist“. Er weiß das, weil er dort gewesen ist: Ab Schaubenstein finde man „nicht ein einziges Sträuchlein“. Lieber wolle er ihn Mons Bructerorum nennen.
Dann erzählt er von einem eigenen Irrtum, und das ist die ehrlichste Stelle des Buches. Vor 32 Jahren habe ihm bei Roßdorf ein Pfarrer einen Berg als Melibocus gezeigt; er sei hinaufgestiegen, habe ihn besichtigt und es geglaubt, „weil er in der Grafschaft Katzenelnbogen liegt“. Später sei ihm aufgefallen, dass der Berg jenseits des Mains liegt, also außerhalb des Chattengebiets, und dass er oben „dürr, eng und nicht breit“ ist. Da „habe ich diesen gefassten Wahn fahren lassen“.
Sein Ergebnis ist der Meißner. Der liegt innerhalb der Grenzen, ist der höchste Berg diesseits von Werra, Weser und Diemel, hat seit je Bergwerke und Erzgruben — „wie es allenthalben die alten Pingen anzeigen“ —, trägt am Fuß „das löbliche uralte Salzwerk Sooden“ und ist bis hinauf fruchtbar, „selbst in den Klippen und Felsen“.
Und dann zählt er auf, was dort wächst, und die Liste ist eine kleine Botanik. Jährlich kämen Leute aus fremden Ländern, um Kräuter zu suchen, „die an anderen Orten nicht wachsen“: die Scorzonera in zweierlei Gestalt, „das herrliche, gegen alle Gifte wirkende Kraut“, das man sonst „mit großen Kosten aus Spanien“ holen lasse; dazu Coronopus, Ferrocavallo, Iva arthritica, „das edle Wundkraut Solidago sarracenica“, die Uva inversa des Doktor Dodonaeus, Aconitum pardalianches, Buxus repens, Acorus, Chamaedrys, Lunaria minor und Ebulum; an Gehölzen Eibe, Schneeball, Johannisbeere und Traubenholunder.
Etliche suchten dort auch Erze — und daher, schreibt er, sei bei den Fremden ein Sprichwort aufgekommen: „Die Hessen werfen manchmal nach einer Kuh mit einem Stein, obwohl der Stein — wenn sie ihn kennten — mehr wert ist als die Kuh.“
Nicht vergessen wird das Neueste: das neu erfundene Steinkohlenbergwerk, von dem „offenbar und jedermann bekannt“ sei, welchen Nutzen es dem Salzwerk, den Hütten, den Schmieden und den Haushaltungen bringe „und wie eine große Menge Menschen sich davon erhalten und ernähren können“.
Zum Schluss der Stolz, offen ausgesprochen. Beatus Rhenanus habe sich gerühmt, die Herkunft der Katzenelnbogener gefunden zu haben — „umso mehr will es mir als dem anderen Rhenanus geziemen“, sich zu freuen, dass er post multa secula, nach vielen Jahrhunderten, „den wahren Ort des Melibocus hervor- und an den Tag gebracht“ habe. Und gleich darauf die Namenserklärung: Weil der Berg lange mit Schnee bedeckt sei und sich „weit und breit weiß sehen lässt“, heiße er heute Weißener; Ptolemäus habe ihn nach der „Fülle und Süßigkeit der Weiden“ benannt.
Und dann der Satz, der ihn als Wissenschaftler ausweist: „Schließlich will ich den Weißener so lange für den Melibocus halten, bis ich von anderen etwas Besseres und Beständigeres unterrichtet werde.“
Redaktionelle AnmerkungS. 62–75
Ein Detail für die Bergbaugeschichte: Rhenanus erwähnt beiläufig das Steinkohlenbergwerk am Meißner und dessen „großen Nutzen“ für Salzwerk, Hüttenwerk und Schmieden — geschrieben von dem Mann, der die Saline zwei Jahrzehnte zuvor auf eben diesen Brennstoff umgestellt hatte. Es ist der Braunkohlenbergbau am Meißner, in dem nach Waitz von Eschen (2005) ab 1578 erstmals auf dem europäischen Kontinent regelmäßig Kohle für einen Betrieb gefördert wurde — und er beschreibt ihn hier wie eine Nebensache.
Der Melibocus — ein Streit, den es ohne die Humanisten nicht gäbe. Ptolemäus nennt ein Μηλίβοκον, und die Gelehrten des 15. und 16. Jahrhunderts suchten es auf der Karte. Die heute übliche Deutung ist ausgerechnet die, die Rhenanus verwirft: der Harz. Er hat also, nach dem heutigen Stand, unrecht.
Bemerkenswert bleibt trotzdem, wie er argumentiert. Statt Namen zu vergleichen, prüft er die überlieferten Eigenschaften am Gelände: Der Melibocus soll bis zum breiten Gipfel fruchtbar sein — der Brocken ist es nicht, „wie es der Augenschein ausweist“, und er sagt dazu, wo genau die Vegetation aufhört. Dass er seine eigene frühere Meinung über einen Berg bei Roßdorf widerruft und den Irrtum stehen lässt, gehört in dieselbe Haltung.
Und der Berg, der heute Melibokus heißt — der im Odenwald —, trägt den Namen selbst erst durch einen Gelehrtenirrtum. Er hieß Malschen oder Malchen und erscheint 1012 als mons malscus; die Umbenennung nach Ptolemäus setzt sich erst nach dem Ende des 15. Jahrhunderts durch. Rhenanus stritt also in einer Debatte, in der auch die Gegenseite mit einem frisch erfundenen Namen arbeitete.
Zum Wald Semana ist wenig zu sagen, weil auch die heutige Forschung wenig weiß. Rhenanus geht mit seiner Unsicherheit offen um — „Da habe ich fürwahr keinen Schriftsteller zu Hilfe“ — und nennt seinen zweiten Grund für den Seulingswald selbst: dass dieser Wald „nun seit fünfundvierzig Jahren“ das Salzwerk versorgt. Er weiß, dass ihn das Interesse leitet, und schreibt es hin.
Die Kräuterliste vom Meißner ist unabhängig davon eine wertvolle Quelle. Sie nennt für das 16. Jahrhundert Pflanzen mit ihren damaligen Namen und bezeugt, dass auswärtige Sammler eigens anreisten — ein früher Beleg für den Meißner als botanisch bemerkenswerten Standort, lange bevor er unter Schutz gestellt wurde.
