Das Werk als Zeitleiste: Wortlaut, Übersetzung, Zusammenfassung und Anmerkungen — frei kombinierbar
Das Werk der Reihe nach
Die Salzbibel in der Reihenfolge der Handschrift, Seite für Seite: Wortlaut, Übersetzung,
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Das Titelblatt, in Rot und Schwarz. Es sagt in einem einzigen langen Satz, worum es geht: Landgraf Wilhelm IV. hat befohlen, alles über das Salzwerk Sooden zusammenzutragen, was man wissen muss — dazu Beschreibungen auswärtiger Salzwerke und eine Anleitung zum Prüfen von Sole. Darunter steht der Verfasser: M. Johannes Rhenanus, Pfarrer und Salzgraf zu Sooden. Beide Ämter in einer Zeile, als wäre daran nichts ungewöhnlich.
Redaktionelle AnmerkungS. 7–8
Dieser Band ist nicht Rhenanus’ eigenes Manuskript, sondern die zeitgenössische Reinschrift davon — die Handschriftenbeschreibung nennt ihn „Reinschrift des Originals, das zwischen 1567–1585 entstand“. Die Bände 1 und 2 stammen von einer Hand, Band 3 von mehreren. Rhenanus’ Urschrift von eigener Hand liegt nach der Literatur (Emons/Walter 1986, danach Wikipedia) in Clausthal-Zellerfeld, in der Bibliothek des ehemaligen Oberbergamts; andere halten die Frage für ungeklärt. Niemand aus diesem Projekt hat sie gesehen, und verglichen wurde sie mit der Kasseler Reinschrift nie. Im Salzmuseum Bad Sooden-Allendorf liegen zwei Bände in der Vitrine. Ihr Verhältnis zur Kasseler Reinschrift ist nicht geklärt — Original, zeitgenössische Abschrift oder spätere Kopie; entscheiden ließe sich das nur vor Ort. Näheres auf der Seite Wie diese Ausgabe entsteht.
Das Titelblatt trägt zwei ovale Besitzstempel: KURF. OBER-BERG- U. SALZW. DIRECTION und EX BIBLIOTHECA CASSELLANA. Sie erzählen den Weg der Handschrift — vom kurfürstlichen Berg- und Salzwerksamt in die Kasseler Bibliothek. 1797 lagen die Bände 1 und 2 in der Ober-Rentkammer zu Kassel, vormals Kriegs- und Domänenkammer; in den Handschriften-Bandkatalog eingetragen hat sie der Bibliothekar J. H. C. Schubart (1800–1885).
Der Name „Salzbibel“ steht nicht auf dem Buch. Die Handschrift heißt „New Saltzbuch“; „Salzbibel“ ist ein Spitzname, den ihr Umfang und ihr Anspruch eingetragen haben — und der sich in Bad Sooden-Allendorf eingebürgert hat. Wer in Katalogen sucht, sollte beide Bezeichnungen versuchen, dazu die Namensform Rhenanus neben Rhein.
Drei Bände, fünf Bücher, vier Anhänge. Diese Zählung wird oft verwechselt; auch in Nachschlagewerken liest man von „fünf Bänden“. Richtig ist: Das Werk ist in fünf Bücher und vier Anhänge gegliedert und in drei physische Bände gebunden — Buch 1 bis 4 in Band 1, Buch 5 und die Anhänge in Band 2, die Aktenmappe zur Entstehung als Band 3.
Wer Johannes Rhenanus war. Geboren um 1528 in Melsungen, 1548 Studium der Theologie in Marburg, 1553 ordiniert; er war eine Zeitlang Diakon in Marburg und arbeitete daneben als Drucker. 1555 schickte ihn Landgraf Philipp als Pfarrer nach Sooden; von dort wuchs er in die Salzverwaltung hinein — zuerst über die Holzbeschaffung, dann als Salzgraf. Über das genaue Jahr gehen die Angaben auseinander (1559 oder 1563); die Salzbibel selbst überliefert im Miszellen-Verzeichnis den Brief, mit dem Philipp ihn „des Predigtamtes entlasten“ und an Jost Beckers Stelle setzen wollte. Rhenanus behielt beide Ämter bis zu seinem Tod am 29. April 1589 in Sooden.
Und wer der Auftraggeber war. Landgraf Wilhelm IV. (1532–1592), seit 1567 der erste Landgraf von Hessen-Kassel, trägt den Beinamen „der Weise“ — und er war ein arbeitender Astronom. Um 1560 richtete er in Kassel die erste Sternwarte Mitteleuropas ein; er entwickelte ein eigenes Messverfahren mit Präzisionsuhren, holte 1579 den Uhrmacher Jost Bürgi und 1584 Christoph Rothmann an seinen Hof, und aus dieser Arbeit ging ein Sternkatalog von 1.025 Sternen hervor.
Das ist der Schlüssel zur ganzen Salzbibel. Der Fürst, der 1567 zum Regierungsantritt eine Beschreibung seines Salzwerks befahl, war derselbe, der wenige Schritte entfernt Sterne maß. Die Probewerke fünfmal im Jahr, das Universal-Probierbuch, die Solereihe über sechsunddreißig Jahre, das Probiergerät im Reisegepäck — all das steht in einer Verwaltung, an deren Spitze jemand saß, für den Messen und Aufschreiben selbstverständlich waren.
Darinnenn Auff des Durchleuchtigen Hochgebornenn Furstenn vnd herrnn, herrnn Wilhelms Lanndtgrauen zu Hessenn, Grauenn zu Catzenelnbogenn, Dietz Ziegennhain vnnd Nidda etc. gnedige verordenung vnnd beuelch fürnemblich in genere von seiner furstlichenn gnadenn Saltzwerck Sodenn alles was zu wissenn von nötenn, allennthalb zusammenn getragenn,
Darbenebenn auch etliche annderer außwertiger Saltzwercker gelegennheit beschriebenn, Auch ein Vniuersal Probirbuch, so auff alle Saltzwercker gerichtet, fürgestellet würdet
Alles S. F. G. vnnd derselbigenn Erbenn vnnd nachkommenn zu vnnderthenigem gehorsamb vnnd Ehrenn auch sonnst allenn anndernn so in Jegenwertiger vnnd kunfftiger Zeit mitt diesem vnd anndernn Saltzwerckenn vmbgehen vnd zuschaffenn habenn werdenn Zur nachrichtung vnnd bestenn in ordenntliche bücher gebracht.
Die Widmung — und warum sie kein Vorwort ist. Siebzehn Blatt Zueignung an Wilhelm IV. Man erwartet Höflichkeitsformeln und findet stattdessen einen zusammenhängenden Aufsatz: Rhenanus’ Rechenschaft darüber, warum ein Pfarrer über Salz schreibt.
Er beginnt so weit oben, wie man nur beginnen kann. Das „große, schöne und allerherrlichste Welttheater“ sei nicht von selbst entstanden; und wenn Gott es geschaffen habe, dann habe er auch dem Menschen die Vernunft nicht ohne Absicht gegeben. Die Augen habe er uns „um keiner anderen Sache willen gegeben“, als damit die Geschöpfe „nicht im Finstern liegen und nicht verborgen bleiben, sondern gesehen, mit Fleiß betrachtet und verstanden werden“.