Denn obschon Ptolemäus denselben ausdrücklich intra terminos Cattorum – innerhalb der Grenzen der Chatten – und nicht weit davon den Wald Semana setzt, nimmt es mich daher wunder, warum etliche Schreiber den erwähnten Meliboco außerhalb dieser Grenzen gesucht haben.
Denn etliche hochgelehrte und verständige Leute haben sich dahin verleiten lassen, dass sie den Brocken, der mitten im Harz und intra terminos Cauchorum und Bructerorum – im Gebiet der Chauken und Brukterer – liegt,
Sie hätten aber auch darauf achtgeben sollen, dass davon weiter geschrieben steht, dass er ganz fruchtbar sei bis oben auf den höchsten und sehr breiten Gipfel – Umstände, von denen keiner auf dem Brocken zu finden ist.
Weshalb ich diesen hohen Berg – dessengleichen es ohnehin im ganzen Land zu Sachsen keinen gibt – lieber Montem Bructerorum, das heißt Brukterer-Berg, nach den Brukterern, die dort ihre Grenze hatten, deuten und nennen will als Meliboco.
Unsichere Lesungen
struck — Wort nach 'Pferdt' unsicher, wohl 'Struck'/'Strut' (Herde bzw. Gestüt); Sinn: wo der Herzog von Braunschweig seine Pferde hält
Schaubennstein — Ortsname am Brocken unsicher, evtl. 'Scharfenstein'
Es ist mir aber auch vor 32 Jahren ein Berg in der oberen Grafschaft Katzenelnbogen bei Roßdorf gezeigt worden; ich bin auch selbst hinaufgestiegen und habe ihn besichtigt; dieser ist zwar sehr hoch, denn man kann darauf weit um sich sehen.
Und der Pfarrer des Ortes hat mich damals unterrichtet, dass derselbe Berg der Melibocus sei, worin ich ihm auch deshalb beigepflichtet habe, weil er in der Grafschaft Katzenelnbogen liegt.
Als ich aber nach dieser Zeit den Dingen nachgedacht habe – dass der erwähnte Berg auch extra terminos Cattorum, jenseits des Mains, liegt und dass er oben sehr dürr, eng und nicht breit ist –,
habe ich diesen gefassten Wahn fahren lassen und mich wiederum an Ptolemäus, Dasypodius und nunmehr Schopper gewandt, welche einhellig sagen, dass er intra terminos Cattorum, prope Sylvam Semanam – innerhalb der Grenzen der Chatten, nahe dem Wald Semana – seine Lage haben solle.
Nun kann ich innerhalb der Grenze der Chatten und in dem Parallelkreis nach Ptolemäus' Anleitung↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Roßdorff — Ortsname; Lesung 'Roß=dorff' nach Zoom, wohl Roßdorf bei Darmstadt in der oberen Grafschaft Katzenelnbogen
dem parallelo, nach — In der letzten Zeile ist zwischen 'parallelo,' und 'nach' eine Lücke frei gelassen, vermutlich für eine nachzutragende Gradangabe
↪Fortsetzung von der vorigen Seitedesgleichen nach Longitudine und Latitudine – Länge und Breite – auch diesseits der Werra, Weser und Diemel oder intra Abnobios et Obnobios montes keine höheren Berge finden als den Gahrenberg am Reinhardswald und den Meißner.
Und es muss also folgen, dass einer dieser Berge der Melibocus sei und dass entweder der Reinhardswald oder der Kaufunger Wald oder der Seulingswald die Semana seien.
Wiewohl nun die Alten aus Unwissenheit der Sprachen und Unerfahrenheit dieser Länder sehr dunkel über diese Sache geschrieben haben, wollte ich doch, wenn es mir vergönnt sein möchte (doch ohne jemandem vorzugreifen, der es besser versteht),
Denn weil im Allgemeinen alle Umstände und Attribute, die bei den Kosmographen und Historikern dem Meliboco zugeschrieben werden, augenscheinlich an und um den Meißner gesehen und befunden werden,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Longitudine et Latitudine — In der ersten Zeile sind nach 'Longitudine' und wohl auch nach 'Latitudine' Lücken für nachzutragende Gradzahlen frei gelassen
Garmbergk — Lesung unsicher, gemeint ist wohl der Gahrenberg im Reinhardswald
Es ist zwar jedermann bekannt, dass es um den Meißner gegen Osten hin je und allezeit Bergwerke und Erzgruben gegeben hat, wie es allenthalben die alten Pingen anzeigen.
Und es wird kaum eine fruchtbarere Landart gefunden als in dieser Gegend, besonders um Eschwege und Reichensachsen her und beinahe im ganzen Amt Bilstein.
Diese Fruchtbarkeit erstreckt sich mit Äckern, Wiesen, Viehzucht und allerlei Nutzbarkeiten bis auf die zwei höchsten Gipfel – die auch höher sind als der öde und unfruchtbare Brocken (den man von dort aus deutlich sehen kann) – und auch sonst allenthalben ringsumher.
Denn selbst in den Klippen und Felsen werden an allen Orten wüchsige Gehölze, Bäume, Stauden, Gras und allerlei herrliche Kräuter, auch sehr viele liebliche Brunnen gefunden.
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… des Steinkohlenbergwerks zu geschweigen, weil offenbar und jedermann bekannt ist, welch großen Nutzen dasselbe dem Salzwerk, dem Hüttenwerk, den Schmieden und den Haushaltungen zuwege bringt,
nämlich das herrliche, gegen alle Gifte wirkende Kraut Scorzonera (Schwarzwurzel) in zweierlei Gestalt, das man sonst mit großen Kosten aus Spanien hat holen lassen;
desgleichen Coronopus (Krähenfuß), Ferrocavallo (Hufeisenklee), Iva arthritica in großen Mengen, das edle Wundkraut Solidago sarracenica, die Uva inversa des Doktor Dodonaeus, Aconitum pardalianches und Damasonium nothum;
danach Buxus repens vel minor (kriechenden oder kleinen Buchs), Acorus (Kalmus), die echte Chamaedrys (Gamander), Genistella (Ginsterchen), Lunaria minor (kleines Mondkraut), Ebulum (Attich) und viele andere herrliche Kräuter mehr; desgleichen …↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
denenn — Anschluss vom Vorblatt; Endung des ersten Wortes nicht ganz sicher (denenn/denen/des)
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… Bäume und Stauden, wie in der Nähe Taxus (Eibe), Viburnum (Schneeball), Ribes (Johannisbeere) und Sambucus mit roten Früchten (Traubenholunder), abholen.
Etliche von ihnen suchen dort auch besondere Erze und Mineralien und tragen sie hinweg; daher ist denn von denselben fremden Leuten ein Sprichwort aufgekommen, das sie zu sagen pflegen:
Nun hat sich Beatus Rhenanus gefreut und sich gerühmt, dass er die Etymologie der Katzenelnbogener gefunden habe: dass nämlich dieselben die echten Chatten seien, die an dem Berge Melibocus wohnen oder gewohnt haben
Umso mehr will es mir als dem anderen Rhenanus geziemen, dass auch ich mich dessen freue, dass ich nach vielen Jahrhunderten (post multa secula) den wahren Ort (verum locum) des Melibocus hervor- und an den Tag gebracht habe.
Unsichere Lesungen
kenneten — Wort in der Klammer schwer lesbar; dem Sinn nach 'wenn sie ihn kennten'
Catzennelnpoger — Schreibung des Namens (p/b) nicht ganz sicher
Und ob schon hiergegen eingewendet werden möchte, dass Alt- und Neu-Katzenelnbogen am Melibocus gelegen sein sollten, so erscheint doch, dass solches nicht sein kann,
Wie es aber gekommen ist, dass der Name Melibocus so ganz in Vergessenheit geraten ist, soll niemanden wundernehmen, denn von den Namen, welche die alten Kosmographen und Historiker setzen, ist kaum unter hundert noch einer übrig geblieben.
So haben auch die Schriftsteller vielmals für sich selbst Namen erdacht, die sonst bei den Völkern, von denen sie schreiben, niemals gehört worden noch in Gebrauch gewesen sind, wie solches mit vielen Beispielen zu beweisen ist.
Denn weil Ptolemäus ein griechischer Kosmograph gewesen ist, dem über diese Gegend durch seine Landeskundigen berichtet wurde, der aber gleichwohl den rechten Namen des Berges nicht wusste,
hat er diesem Berg nach der Fülle und Süßigkeit der Weiden (ab ubertate et dulcedine pascuorum) einen Namen gegeben und ihn — mit Veränderung weniger Buchstaben — Melibocon oder aber Meloboton, nach dem Land beziehungsweise der Weite der Weiden (a terra sive vastitate pascuorum), genannt.
Und der Wald? Beim Semana hat Rhenanus überhaupt keinen Gewährsmann: „Da habe ich fürwahr keinen Schriftsteller zu Hilfe noch Beistand“ — außer der Angabe, er liege nicht weit vom Melibocus.
Er entscheidet sich trotzdem, und zwar gegen den nächstliegenden Kandidaten. Der Kaufunger Wald wäre der nächste am Meißner, aber er tippt auf den Seulingswald und begründet es mit dem Namen: Die lateinischen Autoren hätten deutsche Namen oft nachgeahmt; die Anwohner hätten vielleicht „Semener“ geheißen, nach den Seen, die dort liegen — woraus „Seeliegentwald“ und schließlich Seulingswald geworden sei. Dass der Wald heute weiter entfernt liegt, ficht ihn nicht an: Es bestehe noch immer ein durchgehender Zug der Gehölze über Wildeck, Tannenberg und Sontra bis dorthin, wo „die Ausläufer (Radices) des Meißners und des Seulingswaldes zusammen[laufen]“.
Warum ihm das wichtig ist, sagt er selbst — und der zweite Grund ist der ehrlichere: Weil dieser Wald „nun seit fünfundvierzig Jahren bei dem Salzwerk Sooden neben dem Melibocus das Beste getan hat und noch tut“. Berg und Wald seien „gleichsam miteinander vermählt“, beide „innerlich wie äußerlich sehr reich“ — innen an Erz und Mineralien, außen an Feldfrüchten, Bäumen und Viehzucht. Es folgt ein Gebet, dass Gott „bei diesen zweien je länger, je mehr“ seinen Segen erhalten möge.
Angehängt ist ein Nachtrag, den man gelesen haben sollte, weil er zeigt, wie Rhenanus weiterdenkt, nachdem er schon geschrieben hat: Vielleicht komme der Name doch aus dem Griechischen — von xylon, Holz, oder xylia, großer Wald; Ptolemäus habe womöglich „Xymana“ geschrieben, und die Lateiner hätten lieber ein S als das ihnen ungewohnte X genommen. „So klingt es auch nicht unähnlich, wenn man ‚Xylingswald‘ sagte.“
Und ob es schon wahr ist, dass jetzt der Kaufunger Wald der nächste unter den drei oben angezeigten Wäldern beim Weißener ist und dass er, als das Kloster Kaufungen erstmals erbaut wurde, den Namen verändert und verloren haben mochte,
Denn weil offenbar ist, dass Ptolemäus, Tacitus und andere lateinische Schriftsteller, als der deutschen Sprache Unkundige, sich vielmals befleißigten, die deutschen Namen in ihrer Sprache nachzuahmen,
↪Fortsetzung von der vorigen Seite…geben haben, weil die Leute, die damals in der Gegend gewohnt haben, vielleicht 'Semener' nach den Seen, die dort liegen, genannt worden sind.
So ist auch die Gegend dieses Waldes gegen Aufgang (Osten) nicht minder fruchtbar als der Weißener, sodass wohl zu vermuten ist, dass schon sehr früh Leute dort im Gerstunger Gau bei den Seen zu siedeln angefangen haben
denn es besteht ja vom Seulingswald noch bis auf den heutigen Tag ein durchgehender Zug und Zusammenhang (Contiguität) der Gehölze über Wildeck, Tannenberg, Sontra …↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
gleichwols frey — Wendung schwer lesbar; dem Sinn nach 'gleichwohl'
anngefanngk — Wortende abgekürzt/verschliffen, wohl 'angefangen'
Gerstenngaw — wohl der Gerstunger Gau an der Werra
Das lässt sich leicht ersehen und ermessen, wenn man mit Fleiß betrachtet, was die alten Schriftsteller über den Herzynischen Wald (Silva Hercynia) schreiben.
Und obwohl diese meine Vermutung über den Seulingswald für unnötig gehalten werden mag, habe ich es doch um zweier Gründe willen nicht unterlassen können, sie mit einzubringen.
Erstens: Weil der Berg Melibocus und der Wald Semana innerhalb der Grenzen der Chatten beieinander liegen sollen und sich dies nach Ausweis dieser meiner Herleitung auch so verhält, soll man künftig dabei bleiben und keinem anderen Wald den Namen Semana zuschreiben.