Das ist ein Programmsatz, und er beruft die Zeugen dafür: David, der ausruft, „groß sind die Werke des Herrn; wer sie betrachtet, hat große Lust daran“; Hiob, der „das große Buch der Natur mit Fleiß Tag und Nacht studiert“ habe; und Salomo, „der fleißigste Erforscher aller natürlichen Dinge“, der „vom Ysop an bis zum Zedernbaum“ alles untersucht habe. Auch die Heiden seien „nie so grob und viehisch gewesen“, das Erforschen der Natur zu verachten.
Was ist Salz? Dann folgt etwas, das man in der Widmung eines Verwaltungswerks nicht erwartet: ein Forschungsbericht über die Theorien zur Entstehung des Salzes.
Die erste, den phönizischen Gelehrten Misor und Sydyk zugeschrieben: Salz sei nichts als Wasser und Erde, „gleichsam wie Lauge durch Asche, so werde es durch die Erde gegossen“. Die zweite: Salz sei „ein innerer Schweiß der Erde“ — Dünste, die durch die innere Hitze der Gebirge aufsteigen wie die Feuchtigkeit im Destillierhelm und dabei die Eigenschaft der Erde annehmen, durch die sie dringen. Als Beleg dienen die Farben der Salze: „dass das memphitische Salz rot ist, das sizilische purpurn, das kappadokische safranfarben, das parthische glänzend, das agrigentinische weiß“ — dies vor allem nach Giovanni Pontanos Meteora.
Die dritte Ansicht, und ihr neigt Rhenanus zu: Salz sei „ein selbständiges Ding“. Denn es gebe ganze Berge, „besonders in Polen, in Ungarn, in Kärnten, in der Steiermark“, in denen nichts als Salz ausgehauen werde, und alle Meere seien salzig — „ja, wie der Augenschein und die Erfahrung ausweisen, sei der dritte und größte Teil der Welt nichts als Salz“. Die vierte, dass alle Brunnen aus dem Meer kämen, verwirft er kurz: Die hätten „ganz weit gefehlt“.
Dass er die Sache nicht ausführt, hat einen Grund, den er selbst nennt — und der neugierig macht: Er habe vor, einen eigenen Traktat darüber zu schreiben, „ich habe bereits damit begonnen“. Ob er je fertig wurde, weiß man nicht.
Wo der Theologe weitergeht als der Naturkundige. Es folgt die methodisch interessanteste Passage. Die Naturkundigen, sagt Rhenanus, betrachteten nur „den Stoff und die Form“; einem Theologen aber gebühre es, „etwas höher zu steigen und die wirkende Ursache solcher Natur gründlicher zu suchen“. Die erste Art des Forschens zeige „nicht mehr als die Ordnung in den Dingen, wie sie sind und werden“; die zweite frage, wozu sie so geordnet sind.
Und dann setzt er der eigenen Erkenntnis eine Grenze, mit einem Bild, das haften bleibt. Selbst wenn wir meinten, eine Sache so gründlich erforscht zu haben, „dass man sie mit den Fingern greifen könne“, seien wir davon noch so weit entfernt „wie eine Nachteule vom Glanz der Sonne“ — das habe schon Aristoteles beklagt.
Was Salz kann. Zuletzt die Wirkungen, gesammelt aus antiker Naturkunde: Salz sei „von feuriger Eigenschaft“, weshalb die Philosophen eine Verwandtschaft mit der Sonne vermuteten — auch der Namen wegen, sal und sol, die sich „nur durch einen einzigen Buchstaben“ unterschieden. Es wärme und trockne, mache kalte Erden fruchtbar, wende Fäulnis ab und erhalte den Körper; darum habe Homer es „für ein besonderes göttliches Wesen und ein Sinnbild der Ewigkeit“ gehalten. Es wecke Lust zum Essen — deshalb, sagen die Naturkundigen, streuten Tauben ihren Jungen Salz ein. Und weil es zu Gottesdiensten und Opfern gebraucht wurde, sei es Bild des Unvergänglichen.
Redaktionelle AnmerkungS. 9–42
Die Widmung ist keine Höflichkeitsfloskel. Wilhelm IV. hatte das Werk befohlen, weil er fürchtete, mit den letzten Zeitzeugen gehe das Wissen um das Salzwerk verloren. In einem Brief an den zweiten Salzgrafen Christoph Hombergk, den die Literatur überliefert (Cramer 1879, danach Klepsch 1989), wird er deutlich: „Dann, wen Du und der Pfarherr soltet abgehen … so wehr itzo kein Mensch nicht mehr, der des Saltzwercks Ankunft oder Gelegenheit wüste.“ (heute: Denn wenn Du und der Pfarrer sterben solltet, wäre jetzt kein Mensch mehr da, der wüsste, wie das Salzwerk entstanden ist und wie es beschaffen ist.) Dieser Brief steht nicht in der Handschrift; der Wortlaut ist hier nach der Literatur wiedergegeben und konnte nicht am Original geprüft werden. Denselben Gedanken trägt das fürstliche Schreiben vom 24. Februar 1567 im dritten Band, dort in der Übersetzung: „sodass ihrer kaum noch zwei vorhanden sind, unter denen du einer bist“ (Bd. 3, S. 27).
Die Widmung ist auch eine Verteidigungsschrift. Dass ein Pfarrer sich rechtfertigen musste, weil er über Bergbau, Wald und Rechnungswesen schrieb, ist kein persönlicher Zufall. Die lutherische Geistlichkeit des 16. Jahrhunderts stritt darüber, wie weit ein Prediger sich in politica einlassen dürfe; Rhenanus’ Antwort — die alttestamentlichen Priester seien „Juristen“, „Ärzte“ und „im Kriegswesen nicht unerfahren“ gewesen — ist die übliche Berufung auf das Amt der Priester im Alten Bund.
Zu seinen naturkundlichen Quellen: Giovanni Pontano (1426–1503), den er für die Lehre vom Salz als „ein innerer Schweiß der Erde“ anführt, war Humanist und Dichter in Neapel; sein Lehrgedicht Meteororum liber war im 16. Jahrhundert verbreitete Schullektüre. Rhenanus referiert also den Stand der gelehrten Meinung seiner Zeit, nicht eigene Forschung — und sagt das auch, indem er die Positionen nebeneinanderstellt, statt eine zu behaupten.
Der angekündigte Traktat über das Salz fehlt. Rhenanus schreibt, er habe „bereits damit begonnen“ und wolle ihn „zu gelegener Zeit“ übergeben. Ein solcher Traktat ist bisher nicht nachgewiesen. Ob er verloren ist, unvollendet blieb oder nie über die Vorarbeiten hinauskam, ist offen — und ein lohnendes Thema für jede künftige Archivsuche.