Unsichere Lesungen
Cappell — Ortsname am Satzanfang (Fortsetzung von voriger Seite); Lesung des ersten Wortteils ohne Kontext der Vorseite nicht ganz sicher
Vielleicht hat es von Anbeginn an in der Natur sein Geheimnis, weil sie gleichsam miteinander vermählt und alle beide innerlich wie äußerlich sehr reich und fruchtbar sind:
Der allmächtige ewige Gott wolle hinfort seinen reichen Segen und seine Gnade bei diesen zweien je länger, je mehr vermehren und erhalten, damit Menschen und Vieh sie mit hoher Dankbarkeit genießen mögen, damit sein ...↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
in — übergeschriebenes Einschubwort zwischen 'altenn' und 'großenn', Lesung 'in' oder 'im'
↪Fortsetzung von der vorigen Seite... (damit sein) heiliger Name gelobt und gepriesen, sein Reich allenthalben erweitert und sein gnädiger väterlicher Wille wie im Himmel so auch auf Erden erfüllt werden möge, Amen.
Als ich den Dingen weiter nachdachte, mutmaßte ich, ob dieser Wald seinen Namen wohl auch vom griechischen Wort 'xylia' bekommen haben könnte; denn dieses bedeutet einen großen Wald, wie es der Seulingswald ohnehin ist,
und dass vielleicht Ptolemäus dafür 'Xymana' gesetzt hat und die Lateiner lieber das σ oder S als das ξ oder X — welches bei ihnen nicht sehr gebräuchlich ist — nehmen wollten.
Um welchen Salzbrunnen ging die Schlacht? Das ist das Kernstück des Buches und der eigentliche Beweis, den Rhenanus führen soll. Tacitus berichtet von einem Krieg zwischen Chatten und Hermunduren um einen Grenzfluss mit Salzquellen. Die Gelehrten seiner Zeit denken an Halle an der Saale, manche an Frankenhausen. Rhenanus widerspricht — mit drei Argumenten, und alle drei sind bemerkenswert.
Erstens ein Plausibilitätsargument. Warum hätten die Chatten „unter höchster Gefahr“ durch Feindesland ziehen sollen, „wo sie doch innerhalb ihrer Grenzen selbst Salzbrunnen hatten, nämlich zu Sooden und Salzungen“? Dafür seien sie viel zu klug gewesen — Tacitus nenne sie ja cati, „kluge und umsichtige Leute“. Die Etymologie ist falsch, das Argument bleibt gut.
Zweitens ein Datierungsargument, und es ist historisch korrekt. Sooden habe schon zur Zeit Karls des Großen und des Bonifatius bestanden; Halle dagegen sei erst „zur Zeit der Ottonen, lange danach“ entstanden und „durch einen edlen Herrn von Hakeborn erbaut“ worden — deshalb heiße dort ein Brunnen und einer in Staßfurt Hakenborn, und das Geschlecht derer von Hakeborn sei „noch auf den heutigen Tag“ um Staßfurt vorhanden. Otto I. habe die Brunnen dem Stift Magdeburg geschenkt; Zeuge dafür sei Cyriacus Spangenberg in seiner Mansfeldischen Chronik.
Drittens: Frankenhausen sei erst unter Friedrich I. „aus den Sümpfen und Morasten mit großer Mühe“ erbaut worden — zuvor sei dort nichts als Morast gewesen, bis man „die Wipper auf Angeben eines Priesters durch einen langen Stollen“ herzuführte und die Pumpwerke errichtete.
Dann folgt der Teil, den nur ein Ortskundiger schreiben kann: Rhenanus geht die Landschaft um Sooden Himmelsrichtung für Himmelsrichtung ab und zeigt, dass man nicht herankam. Gegen Osten das Schloss Altenstein „in lauter hohen Klippen“ und eine starke Landwehr bis an den Hohen Hörgberg und die Goburg. Gegen Süden Goburg, Vesterburg, Fürstenstein und das „sehr uralten Schloss Bilstein“, darunter nur Felsen — einer davon heiße Dannsteig, weil er „beinahe für Menschen unbegehbar“ sei. Gegen Westen die verwüstete Westerburg auf einem promontorium gleich beim Salzwerk. Gegen Norden das Schloss Hanstein und Wege, „so eng und klippenreich“, dass der eine „die Söhle“ heiße, weil sich die Fuhrleute darin „besudeln und suhlen“, und der andere „die Hardt“, vom Harren; ebenso der Klebe, „vom Harren und Kleben, weil viele dort kleben bleiben“.
Nur eine Lücke findet er — und macht daraus seine Pointe: eine „Schliefe oder Schlucht, zur Wallis hinunter“, wo ein breiterer Wiesengrund liegt. Dort könnten sich die Hermunduren hereingeschlichen haben, und dort im Wallisfeld dürfte die Schlacht geschehen sein. Sein Beleg ist der Flurname und das, was die Leute erzählen: „Davon geht noch bis auf den heutigen Tag eine allgemeine Rede, und der Ort, an dem die Schlacht geschah, wird der Mordbach genannt.“
Redaktionelle AnmerkungS. 76–89
Hier liegt der Ursprung eines Lokalmythos. Die Zuordnung der tacitäischen „Salzschlacht“ zur Werra bei Sooden wird meist der hessischen Landesforschung des 20. Jahrhunderts zugeschrieben. Das greift zu kurz: Rhenanus argumentiert sie 1586 ausführlich aus, mit Quellenkritik und Geländebefund, und verwirft Halle und Frankenhausen ausdrücklich. Neu war ab 1938 nicht die These, sondern ihre wissenschaftliche Weihe. Wer die Salzbibel liest, findet die Herkunft einer Erzählung, die bis heute nachwirkt — hier, in diesem Kapitel.
Am Befund ändert das nichts: Tacitus, Annalen XIII,57 nennt für das Jahr 58 nach Christus weder den Fluss noch einen Ort. Die Stelle lässt sich auf mehrere Salzstellen beziehen; entscheidbar ist sie nicht, und archäologische Belege für antike Salzgewinnung fehlen hier. Rhenanus’ Argument, die Chatten hätten nicht in fremdes Gebiet ziehen müssen, ist plausibel, aber es ist ein Wahrscheinlichkeitsschluss — kein Beleg. Er sagt das selbst.
Bei den Ortsnamen hat er einmal recht und einmal unrecht. Sooden vom Sieden ist richtig und wird von der Namenforschung bestätigt. Allendorf aus Hallendorf ist dagegen ausgeschlossen — der Name geht auf „zu dem alten Dorfe“ zurück. Warum das so sicher ist und wie Rhenanus auf den Irrtum kam, steht auf der Seite Woher die Namen kommen.
Zur Einordnung der Tacitus-Stelle: Annalen XIII,57 berichtet für das Jahr 58 nach Christus von einem Streit zwischen Hermunduren und Chatten um einen Fluss, der Salz hervorbringt und religiöse Bedeutung hat (so Tacitus, hier nicht nach der Salzbibel zitiert); die Hermunduren siegten. Vorgeschlagen wurden dafür die thüringische und die fränkische Saale, die Werra und die Salzunger Quellen — und der Befund der Forschung lautet, dass kein Vorschlag ausreichend zum Bericht passt. Rhenanus’ Deutung auf Sooden ist damit nicht widerlegt, aber auch nicht belegbar; sie ist eine von mehreren.
Seine Datierungsargumente gegen Halle und Frankenhausen sind übrigens die stärkste Stelle des Buches, und sie halten im Kern stand: Halle wird erst unter den Ottonen greifbar, Frankenhausen ist eine hochmittelalterliche Anlage im ehemaligen Sumpfgebiet. Wer 1586 mit relativer Chronologie statt mit Namensähnlichkeit argumentiert, arbeitet methodisch sauber.
Die Befunde von 1490 und 1549 sind das Interessanteste an diesem Buch. Dass man beim Aufbrechen des Brunnens im Grund „Blöcke, Stubenwerk, Tücher und dergleichen“ fand, „wovon in keinen Büchern … irgendeine Nachricht vorhanden“ war, ist eine archäologische Beobachtung ohne Archäologie. 1550 wird dann eine unbekannte ältere Brunnenfassung von fünfzehn Schuh Weite gefunden, „von der kein Mensch gewusst hat“. Wer die Frühgeschichte des Salzwerks künftig untersuchen will, hat hier zwei datierte Fundmeldungen — und für die zweite sogar eine Maßangabe.
Zum Bonifatius-Bezug: Dass der Kirchturm auf ihn zurückgehe und dass er den Bauern den Zehnten für das Holzfahren erlassen habe, ist Ortsüberlieferung, kein Urkundenbefund. Belegbar ist etwas anderes und historisch Ergiebigeres: dass die Pfänner bis zur Reformation jährlich am Bonifatiustag zum Brunnen zogen. Diesen Brauch beschreibt Rhenanus im vierten Buch noch einmal — und dort auch, womit man ihn ersetzte.
Obwohl die neueren Historiker und Schriftsteller gemeinhin schließen und behaupten, dass die Brunnen zu Halle in Sachsen jene Brunnen seien, um die sich die Hermunduren und Chatten — wovon Cornelius Tacitus berichtet — entzweit und geschlagen haben,
und auch etliche dieselbe Geschichte auf Frankenhausen beziehen wollen, so kann ich dem doch ganz und gar nicht beipflichten, und das aus den folgenden Gründen.
Denn erstens sage mir doch einer, wozu es für die Chatten nötig gewesen sein soll, sich außerhalb ihrer Grenzen nach fremden Brunnen umzutun und durch das Land ihrer Feinde — unter höchster Gefahr und unter Einsatz ihres wohlhergebrachten Namens und ihrer Ehre — etliche Meilen Weges mit bewaffneter Hand zu ziehen,
↪Fortsetzung von der vorigen Seite... nämlich zu Sooden und Salzungen — welche beide zwei alte Salzwerke sind —, hatten; dafür sind sie viel zu gewitzt gewesen, wie sie denn deshalb Cornelius Tacitus auch 'catos', das heißt kluge und umsichtige Leute, nennt.
während doch das Salzwerk zu Halle in Sachsen erst zur Zeit der Ottonen, lange danach, entstanden und durch einen edlen Herrn von Hakeborn erbaut worden ist,
Dass dem so ist und dass Otto I. die Brunnen zu Halle in Sachsen dem Stift Magdeburg übereignet und geschenkt hat — welche in späterer Zeit ausgebaut und in ein so herrliches Wesen, wie sie es jetzt sind, gebracht wurden —, das bezeugen die ...↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
erndtstanndenn — Wortbild unklar, wohl für 'erst entstanden'
Harkebrunnenn — Adelsname, gemeint wohl 'von Hakeborn'; Schreibung Harke-/Harckebrunnen nicht ganz sicher
Saltzwercker — Endung -er statt -e ungewöhnlich, Lesung aber so im Bild
Denn zuvor war in der Gegend nichts anderes als Sumpf und Morast, bis man die Wipper auf Angeben eines Priesters durch einen langen Stollen herzuführte und die gewaltigen Künste (Pumpwerke) zum Heben sowohl der Sole als auch des wilden Wassers errichtete,
Also zeigt sich, dass unser Salzwerk Sooden eben dasjenige ist, um das sich die Hermunduren — die zu jener Zeit, wie auch heute noch nicht, keine eigenen ausgebauten Salzwerke hatten — mit den Chatten entzweit und geschlagen haben;
denn zu jener Zeit war der Ort, wo jetzt Halle in Sachsen liegt, den Cheruskern und nicht den Hermunduren unterworfen — wie auch jetzt noch nicht —, welche vielleicht ...↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
auslösung — Wortmitte schwer lesbar, Sinn: Herausheben von Sole und wildem Wasser
Ceruetys — Volksname, gemeint wohl die Cherusker (Ceruscis); Schreibung unsicher
[gestrichen: das] — gestrichenes Wort am Zeilenende nach 'denn der Zeit' nicht sicher lesbar
ortt — auch 'artt' lesbar, Sinn spricht für 'ortt'
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… wenn Halle schon zu jener Zeit in Ehren gestanden hätte, würden viel weniger den Hermunduren dieselben Brunnen gegönnt oder eingeräumt worden sein, als die Chatten die ihren behielten.
Gott der Allmächtige hat besonders diesen Ort vor vielen anderen Salzwerken deutschen Landes mit sehr holzreichen Bergen umgeben, die jährlich eine sehr große Menge Holz für das Salzwerk liefern,
Auf denselben Bergen haben ringsum die alten Chatten feste Schlösser und Häuser erbaut — von denen etliche vergangen sind, etliche noch bestehen —, ohne Zweifel, um dieses Salzwerk vor den Hermunduren und anderen Feinden zu schützen.
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… Geknicke oder Geneige (gebogene Hecken), Warten, Zugbrücken und dergleichen Vorwehren aufführen und ins Werk setzen lassen, so dass es vor Zeiten — als es noch kein Geschütz gab — kaum möglich war, diesem Ort etwas anzuhaben.