Dem durchleüchtigenn Hochgebornenn furstenn vnnd Herrnn, Herrnn Wilhelmen Lanndtgrauenn zu Hessenn, Grauenn zu Catzenelnbogenn, Dietz, Ziegennhain vnnd Nidda etc. Meinem gnedigenn fursten vnnd Herrnn. Durchleüchtiger Hochgeborner Gnediger furst vnnd Herr, E. F. G. seindt meine vber die pflicht, anndechtiges gebett zu Gott, Demnach vnderthenige, gehorsame, ganntz treuw vleißige diennste, stettigs zuuor Gnediger Furst vnnd Herr, das grosse schöne vnnd allerherrlichste Theatrum Vniuersi mundi, ist nicht vnuersehenns, vhrplützlich1[?], auch nicht vonn Ihm selbst wordenn: Sonndernn wie es allenn gelerttenn bekandt, wir auch in den Artickeln vnnsers Christlichenn glaubens bekennenn, à primo efficiente, oder Summo Creatore herkommenn, vnnd beschaffenn, Vnnd dieweil dasselbige, also einmahl gewiß, so werdenn auch wir mennschenn, vnnsere eigenn vnnd andere suliche2[?] vernunfft ohnn allenn zweiuell nicht ohne vrsach, vnnd ohne hohes wichttiges bedennckenn vonn ebenn demselbigen
der solches Theatrum geschaffenn hatt, emdtpfanngen1 habenn, Denn er hatt vnns die augenn, vnnd die sichtliche krafft vmb keines anndernn willenn gegebenn, denn das er damit zuuerstehenn gebenn, das es sein genntzlicher will vnnd meinung seÿe, das sein des Schöpfers geschöpff nicht im finsternn liegenn, noch verborgenn sein sollenn, sonndernn das dieselbigenn gesehenn, mitt vleis betrachttet, verstanndenn, vnnd daraus die grosse weisheit, vnnd vnaussprechliche gewaltt, gerechtigkeit vnnd guete, sein des Herrnn vnnd Schöpffers aller Creaturen colligiret vnnd abgenommenn werdenn sollenn: vnnd dennach2 ein solch grosmechttiger gewalttiger Herr vnnd Schöpffer vonn vnns geehret, gefurchttet, geliebet, vnnd anngeruffenn werdenn müge, Daher dann der könn: Prophet Dauidt sagt, das der Himmell vnnd das Firmament Gottes ehr vnnd ruhm preisenn, verkundigenn vnnd predigenn. vnnd als er in diesem schönen Theatro mundi ein gut weil mitt vleis vnnd hertzenn lust sich vmbgesehenn, die schönenn Ordtnungenn, vnnderscheidt vnnd nutz, der geschaffenenn Creaturen betrachttet, hatt er nichtt vnderlassenn könnenn, heraus zubrechenn, vnd mitt
grosser freudt, vberlaut zusagenn: Gros seindt die werck des Herrnn, Wer dieselbigenn betrachttet, hatt grosse lust darann, Weislich hat er alles gemachtt, vnnd seiner weisheitt ist kein zahl noch ennde, Vnnd der fromb Job, Welcher gleichfals mitt anndernn heiligenn, das grosse buch der Natur mit vleis tagk vnd nacht studiret, Sagtt: Das die Thierer1 vnns lerenn könnenn, Das ist, sie könnenn gebenn anlas, vnnd mittell, durch welches wir zur warenn Weisheit, vnnd rechttenn gehorsamb, jegenn Gott kommenn könnenn. Salomon, ist der nicht gewesenn der aller weiseste, vnnd der aller vleissigste erkundiger aller Naturlicher ding etc. Denn vonn Ihm geschriebenn stehet, das er vom Isoppen an, bis auff den Cederbaum, alle naturliche wesenn, eigenschafft vnnd wirckung aller kreuter, gesteudt vnnd Beume, mitt vleis gesucht, vnnd dauon in ganntz bestenndiglich, vnnd vffs aller zierlichste hatt redenn könnenn, Darzu im dann Gott auch sonnderlich mit seiner gnadenn geholffenn, das werck seiner hennde befordert, sein ingenium, als sein selb eigene, im gegebene gabenn, ganntz herlich gezieret, vnnd darmit bewiesenn, das im solchs vorhabenn, vnndt Gottselig Studium gnedig gefallenn, Vonn anndernn
Exempeln dis ortts weitter anmeldung aus der heiligenn schrifft zuthun, achtte Ich vor vnnötigk, Es seindt auch die Heidenn so grob vnnd viehisch nie gewesenn, das sie das studium der Philosophi, vnnd der naturlichenn ding erforschung, Welche mann auch mit den augenn selbst für gewis erkennenn vnnd sehenn kann, Inn den windt geschlagenn vnnd verachttet hettenn, sonndernn sie seindt aus vleissiger nachtrachtung vnnd obseruation der Himlischenn Gestirn, vortreffliche herliche Astronomi wordenn, Habenn von allenn Metheoris, bestenndiglich schreibenn vnnd redenn könnenn, So seindt auch viele befundenn wordenn, Welche zugleich auch vonn Irdischenn dingenn, das ist vonn denenn dingenn zuschreibenn sich beflissen, Was Inner vnnd ausser der Erdenn, an Metal, Ertz, Miner, Brunnenn vnnd dergleichenn, wechst vnd ist, Wie solches beudt1 in Göttlicher heiliger schrifft, vnnd sonnst hin vnnd wiedder beÿ den Heidtnischen Scribenten, zusehenn vnnd zufindenn ist Vnnder anndernn gelertenn aber, findt mann beÿ den Historicis beschriebenn, das sich erstlich in Phaenicia zwenn treffliche gelerte menner Misar2[?] vnd
Sidich, mitt höchstenn vleis bemühet habenn, herfür vnd ann tagk zubringenn, Was doch das Saltz seÿe, vnndt woher es seinenn vhrsprung nehme, vnnd als sie denn sachenn lanng nachgedacht, Habenn sie es darfür genntzlich gehalttenn, das es nichts dann wasser vnnd Erden seÿe, Welches gleichsamb wie Laugenn durch aschenn, also durch die erdenn gegossenn werde, In welcher dan durch die krafft des Oberstenn Schöpffers vnd des Himmels zuwegenn bracht, vnnd distilliret werde, ein solch artificialisch Saltz, welches volgenndts den menschzu gutem gepraucht könne werdenn, Anndere habenns darfür gehalttenn, das es ein Innerlicher schweis der Erdenn seÿ, Welcher zugleich, wie sich der Regenn durch der Sonnenn hitz in die höhe vffzeucht, oder wie sich in einem Alembico aus den kreuternn, die feuchttigkeitt obenn Inn helm zeuchtt, vnd volgenndts der Regenn wieder herab, auff die erden felt, vnnd dieselbenn befeuchttet, vnnd durch die Nasen des Helms das zusammen gezogene wasser heraus tropfflet, also auch durch die Innerliche hitz in den gebirgen, die ewige Immerwehrennde dünste vffgezogenn, vnd enndtlich mit gewaltt Irenn ausflucht suchen, vnd