Dazwischen, zwischen Allendorf und dem Altenstein, liegt eine starke Landwehr, die vor Zeiten überall durch die Gehölze und Felder gezogen war, mit der Zeit aber an etlichen Enden eingerissen worden ist,
und dieser Ort ist bis an den Hohen Hörgberg, den Racholdesberg und die Goburg so beschaffen, dass man alles, was von den Tubanten, Gambriviern und Chattuariern heranwollte, wohl hat abwehren können.
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… breiterer Wiesengrund ist; da mag es wohl sein, dass sich die Hermunduren dort hereingeschlichen haben und dass ebendort im Wallisfeld die Schlacht geschehen sein mag.
Gegen Mittag liegen die vorgenannte Goburg, die Vesterburg und der Fürstenstein mit dem sehr uralten Schloss Bilstein, und vom Bilstein herab ist nichts als Felsen und steinige, unwegsame Berge,
von denen einer, weil er beinahe für Menschen unbegehbar ist, der Dannsteig genannt worden ist — nach den Tannen, die dort vielleicht ihren Stand gehabt haben.
Diese Häuser und Berge sind ihrer Lage nach auch so angelegt und gebaut, dass es nicht möglich war, dass vor Zeiten jemand dem Salzwerk hätte Schaden zufügen können.
↪Fortsetzung von der vorigen Seite… sind doch auf beiden Seiten der Werra die Wege so eng und klippenreich — nämlich im Klebe, am Rotenstein und auf der Hardt —, dass die Wege auch davon ihre Namen bekommen haben
Gegen Sonnenuntergang liegt die verwüstete Westerburg, deren in den Geschichtswerken gedacht wird; sie liegt gleich beim Salzwerk Sooden auf einer Klippe oder einem Vorgebirge (promontorium),
Ebenso liegen gegen Mitternacht so große, hohe, unwegsame Berge, Gehölze und Hecken, besonders aber das Schloss Hanstein, so dass auch von dorther dem Salzwerk niemand leicht hat …↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Auf diese Weise hat Gott der Allmächtige aus besonderer göttlicher Vorsehung dieses Salzwerk mit vielfältigem gutem Gehölz und mit allerlei natürlichen Vorwehren versehen,
und in der Folge haben auch die Besitzer der angrenzenden Häuser, Burgen und Schlösser, vom Adel und anderen Geschlechtern, dieses löbliche, uralte Salzwerk umgeben und bewahrt.
Daher ist zu vermuten: Obwohl die Hermunduren die Wallis herunter zu den Chatten vorgedrungen sind und sich mit ihnen um das Salzwerk geschlagen haben,
Die Zeugnisse am Ort. Zum Schluss seiner Beweisführung führt Rhenanus an, was man in Sooden noch sehen kann — und wird dabei zum Bauforscher.
Der Kirchturm: „das sehr altfränkische Gebäude“, so alt, dass die Witterung ihn nach Süden schon zerfressen habe; nach Westen und Norden aber stehe er „sehr fest aus lauter polierten Quadersteinen“, so gefügt, „dass man die Fugen kaum erkennen kann“. Erbaut habe ihn Bonifatius; das vordere Kirchenteil sei der Jungfrau geweiht gewesen, das hintere später, „als die Abgöttereien zunahmen“, dem heiligen Bonifatius.
Daran hängt der Brauch: Seit Bonifatius’ Zeiten seien die Pfänner mit Weib und Kindern jährlich am Bonifatiustag „mit allem Heiligtum, Kreuzen und Fahnen“ zum Salzbrunnen gezogen, hätten dort Messe lesen lassen und gemeinsam das Te Deum laudamus gesungen. Und man habe dafürgehalten, Bonifatius als Bischof zu Mainz habe den Bauern den Zehnten erlassen, „damit sie desto besser das Holzfahren zum Salzwerk besorgen könnten“ — eine Steuerbefreiung als Verkehrspolitik, in eine Heiligenlegende gekleidet.
Und dann das Bodenzeugnis, das er selbst erlebt hat. Als man 1490 und 1549 den Brunnen aufbrach, habe man „unter der Erde im Grund Blöcke, Stubenwerk, Tücher und dergleichen gefunden, wovon in keinen Büchern oder sonstigen anderen Aufzeichnungen irgendeine Nachricht vorhanden gewesen ist“. Ein Befund, den keine Quelle erklärt — und für Rhenanus der Beweis eines viel älteren Betriebs. Ein Jahr später, beim Bau von 1550, wird man genau so eine unbekannte ältere Fassung wiederfinden.
Die Ortsnamen gibt er sich rasch: Sooden komme vom Sieden, das „bedarf keines langen Nachdenkens“; und die Sooden habe es gegeben, ehe die Stadt gebaut wurde. Über Allendorf streitet er länger. Die Deutung „Alleindorf“, aus drei zusammengebauten Dörfern, verwirft er mit einem topographischen Argument: Rings um den Hain sei „nicht so viel ebener Boden vorhanden, dass vier oder fünf Hufen Landes davon abgemessen werden könnten“; gewohnt hätten dort allenfalls „arme Holzhauer und Kohlenmacher“, aus denen nie eine so ansehnliche Stadt hätte hervorgehen können. Er hält die Mauerreste für Reste heidnischer und später kirchlicher Wallfahrtsstätten — es lebten noch Leute, die sich an die Wallfahrten erinnerten. Sein Ergebnis: Hallendorf, vom Salz, „gleich wie Hall in Sachsen und Hall in Schwaben“.
Wer die ersten Pfänner waren, sagt er ebenfalls: „keine schlichten oder geringen Leute“, sondern die Herren der umliegenden Burgen — die von Boyneburg, Eschwege, Dörnberg, Bischoffshausen, die Diede, Netter, die von Hanstein, die Appen, Rulanden, Schwanflügel, Roden, Gautzler und Iringe, „sehr alte Geschlechter“, die das Salzwerk „vor Zeiten allein für sich innegehabt haben und es zum Teil noch haben“. Damit ist erklärt, warum die Pfännerschaft dem Landgrafen später so standhalten konnte.
Und dann der Satz, mit dem der Beweisteil endet und in dem der Beweis selbst zurückgenommen wird: „Dies sind nun also meine Mutmaßungen, Meinungen und Bedenken über den ersten Ursprung des Salzwerks Sooden.“ Was als Beweis angekündigt war, endet als Vermutung — und er sagt es selbst. Den Grund schiebt er nach: Aus „Fahrlässigkeit der Alten“ sei alles Weitere „in den Wind geschlagen und dem Vergessen anheimgestellt worden“. Genau dagegen ist das ganze Werk geschrieben.