also sich nach natur der erdenn, durch welche sie ausdringenn, der erdenn eigennschafft ann sich nehmenn, vnnd enndtweder Saltzig, hitzigk, oder anndere qualitates ausfurenn. Sezenn dessenn diese vrsach, das die Saltzbrunnenn, nit allein vngleicher Substantz vnnd wesenns, vnd ein Brunnen nit altzeit gleiche reiche Sohlenn, an quantitet vnnd qualitet gebenn, Sonndern auch etlich Saltz, nach den farbenn des Erdtrichs geferbet werde, wie denn offennbar, das das Memphitische Saltz roth, das Sicilische Purpur, das Capadocische Saltz Saffran farbe, das Partische glentzenndt, das Agrigentinische weis, wie sonnst gemeinlich alle anndere Saltze seindt, vnnd das derwegenn das Saltz Res elementata, aus wasser, Erdenn, vnnd des Himmels krafft oder influentz, heruor brachtt vnnd vervhrsachtt werde, Dieser meinung ist vornemblich der weittberumbte Naturkundiger vnnd herlichste poëta Jouianus Pontanus in suis Methæoris. Anndere habenn denn sachenn weitters mit allem vleis nachgedacht, vnnd [übergeschrieben: seindt] letzlich dahin gerathenn, Weil
sie gesehenn vnnd erfahrenn, das grosse Berge hin vnd wiedder, sonnderlich aber in Polenn, in Hungernn, Kärntten, Steÿrmarck, vnnd anndernn vielenn örttenn befunden werdenn, In denenn nichts annders dann Saltz ausgehauwenn wirdt, desgleichenn alle Mehr saltzigk sindt, welche doch nicht alle aus den Innerlichenn schlussen der Erdenn, heruor kommenn, Sonndernn durch der Sonnenn hitz vnnd des Himmels krafft vervhrsacht werdenn, vnnd dennach das saltz ein selbstenndig ding, Ja wie der augennschein, vnnd die erfarung ausweisett, das dritte vnnd groste theil, der weltt nichts dann Saltz seÿe: das dennach die Salsedo vnd scherffe der Sohlenn, nach vnnderscheidt vnnd eigennschafft der Erdenn, durch welche sie fleusset, secundum magis et minus vervhrsacht vnnd produciret werde, Anndere seindt auch gewesenn, welche gemeinet, das die Saltz: vnnd anndere Brunnenn, aller aus dem Meer herkommenn, aber diese habenn ganntz weit gefehlet, vnnd nicht wahr genommenn, das sich solches ganntz vnd gar nit reÿmenn wölle Wanndt aber diese vnnd dergleichenn Opinionen vnd meÿ=
nungenn, auszufurenn ein grosse weittleufftigkeitt erfordert, vnnd dieses ortts nichtt beschehenn kann, als ist mein vorhabenns, dauonn einenn sonnderlichenn Tractatum, wie Ich denn albereitts im werck zuschreiben, vnnd E. F. G. zu gelegener zeitt zu vbergebenn, Dauonn will ich aber dismals allein sagenn, das alle Naturkundiger, in betrachttung aller naturlichenn ding, nuer Materiam et formam, vnnd wie die in der Natur seindt, betrachttet habenn: aber ein Theologo will gepurenn, das er etwas höher steige, vnndt Causam efficientem, solcher Natur grundtlicher suche, das ist, er mus betrachttenn, vnd denen suchenn, der die Natur also geordenet vnnd anngerichttet hatt, Item Wo zu, vnnd zu welchem enndt solches also anngerichttet, vnnd geordtnet seÿe, Denn die erste weise vnnd erforschung der Naturlichenn ding, weiset nicht mehr, als ordinem in rebus, ut sunt et fiunt. Die anndere aber gibt den Herrenn der solches alles wircket vnnd habenn will, vnnd beweiset das derselbige Jegennwerttigk seÿe, vnnd aus der Natur, nach seiner vnbegreifflichenn vnnd vrenndtlichenn1
weisheitt vnnd hohenn verstanndt, mitt seinenn almechtigenn fingernn, alles formire vnnd zu einem gewissen enndt oder ziel richtte. Vnd schleusset der Theologus, Ob wir wohl etwas durch vnnsere scharffsinnigkeit vnnd vleissige nachforschung der naturlichenn ding, Materiam et ordinem naturalium ersehenn, vnnd abnehmenn könnenn, so behalte doch der Schöpffer, vnnd allergrosseste kunstler, im allwegenn in allen dingenn, nichts ausgeschlossenn, so viel zuuor, das wir daruber erstarrenn, vnnd nicht annders als ein blinder im finsternn tappeln müssen, Wie dann solches auch der vortrefflichste Heidtnische Philosophus Aristoteles selbst gefuelet, vnnd geklagtt1 hatt, Da er sagt, das vnnser verstanndt in den naturlichenn dingenn, wenn wir meinenn, das wir dieselbigenn, so klar vnnd ausfuhrlich ergründet haben, das manns auch mitt den fingernn greiffenn könne, Je so blindt vnd so weit vonn dem grundt der sachenn seÿe, als ein Nachteul vonn der Sonnenn glanntz: Denn wir allesampt sehenn vnnd verstehenn das geringste vnnd schlechteste theil der Wercke Gottes, könnens vbrige weder ergründenn noch aussprechenn,
Wie aber dem allen, so will ich dismahls als der geringste vnnder den Philosophis vnd Theologis, vom Saltz, dessen vrsprung, eigennschafft vnnd nutzenn, etwas also viel Immer muglich, mit wenigenn worttenn, kurtzlich einpringenn, Denn ich haltt das Saltz vor ein naturlich wunderwerck vnnd geschöpff Gottes, welches er in vnnd nach der natur durch wasser vnd erdenn, herfurbringt, vnnd damit seine freÿe milte hanndt, grosse vnnd vnaussprechliche gewalt, höheste vnnd vnerforschliche weisheitt vnnd guete, Jegenn vnns mennschenn Ja der ganntzenn welt offenbaret, denn seine weisheitt Je in dem erkanndt, vnnd billich gepreiset wirdt, das er alles, was zur volkommenheit der welt nötigk gewesenn, ohne Jemanndts eingebenn vnnd bedennckenn vor sich selbst, vnnd was dem mennschenn vnnd viehe zur gesundtheit, vnnd artzneÿ diennstlich, lannge zuuor, ehe auch die beschaffung aller ding anngangenn, ersehenn, vnnd also aus zweÿenn: Nemblich wasser vnnd Erdenn, ein solches dritte simplex vnd per se constans elementatum, heruor zubringenn, vnd zuerschaffenn, vor nottwenndigk erkannt hatt.
Seine gewaltt aber wirdt in dem erkanndt, das alles was er zuuor beschlossenn, vnnd im vorgenommenn, solches auch ohnn einigs verhindernn, ohnn alle muhe, Ja gantz ohn alle beschwerung, vnnd leichtlich mitt einem athem oder wortt zuwegenn hatt bringenn könnenn, vnnd zugleich mit demselbigenn almechtigenn athem oder wortt, das es nicht vffhörenn, sonndernn wehrenn vnnd bestehenn müsse, bis anns enndt der weltt bestetiget, Wie ich solches beids in meinem grossenn Tractatu ausfurenn, vnnd das wiederige ablehnenn will. Es ist aber das Saltz feuriger eigennschafft vnnd nattur, wie solchs ipso sensu communi offennbar vnnd bekandt ist, Daher denn die Philosophi vnnd Naturkundiger gemeinet, das es ein Cognation oder verwanndtschafft, mitt der Sonnenn habe, vnnd das es ein sonderlich geheimnus seÿe, Weÿl Irer beider benennung so gleich lautenn, vnnd nur durch einenn einzigenn Buchstabenn vnnderscheidenn werdenn, denn Saltz im Latein Sal, vnnd die Sonn Sol genennett werdenn, Sodann das Saltz feuriger vnnd warmmer Natur ist, so mus Je nottwendig eruolgenn, das seine eigen=
schafft, nicht allein sey. erwermenn, sonndernn auch trockenn, zumachenn: aus welchem weitters zuschliessenn, das es die nassenn vnnd kaltten erder1[?] erwermet, vnnd austrocknet, vnnd per Consequens traghafftig2[?] machet, Item das es die Phlegmata in Corpernn verzehre, vnnd alle feulnis vnd Corruption abwennde, vnnd also per Consequens das Corpus erhaltte, vnnd langwerenndt mache, Welches zwar den König aller Poëten Homerum bewegtt hatt, das er das Saltz vor ein sonnderlich Götliches wesenn, vnnd Symbolum der Ewigkeitt geachttet hatt. Es erwermbt auch das Saltz, wegenn seiner naturlichKrafft, den Magenn, befordert die digestion desselbigenn preseruirt vor aller feulnis, erwecktt Lust zuessenn, verzehret die vbrigenn feuchtigkeitt, welches auch wie die Naturkundiger sagenn, die natur den Taubenn also Inngebildet, das sie Irenn Jungenn saltz einstreuenn3[?], sie damitt zur speise anzureizenn. Es macht auch das Saltz den geschmack subtil vnnd gut, vnnd insonnderheitt wirdt in allem saltz, ein sondere Krafft vnnd Lust, zu ermehrung allerley
thierer vermerckt vnnd befundenn, wie das alle Naturkundiger einmutigk bezeugenn, Deshalb denn auch Venus, darumb das sie aus Saltz vnnd Meer herkommenn, Haligena genanndt wirdet, Denn am Vffer des Meers viel mehr lebenndiges gewurmbs von Schneckenn vnnd anndernn vngeziefernn, vmb des Saltzes willenn fundenn werdenn, denn in den Teichenn vnnd süssenn wassernn, deshalb denn das Saltz, nit vnzimblich Mater Viuentium genennet wordenn, Dieweil denn nun aus diesem allenn erscheinet, das das Saltz Res omnino medicinalis, vnnd zur gesundtheitt der mennschenn vnnd viehes sehr nötigk seye, So habenn die alttenn Weisenn heidenn hiervonn sehr viel gehalttenn, dasselb in stettenn brauch vber disch gehapt, vnnd keine speise ohnne saltz zu sich nehmenn wollenn, auch damit Je die speise, durch einenn andernn nit verderbet, oder versaltzenn wurde, hatt ein Jeder souiel ihm vonnötenn, des vffgesetztenn saltzes genommenn, vnnd genossenn, Welches volgennds in also einenn stettigenn brauch kommenn, das sies nicht allein, als ein leibs Artzeney, zur gesundtheit gebraucht, Sonndernn sie habenns auch traus
sumptiue, vff die Ethicam vnnd Mores gezogenn, also das alle gesprech vnnd rede solttenn wie die rechtt wohlgesaltzene speise, lieblich vnnd lustig sein, vnnd keinenn verdris Jemanndts machenn, Daher sies dann auch vor ein sonnderlich böses Omen geachtet, wenn das saltz verschüttet wordenn, Einen langweiligenn vnlustigenn mennschenn, haben sie insulsum, in cuius corpore ne mica salis wehre, gescholtenn, vnnd ist bey den Erbarnn heydenn, ein Symbolum der messigkeit gewesenn, Da mann zusagenn pflegt, zuuiel vnnd zuwenig giltt nicht, Der Philosophus Diogenes, hatt vff ein zeit gesagt, er wolle lieber zu Athen saltz leckenn, das ist in mittelmessigenn stanndt lebenn, denn mit dem Cratero vber seiner Furstlichenn Taffelnn essenn, Denn ers darfür gehalttenn, das solchs gefehrlich. Also habenn auch anndere die redenn so heimlich stechenn, vnd verletzung hinder sich habenn, Salsa dicta, Wie dann auch kurtzweilige redenn, Sales genennet, Desgleichenn habenn sie zur warnung gesagt, Salem et mensam ne prætereas, das ist, es solle keiner keinenn vnlust erregenn, vnnd das Gelagk verderbenn, So
ist auch das Saltz, zu allenn Gottes dienstenn vnd Opffern gebraucht wordenn, Denn dieweils expers Corruptionis et perpetuitatis Symbolum ist, habenn sies denn Opffer darumb zugefugt, weil im Gottes diennst kein Corruptio, sonndernn perpetuitas sein solle, Demnach denn auch das Saltz einenn gutenn geschmack machet, das mann eigenntlich die Sapores vnderscheidenn kann, So ist auch die discretio, das ist der verstandt vnnd bescheidennheit, Inn sachenn recht zuerkennen, Sapientia, das ist Sal a sapiendo genennet wordenn. Vnnd weil dem allen nun also, Nemblich, das das Saltz die beste wurtze zur gesundtheit, vnnd mehrung der lebenndigenn Creaturen, diennstlich vnnd notwenndigk, sonnstenn auch grosser sachenn vnnd geheimnissen vns erinnert, vnnd aber dieses nicht, durch mennschenn scharffsinnigkeit vnnd geschicklichkeit, sonndernn allein aus Gottes des almechtigenn, vnnd allein weisenn guete, enndtstanndenn, vnnd noch teglich ist, vnd wirdt, solchs aber alles vmb vnsert willenn, das wir vns Corporis, Morum vnd Animæ Valetudinem, desto besser befleissenn sollenn, anngesehenn, So ist es rechtt
vnnd billich, das wir nit allein mit grosser Reuerenz vnnd ehrerbietung aus der milttenn hanndt Gottes, solchs entpfahenn vnnd annehmenn, Sonndernn desselbenn rechttenn brauch wohl studiren vnd lernenn, auch der guete Gottes für diese wolthat, welche, wie mann sagtt Vsu & crebritate, geringschetzig vnnd gar gemein, vnnd nichts werth geachttet möchte werdenn, Inn rechtenn brauch bringenn, Innsonderheit aber, weil der almechtige Gott E. F. Gl. hochlöbliches Furstennthumb Hessenn, mit einer herlichenn Fundtgrubenn oder Brunnenn, Natiui vnd Coctilis salis, in vnserm liebenn Vatterlanndt, für vielenn anndernn Furstennthumbenn vnnd Lannden, welche gernne mit grossem kostenn, gutt vnnd geldt, bey Ihnenn Saltzwerck annstellenn wolttenn, begnadiget, vnnd also dieses löbliche Furstennthumb gesaltzenn, vnd zur lebenndigenn Apotheckenn gemacht, sollenn wirs erkennenn, recht brauchenn, vnnd Gott so lenger so mehr dannckenn, preisenn, lobenn vnnd ehrenn, Demnach nun gnediger Fürst vnnd Herr, Ich ohne zweiffell, aus dem willenn vnnd versehung Gottes, vonn
Die Verteidigung — und der Blick in die eigene Lage. Der zweite Teil der Widmung ist ein persönlicher Text, und er ist der offenste des ganzen Werks.
Rhenanus beschreibt zunächst seinen Ort: Er sei „an diesen Ort und Winkel des Fürstentums Hessen, meines geliebten Vaterlandes“, zum Prediger und Salzgrafen bestellt worden — dorthin, „wo diese lebendige Quelle der wunderbaren Güte Gottes alle Tage mit Verwunderung gesehen wird“. Darum habe er es für Amtspflicht gehalten, seine Zuhörer auf diese Wohltat hinzuweisen, „nicht nur mündlich von der Kanzel, sondern … mit der Feder und schriftlich“.
Dann nimmt er die Kritik vorweg, die er erwartet, und er tut es mit bemerkenswerter Schärfe. Wie keine Speise so gut sei, dass die Fliegen sie nicht beschmutzten, so werde auch „nichts so recht und gut getan oder gesagt“, dass es nicht bekrittelt würde: „Es werden giftige Nattern über diesen meinen Fleiß und diese Arbeit herfallen. Denn wer an den Weg baut, wie man sagt, hat viele Meister.“
Zwei Vorwürfe erwartet er. Der erste: Sein Schreiben sei überflüssig, die Sache ohnehin bekannt. Seine Antwort ist ehrlich bis zur Selbstironie: „Hätte meine Feder geruht und geschwiegen, das Salz wäre nichtsdestoweniger Salz gewesen … und durch meine Arbeit und mein Schreiben ist das Allendorfer Salz weder besser noch schlechter geworden.“
Der zweite Vorwurf ist der ernste: Das sei „mehr politisch als theologisch und darum nicht meines Berufs und Amtes“, ja „philosophisches Zeug, das immer und überall Ketzer hervorgebracht“ habe — nach dem Wort des Paulus, niemand, der Gott diene, solle sich in weltliche Geschäfte verwickeln. Ein Pfarrer, der zugleich Salzgraf ist, muss darauf antworten.