Im Salzwerk Sooden findet man auch alte Anzeichen und Denkmäler (Monumenta), wie das sehr altfränkische Gebäude des Kirchturms, der so alt ist, dass ihn die Luft gegen Mittag hin schon verzehrt hat,
während der Turm sonst, gegen Abend und Mitternacht hin, sehr fest aus lauter polierten Quadersteinen aufgeführt und dermaßen zusammengefügt ist, dass man die Fugen kaum erkennen kann.
Und zur Zeit des Bonifatius, der diesen Turm und die Kirche erbaut haben soll, wurde das Vorderteil der Kirche, gegen Mittag hin, der seligen Jungfrau (beatae Virgini) geweiht,
Daher haben denn alle Pfänner mit Weib und Kindern von den Zeiten des Bonifatius an, zu ewigem Gedächtnis, jährlich am Sankt-Bonifatius-Tag auf dem Salzbrunnen …↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
lüfft — Lesung nicht ganz sicher; Sinn: die Witterung/Luft hat die Südseite des Turms verzehrt
altfrenckische — Worttrennung altfrenck=ische; Lesung 'altfränkisch' aus dem Kontext
↪Fortsetzung von der vorigen Seiteeine Prozession mit allem Heiligtum, Kreuzen und Fahnen nach päpstlichem Brauch gehalten, Messe am Brunnen lesen lassen und gemeinsam das Te Deum laudamus gesungen.
Es wurde auch dafür gehalten, dass der heilige Bonifatius als Bischof zu Mainz, dem sonst alle Zehnten dieser Gegend des Landes von alters her gebühren, den Bauern den Zehnten deshalb erlassen und frei geschenkt habe, damit sie desto besser das Holzfahren zum Salzwerk besorgen könnten.
unter der Erde im Grund Blöcke, Stubenwerk, Tücher und dergleichen gefunden, wovon in keinen Büchern oder sonstigen anderen Aufzeichnungen irgendeine Nachricht vorhanden gewesen ist.
Dem allem nach, und insbesondere weil die Chatten dieses Salzwerk je und allezeit bei sich selbst gehabt haben und es ihnen demnach nicht vonnöten gewesen ist,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Bäbstischem — Anfangsbuchstabe B/P nicht ganz sicher
bleibe ich bei Ptolemäus und Schopper und lasse das Salzwerk Sooden dasjenige Salzwerk bleiben, um dessentwillen sich die Chatten mit den Hermunduren entzweit haben.
Woher aber das Salzwerk den Namen Sooden bekommen hat, bedarf keines langen Nachdenkens, denn der Name gibt es von selbst zu erkennen: dass es vom Sieden 'Sooden' genannt worden ist.
und dass sich die Besitzer und Inhaber des Salzwerks in der Nähe ringsum auf den Schlössern und Burgen aufgehalten haben, damit sie ihr Salzwerk beschützen konnten.
So zeigt sich auch, dass die alten ersten Pfänner keine schlichten oder geringen Leute gewesen sind, die vielmehr auch das nahe gelegene Grenzgebiet in ihrer Gewalt und in ihrem Besitz gehabt haben.
↪Fortsetzung von der vorigen Seite-burg, Eschwege, Dörnberg, Bischoffshausen, die Diede, Netter und die von Hanstein, die Appen, die Rulanden, Schwanflügel, Roden, Gautzler, Iringe und andere,
welche alle sehr alte Geschlechter sind und sehr reiche Leute gewesen sind, die das Salzwerk vor Zeiten allein für sich innegehabt haben und es zum Teil noch haben.
Weil ich aber darüber, wann und wie die Stadt gebaut worden ist, noch nichts Beständiges habe in Erfahrung bringen können, so will ich diesmal nur davon sprechen, woher sie den Namen Allendorf bekommen hat.
und die Stadt, die zuerst noch ein Dorf war, solle, weil aus dreien zusammengebaut, 'Alleindorf' genannt worden sein; das stimmt jedoch aus folgenden Ursachen gar nicht überein.
Denn ob es schon sein könnte, dass etwa Leute beim Hain gewohnt haben, so können es doch keine oder jedenfalls in Wahrheit nur arme Dörfer gewesen sein; denn ringsum↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
↪Fortsetzung von der vorigen Seitesind Steinklippen, und insgesamt ist nicht so viel ebener Boden vorhanden, dass vier oder fünf Hufen Landes davon abgemessen werden könnten.
und in Wahrheit hätten daraus kaum so reiche und mächtige Leute hervorgehen können, die eine so ansehnliche Stadt, wie Allendorf es ist, hätten anfangen und erbauen können.
Demnach halte ich es gänzlich dafür, dass an den Orten, wo noch die stehenden Mauerreste zu sehen sind, vor Zeiten zuerst heidnische, dann papistische Wallfahrten gewesen sind, wie solches in den Lucis (heiligen Hainen) gebräuchlich war,
Es sind noch Leute am Leben, die gutes Wissen davon tragen, dass man unter dem Papsttum jährlich mit allem Heiligtum, Kreuz und Fahnen dorthin gewallfahrtet ist.
Darum lasse ich diese törichte, unbegründete Meinung fahren und will bei dem seligen Magister Petrus Nigidius, der aus Allendorf gebürtig und zu Marburg Professor gewesen ist, und bei dem Schopper bleiben
Und es soll mich hier nicht irren noch hindern, dass zu dieser Zeit das 'H.' nicht hinzugesetzt wird, weil es vor wenigen Jahren bei unseren Vorfahren gebräuchlich war, das 'H.' wegzulassen.
Der allmächtige Gott wolle hinfort dieses herrliche, löbliche Salzwerk Sooden samt der Stadt Allendorf unter dem Schutz und Schirm seiner milden Güte und Barmherzigkeit noch lange Zeit erhalten und bewahren.
Unsichere Lesungen
Es seindt — stark verschnörkelte Initiale; auch 'Als seindt' lesbar
Schoppero — derselbe Autor wie auf Blatt 40v; Identifikation unsicher
Rhenanus widerlegt seine eigene Überschrift. Angekündigt war ein Beweis „mit stichhaltigen Argumenten aus wahren Geschichtsquellen“. Was hier steht, ist das Gegenteil: „Dies sind nun also meine Mutmaßungen, Meinungen und Bedenken.“ Er weiß, dass er nicht bewiesen hat, was er beweisen wollte — und schreibt es hin. Das ist die intellektuell ehrlichste Stelle des ganzen Werks und der Grund, warum man ihn trotz der falschen Ergebnisse ernst nehmen kann.