Und er antwortet gründlich. Die Kritiker verstünden nicht, „wie weit den Geistlichen das Politische verboten ist“. Im Alten Bund sei die Verwaltung des Reiches eine ganz weltliche Sache gewesen — und dennoch habe Gott den Priestern befohlen, „Recht und Gesetze studieren“, damit der König sich bei ihnen Rat holen könne. „Daraus ist zu sehen, dass die jüdischen Priester Juristen gewesen sind“; die Bibel bezeuge, dass sie auch Ärzte waren und „im Kriegswesen nicht unerfahren“.
Das Pauluswort ziele auf die Vielgeschäftigen: auf jene, die „alle Tage auf den Kanzleien streiten und Prozesse führen“ und darüber ihr Amt vergessen, die „wie ein Krokodil zu Wasser und zu Land“ jagen. Und dann das Argument, das die Sache erledigt: Folgte aus jenem Wort ein grundsätzliches Verbot, „dann dürfte ein Prediger auch kein Ehemann und kein Haushalter sein“.
Über die Missgünstigen fällt er schließlich ein Urteil, das eher müde als zornig klingt: Sie „die viel tadeln, aber selbst nichts machen und nichts zu verbessern wissen“; entweder verdammten sie aus Unwissenheit, „was sie nicht kennen“, oder aus Bosheit. Mit solchen sei „mehr Mitleid zu haben als zu streiten“.
Was er sich vorgenommen hat. Am Schluss beschreibt er sein Verfahren, und es deckt sich genau mit dem, was das Werk dann tut: Er sei „vornehmlich bei unserem hessischen Allendorfer Salzwerk geblieben“ und habe daneben etlicher auswärtiger Salzwerke gedacht, „die ich gesehen habe — doch nicht aller“. Weil, wie Aristoteles sage, „die Dauer die Dinge empfiehlt“, habe er besonders auf „das uralte Herkommen dieses unseres Allendorfer Salzbrunnens“ gesehen und danach aufgezeichnet, was sich in der Folge zugetragen habe.
Zwei Sätze der Widmung sollte man behalten. Der eine ist eine Bescheidenheitsformel, die keine ist: Er habe das Werk „wenn auch nicht gründlich und erschöpfend, so doch der Oberfläche nach“ gemacht, „um anderen einen Anreiz zu geben, es besser zu machen“ — und noch einmal, trotziger: „Wer etwas Besseres zu machen weiß, dem soll es von mir unbenommen sein.“
Der andere ist die Bitte, mit der er sich verabschiedet, und sie erinnert daran, dass hinter diesem Werk ein Mann mit einer Familie steht: Wolle der Landgraf doch „mein und meiner Kinder gnädiger Herr sein“. Unterschrieben: Johannes Rhenanus, Pfarrer und Salzgraf zum Sooden.
E. F. G. Herrnvatter hochlöblicher gedechtnus, an dieses ortt vnnd ennde des Furstenthumbs Hessenn, meines geliebtenn vatterlanndts, zu einem Prediger vnd Saltzgrevenn verordenett, das in denn Sodenn, da diese lebenndige Quelle, der wunderlichenn guete Gottes, alle tage mitt verwunderung gesehenn, vnnd daraus menschenn vnnd viehes Artzeney, aus der reichenn vnnd mildenn Hanndt Gottes, Immediate geschöpffet, vnnd empfanngenn wirdt, Hab Ich meines ampts ein nottürfft erachttet, Erstlich meine Auditores, vf dieses beneficium Dei vielmahls zuverweisenn, Damit sie fernner, desto ehr Gott vertrauwenn, vnnd es mit demut, vnnd in warer Gottseligkeit, erkennenn, vnnd gebrauchenn mögenn, vnnd solchs vonn der Cantzell nicht allein mündtlich, Sonndernn auch furs annder, Weil E. F. G. ein solches gnediglich vonn mir begerett, mit [gestrichen: ?]1 der feddernn, vnnd schrifftlich, E. F. G. schuldige, vnderthenige ehre vnnd gehorsamb zuerzeigenn, etwas an den tagk zubringenn, mich enndtschlossenn vnd furgenommenn, Gleich aber wie kein speis so sues vnnd gut nichtt ist,
Unsichere Lesungen
Z. 16: [gestrichen: ?] — Streichung am Zeilenende unleserlich
wo die fuei1[?] zu kommenn konnenn, die nicht vonn fliegenn beschmeist, vnnd vonn den Meusenn benaget vnd zerschrottenn werde, Auch so recht vnnd wohl nichts gethann, noch geredt wirdt, Welches wie der Heyde sagtt, vonn bösenn gifftigenn zungenn, nicht könne Cauillirt vnnd vbell ausgelegt werdenn, also mache Ich mir keinenn zweiuell, es werdenn gifftige Natternn vber diesenn meinenn vleis vnnd arbeytt kommenn, (: denn wer ann den wegk wie mann sagt, bauett, hatt viel meister :) die es mir zu keinem gutenn, was Ich hie gethann, deutenn vnnd auslegenn werdenn, Inn fürwenndung, das dieses meines schreibenns, ganntz nicht vonnötenn, vnnd die sachenn ohne des besser vnd klerer am tag vnnd bekanndt, denn es vonn mir in solchem schreibenn, erkleret vnnd beschriebenn werdenn könne. Werdenn auch sagenn, es sey diese meine arbeit, auch mehr Politisch denn Theologisch, vnnd derohalbenn nicht meines berufs vnnd ampts, vnnd obs gleich einem gelertten zugelassenn, So sey es doch ein Heidtnisches vnnd Philosophisches ding einem Theologo (: der nichts wissen noch hanndtlenn soll, denn was Christi vnnd Gottes sache :)
belanngt, nach dem dicto des Heiligen Pauli, Nemo militans Deo implicet se secularibus negocijs :) nicht von nötenn zuwissenn, Vielgeschweigenn zu tractiren, vnnd dauonn zuschreibenn : Solle sich auch mit weltlichenn hänndeln nicht bekümmernn, noch annehmenn das seye Philosophisch ding, welche Je vnnd alwegenn Hæreticos oder Ketzer gemacht, vnnd gegeben, vnnd derohalbenn vom Apostell Paulo als alienum à Theologia, den Predigernn ganntz vnnd gar niedergelegt vnnd verbottenn wordenn, Derowegenn einem Prediger besser seye, hieruonn geschwiegenn, denn geredt, oder geschriebenn. Darauff Ich anntwortte, das es wohl war, ob gleich meine feddernn geruhet vnnd geschwiegenn, das Saltz nichts desto weniger saltz gewesenn, vnnd saltz pliebenn were, vnnd durch mein arbeit vnd schreibenn, das Allendorffisch Saltz weder besser noch erger wordenn, Ich bin auch selbst meines geringenn verstanndts vnnd vermögenns in so reicher vnnd weitleufftiger Materien vnnd sachenn, mir leider alzu wohl bewust, Jedoch weil E. F. G. ein solches zu tentiren vnnd annzugreiffenn, vonn mir ver