Und weil daraus erscheint, dass es ein sehr altes Salzwerk ist und die angrenzenden Angehörigen des Adels und der Geschlechter dasselbe je und allezeit besessen und innegehabt haben —
obwohl sie denn keine älteren Privilegien als die folgenden haben, so erscheint doch aus den Privilegien, dass es auch schon, ehe die Privilegien erlangt worden sind, ein Salzwerk gewesen ist,
Die ältesten Urkunden, 1300 bis 1383. Ab hier wechselt das Buch die Form vollständig. Rhenanus hört auf zu argumentieren und schreibt Urkunden ab, durchnummeriert, im Wortlaut.
Die erste ist zugleich die wichtigste, und sie beschreibt in fünf Zeilen die Grundordnung der nächsten zweihundert Jahre. Landgraf Heinrich, seine Gemahlin Mechthild und Sohn Johann bekennen 1300, sie hätten „mehr Pfannen zum Soden auf das Salzwerk gesetzt haben“ wollen, seien davon aber „in Übereinkunft mit den Gebauern von Soden“ abgekommen — gegen Zahlung: jährlich fünfundzwanzig Übene Salz, zu liefern vierzehn Tage vor Johannis, nach Kassel, auf eigene Kosten und unter landgräflichem Geleit. Gegeben am Walpurgistag 1300.
Man muss diesen Text neben den Streit von 1538 legen. Was Landgraf Philipp zweihundertdreißig Jahre später erzwingt, hat sein Vorfahr sich abkaufen lassen. Und der Kaufpreis läuft weiter: Die „zwei Pfannen Salz alter Pflicht“, die in allen späteren Verträgen auftauchen, sind der Rest dieser Abmachung.
Weil alles daran hängt, wird die Urkunde von 1300 in den folgenden Nummern immer wieder wörtlich eingerückt und bestätigt — von Adelheid, der Witwe Landgraf Johanns und Tochter Herzog Albrechts von Braunschweig (1311), von Landgraf Otto und Adelheid, von Otto allein. Die Wiederholung ist keine Schreiberfaulheit, sondern Rechtstechnik: Jede Bestätigung trägt den Originaltext in sich.
Die Urkunde von 1322 enthält den bemerkenswertesten Satz des ganzen Buches. Landgraf Heinrich verfügt, „dass die Pfannen zu Sooden ewig so bleiben sollen, wie wir sie jetzt vorgefunden haben, in der Länge, in der Weite und auch in der Höhe der Borde“ — und zwar „nach demselben Maß, das wir öffentlich sichtbar in die Wände der Gotteshäuser des Heiligen Kreuzes und Sankt Nikolaus in unserer Stadt Allendorf haben einzeichnen lassen“. Das Sollmaß der Salzpfanne wird als Strichmarke in zwei Kirchenwände geritzt. Wer sich streitet, geht hin und misst nach. Beigezogen waren Heinrich von Eisenach als Ritter, der Amtmann Berthold Eselkopf, Walter von Hundelshausen und Otto von Neter.
Dieselbe Urkunde bestätigt den Kern des Ganzen: die Gebauerschaft. Niemand darf an den Pfannen sieden oder sie besitzen, „es sei denn, er sei an dem Salzwerk erbberechtigt und habe Gebauerschaft zu Sooden“. Und die Pfänner dürfen ihre Verwaltung selbst „einsetzen, absetzen und bestellen“.
Dann treten fremde Herren auf, und das ist ein Zeichen für die Lage der Stadt an der Grenze: Friedrich, Balthasar und Wilhelm, Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meißen, sichern den Allendorfern nach geleisteter Erbhuldigung zu, sie bei allem Recht zu lassen, falls Stadt und Salzwerk je an sie fielen. Und Urkunde 7 stammt von Herzog Otto von Braunschweig. Wer an einer Landesgrenze Salz siedet, lässt sich von allen Nachbarn bestätigen.
Redaktionelle AnmerkungS. 91–144
Dieser Teil ist als Quelle unbestritten wertvoll. Die abgeschriebenen Privilegien sind teils nur hier überliefert und reichen von der Bergordnung Landgraf Heinrichs I. (1300) bis 1488. Für die Rechtsgeschichte der Pfännerschaft — und für die Frage, was „Gebauerschaft“ eigentlich bedeutete — ist das die dichteste Sammlung, die es gibt.
Eine Einschränkung, die man kennen sollte: Rhenanus schreibt die Urkunden nicht buchstabengetreu ab, sondern gleicht die Schreibung seiner Zeit an. Der Ortsname erscheint in seinen Abschriften durchgehend als Allenndorff — obwohl dieselben Urkunden in der kritischen Edition Aldendorph (1295), Aldendorf (1332) und Aldindorf an der Werre (1488) lauten. Er hatte den Gegenbeweis zu seiner eigenen Namensherleitung in der Hand und hat ihn beim Abschreiben wegmodernisiert.
Ein Punkt, den Rhenanus nicht ausspricht, den man aber sehen sollte: Seine älteste Urkunde ist von 1300. Für alles, was er davor behauptet — Tacitus, Bonifatius, Karl der Große —, gibt es kein Schriftstück, nur Landschaft, Bauwerke und Namen. Er sagt selbst, aus „Fahrlässigkeit der Alten“ sei alles Weitere „dem Vergessen anheimgestellt worden“. Die Salzbibel ist die Antwort auf diese Lücke: Was ihm fehlte, soll seinen Nachkommen nicht fehlen.
Die Urkunde von 1322 verdient eigene Aufmerksamkeit. Dass das Sollmaß der Salzpfanne in die Wände zweier Kirchen geritzt wurde, ist ein Eichnormal im öffentlichen Raum — dieselbe Idee wie die Elle am Rathaus oder das Brotgewicht am Kirchenportal. Ob sich in der Allendorfer Heilig-Kreuz-Kirche oder in St. Nikolaus davon noch Spuren finden lassen, wäre eine lohnende Frage vor Ort.
Zur Zählung der Siedehäuser, die leicht verwirrt: Die Pfänner hatten 42 und durften 1538 ein 43. bauen; die Bestätigung Landgraf Wilhelms fixiert diese 43 „zu ewigen Zeiten“. Daneben setzte Landgraf Philipp seine eigenen — im vierten Buch ist von „den 43 Bothen, die unserem gnädigen Fürsten und Herrn gehören“ die Rede. Am Ende standen also zwei Salzwerke von je dreiundvierzig Siedehäusern nebeneinander an einem Brunnen. Das ist der ganze Konflikt in einer Zahl.
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