dieser zeitt gnediglich begeret, Ich auch ein sonnderlich neigung durch Gottes milde guete hierzu habe, vnnd ohnne des schuldigk mich erkenne, zum Tabernacul Gottes meine gabenn einzubringenn, Welches, wo es nicht Silber, Goltt, Sammet oder Seydenn, doch nach meinem vermugenn, ziegennhar, Dachsfelle, Saltz, vnnd geringer Materien sein könnenn, Damit Gottes Herligkeit auch am Saltz alhier zun Sodenn desto reicher vnnd mechtiger herfür vnnd am tagk komme, als habe Ich als ein beruffener diener Gottes, dieser kirchenn Inn Sodenn, nicht allein ampts wegenn, sonndernn auch, weil Ich des Hochlöblichenn Furstenthumbs zu Hessenn, meines geliebtenn vatterlanndts Einwöhner, desgleichenn bestelter Saltzgreue bin, vnnd vonn dem theurenn vnnd Christlichenn Heldenn, dem durchleuchttigenn vnnd hochgebornenn Furstenn vnd Herrn Herrn Philipsenn dem Elttern, Weylanndt Lanndtgrauen zu Hessenn, E. F. G. Herrnn Vatternn, Meynem gnedigenn furstenn vnnd herrnn, Hochlöblicher Christmilder vnnd seliger gedechtnus, Wie auch nicht weniger vonn E. F. G. selbst, mir dieses werck, vielfelttigk benohlenn wordenn, vnnd beide vonn Hochge=
dachtenn E. F. G. Herrnn Vatternn, auch E. F. Gl. mir viel gnade vnnd guts widerfarenn, E. F. G. auch danckbarlichenn gehorsamb zuleistenn schuldigk erkennet, ob gleich nicht fundamentaliter vnnd ausfurlich, doch superficialiter, anndernn für sich etwas bessers zu machenn, anreitzung zugebenn, solche schwere arbeytt, desto lieber vnnd getröster für die Hanndt genommenn, vnnd also, als zwiefach verpflichttet, mich derenn arbeit meines bestenn vermugenns vnderstanndenn. Hoffe, E. F. G. werdenn mit diesem meinem vnderthenigen willenn, vnnd Talent, nach des Poeten meinung vnnd Judicio, in magnis Voluisse sat est, gnediglich zufriedenn sein. Das aber die Zoyli mir fürwerffenn, vnnd wöllenn es sey mir nach dem dicto Pauli, weltliche sachenn zu tractiren, als ein Theologo verbottenn, achtte Ich, das die guete Herrnn, Wie fernn Politica den geistlichenn verbottenn, nicht verstehenn, oder vielleicht mit vleis nicht verstehenn wöllenn, Vnnd des zum beweis sage Ich, Es war die Administratio des Judischenn Reichs, ein gantz
Politisch vnnd weltlichs ding, Jedoch beuahl vnnser Herre Gott, den Priesternn, das sie Jura vnnd leges studiren solttenn, vff das im fall der noth, der König der Priester sich zutröstenn, vnnd sie mit gutem rath, dem König in Politischer Administration, damit es recht zuginge, nicht lasternn, sonndernn befordernn solttenn, Ja es Iniungirte vnnser Herre Gott dem Könige, das er in wichttigenn vnnd schwerenn henndelnn, der geistlich Rath brauchenn, vnnd Ihr Judicium hörenn sollte, darumb der Prophet sagt: Scientia soll sein in labijs Sacerdotum, vnnd Lex oder das recht soll vonn Ihnenn gelernnt vnnd befragt werdenn, daraus zusehenn, das Judische Priester Juristen gewesenn, Die Historien der Bibell bezeugenn, das sie Ertzte, vnnd auch wohl des kriegs nicht vnerfahrenn gewesenn sein, vnnd damit Ichs kurtzlich beschliesse, So gebenn text vnnd Historien der Bibell zuverstehenn, das ein Prediger, wo nicht omnium, tamen plurimarum rerum scientissimus, vnnd also beschaffenn sein soll, das er de iure, licet non de facto, zuerkennenn vnd zu redenn macht habe.
Derwegenn der spruch Pauli zuverstehenn, vonn den polipragmonibus, die in weltliche geschefftte, so tieff sich einsteckenn, vnnd einlassenn, das sie auch de factis zuerkennenn, das Jus Ihnen nehmenn, vnnd zu wenndenn: Das sie Ires ampts, vnnd des Predigenns [übergeschrieben: vnder des] vergessenn, vnnd alle tage vf Cantzleyenn hadernn, vnnd Causas agiren, Wollenns bey der Scientia nit bewenndenn lassenn, Sonndernn in Praxin sich einhenckenn, vnnd einmenngenn, vnnd wie ein Crocodil, zu wasser vnnd Lanndt Jagenn, In kirchen vnnd foro politico sich hörenn vnnd sehenn lassenn, vnd so aus der Consequentz des fürgeworffenenn Dicti Paulini, einem Theologo soltte simpliciter weltliche henndell vnnd geschefftte, verbottenn vnnd niedergelegtt sein dörffte ein Prediger kein Ehemann, vnnd auch kein haushaltter sein. Derwegenn weil Ich nur παρεργικῶς1[?] vnuerhindert meines Predigenns, vnnd meines studij Theologici geschrittenn, Wirdt ein Erbar vnnd vernunfftiges hertz, mich wohl enndtschuldiget halttenn, So ist auch nicht weniger, Es habenn die Erbarnn Heiden
vnnd Ihre gelerttenn in erkanndtnus der Naturen, vnnd Ihrer Ordenung, sich sehr geubt, vnnd beflissen, auch so fernn in erkanndtnus vnnd betrachtung derselbenn kommenn, das wir vnns höchlich zuverwundernn, wie sie so hoch vnnd tieff Inn die Natur gestiegenn, das wir zu vnnserer zeitt vonn Ihnen in vielenn dingenn lernenn müssenn, Aber wie dem, So ist Scire per se Jucundum et dulce, Ir meta vnnd finis gewest, vnnd seindt ihr gar wenig, die das quare sic est, gesucht vnnd fundenn habenn, Darumb sagt Paulus, euanuerunt in cogitationibus suis, sie seindt in Ihrenn gedannckenn Eyttell wordenn, Ein Christlicher Theologus aber, oder Philosophus, denn der Heylige Chrysostomus de Theologiam allenntthalbenn Philosophiam nennet, bleibt nicht in erfarung vnnd erkenndtnus der ding, ihrer Materien vnd form, das sie seindt, Sonndernn suchet efficiens primum et finem ultimum, Wer der sey, der es also habenn, vnnd warumb ers also habenn wölle: Darumb habenn die Heidenn, in erkenndtnus der dinge, so da seindt etwas vnns vorgearbeittet, vnnd ein hülffe
gethann, sollenn wirs mitt dannck erkennenn, vnnd annehmenn, vnnd was sie anngefanngenn, aber vnuolenndet gelassenn, sollenn wir aus Gottes wortt, vnnd offennbarung zur perfection vnnd volkommenheit befordernn, Darumb sagtt Augustinus rechtt, So die Heydenn etwas gutes gehapt, vnnd dessenn brauch nicht gewust, sollenns die Christenn Ihnen, wie die Israeliten den Ägiptern thetenn, enndtwendenn, vnnd in den rechttenn brauch, darzu es Gott verordenet, vnnd habenn will, richttenn vnnd bringen. Derwegenn ist erkanndtnus der dinge, so da seindt secundum materiam et formam ein Heidtnisches vnnd Philosophisches studium, secundum autem efficientem et intentionem eius, Ists ein Christliches vnnd Heyliges studium, Weil Gott der allerheiligste dieses selbst herfür bracht, vnnd anngerichtet hatt, vnnd selbst ein Vatter der Natur wordenn, Darumb er von den gelertenn Physicis, oder naturlichenn Meisternn, natura naturans genanndt wordenn, Wircket auch noch vnaufhörlich der almechtige Gott nicht allein die natur, Sonndernn Inn vnnd durch die Natur:
Oder ist vber vnnd ausserhalb der Natur, gar selten, vnnd wiedder die Natur gar nicht, wie die Theologi wissenn, Er beuiehlet auch, das die vernunfftigen Creaturen der Naturen war nehmenn, vnd nicht wie die Bestien oder bruta, in der Natur sein, vnd doch diese nicht wissenn noch kennenn sollenn, Darumb er, wie annfanngs vermeldet, vns also erschaffenn, das Obiectorum species, wir Inn vnnsere Sinne schöpffenn, diese fassenn, vnnd bey vnns lange zeitt tragenn könnenn. Der grosse Herr vnnd naturliche Meister Gott selbst, erwecket vnnd macht Physicos, gibt den Geist, vnnd befederts wunderlich, etiam infundendo, oder wie es die Theologi nennenn, spirando, wie ann Salomone zusehenn, Ja Gott der Hochste Theologus, zeiget Locum et Vsum der Naturenn, vnnd seines Geschopffs, in der Heiligenn Theologia selbst, So wir eigenntlich sehenn könnenn, wie vnnd wozu er die Physicam gebraucht, Hat dieses Studium der Naturen, bis dahero gewaltiglich vnnd mechttig erhalten, das es nicht vntergaungenn, verloschenn, noch auff=
gehöret, wie in Josepho zusehenn, vnnd seindt die Patriarchenn, Adam, Noah, Abraham, Jacob, alle fürbündige, herliche vnnd grosse Physici gewesenn, Seindt auch die bestenn Theologen, Christus selbst, Lucas, Paulus, Augustinus, Magi, Chrysostomus, die Prister in Persia, Nazianzenus seindt alle, wie auch zu dieser zeitt, die aller furnembstenn Theologen, Physici gewest. Es ist auch die erkenntnus der Natur zum verstanndt des erstenn Artickuls vnnsers Christlichen glaubenns, vonn der erschopffung aller dinge, oder de regno potentiæ et sapientiæ Dei, Ja die ganntze heilige schriffttenn auszulegenn, vnnd zuuerstehenn, hochnötigk, vnd wirdt, was Saltzseule, Saltzbundt, Saltzbrun, Saltzthal, Saltzopffer, vnnd Conspersio seye, keiner verstehenn, wirdt auch, was diese Phrases sein, vnd wollenn, Vos estis Sal terræ, vnnd sermo sit sale conditus, keiner ersehenn noch verstehenn, Denn nur ein Physicus, der der Naturen kundig ist. Ob nun wohl gesagt werdenn will, das Hæresi Archæ grosse Philosophi gewest, wie wohl zuglaubenn, So volget doch nichtt, das Philosophia, welche an sich
selbst heylig vnnd Gottlich ist, sie zu ketzernn gemacht, sonndernn der schenndtlich misbrauch der Philosophi, derselbe hatts gethann: So sie Gottes mechtige vnnd freye hanndt, mit Irer kunst meister, vnnd der freyheit Gottes, die Natur wie sie ist, vnd leufft, opponiren vnnd zugegenn setzenn, vnnd mit dem naturlichenn lauff, vber naturliche thatenn Gottes ermessenn, vnnd ergrundenn wollenn, vnd also die dienerin, mit Irer frauwenn, der sie vnnderworffenn, vnnd vff den diennst warttenn sollenn, die Philosophia, mit der heiligenn Theologia, wie Agar mit der Sara zustreittenn sich vnnderstanndenn, machet auch derowegenn Philosophia, wenn sie Theologiæ auffwarttet, nicht allein keinen ketzer, Sonndern einenn vleissigenn auffwartter vnnd diener, in Gott bey den Reichenn, Nemblich der gewalt vnd gnadenn, Der Heylige Apostel Paulus auch, do er für der Philosophi, die zu Colossis warnnet, verdambt nichtt simpliciter ganntz vnnd gar dieses studium, Sonndern sagt, es sey ein studium philosophiæ, das Vanum vnd
Inane heisse, zur Gottseligkeit nichts nutze, nur vff1[?] weltliche kurtzweil, die zeit zu vertreibenn gerichttet, als die da redt vonn denenn dingenn, wie sie seindt, aber nicht warumb sie seindt, vnnd wo sie herkommenn: Sonstenn wer Pauli schrifftenn mit vleis lieset, wirdet bekennenn vnnd sagenn, das er in Vera philosophia, sehr fürtreflich gewesenn seye, denn er Je wohl vonn den Metheoris hatt redenn könnenn, vnnd Irenn Vsum vnd finem gewust, vnnd anngezeigt, vnnd lobt nicht, wenn mann in Philosophia annfehet, sie aber zum rechttenn ende nicht bringenn will, Sonndernn wenn die anngefanngene gute gedannckenn vnnd Speculationes, wie ers nenntt verschwindenn, vnnd ehe sie zum ennde kommenn, auffhörenn, solchs misfelt ihme, Aus welchem wohl vnnd fest gesetztenn grundenn volgenn mus, das Philosophia mit Irenn partibus, ob wohl heidenn vnnd ketzer sie studiret habenn, doch keines weges zuverachttenn, Sonndernn vielmehr, das dieselb auch Gottes vnnd heiliger erleuchtter leute studium, auch anndernn heiligenn leutenn, als sonnderlich Prediger sein sollenn, wohl annstehenn
vnnd gebuerenn wolle, Ja auch die Heylige schrifft, vnnd denn erstenn vnsers glaubenns Articul recht auszulegenn vnnd zupredigenn, vnnd die zuhörer mit furstellung der vnenndtlichenn weisheit, gewalt, gerechtigkeit, vnnd guetigkeitt Gottes, zur furchtte vnnd liebe Gottes, vnnd schuldigenn gehorsamb zuleitenn vnnd zuziehenn, zum hochstenn vonnötenn seye, Vnnd das dem allenn nach Ich indem, wenn anndre die zeit mit schlaffenn, mussig gang oder sonnst ohnne die Bibell zubracht, nebenn dem Predig ampt, mich etwas auf dieses studium salinarium, welches nicht das geringst theil Physices ist, gewenndet, vnnd also denn meinenn Gottes werck, Ja Gott selbst besser bekanndt zumachenn, Ich nichtt allein nichts verweisliches verwircket, Sonndernn vielmehr Gottes beuehl ausgerichtet, mein gewissenn gelediget, der welt mehr als anndere gedienet habe, bill ich vmb meines anngewenndtenn vleisses willenn, vielmehr zulobenn denn zuscheltenn seye, Das auch die Momi, die solcher meiner arbeit hönisch lachenn, vnnd mich leichtfertigk verspottenn werden,
meine misgönner, die viel taddelnn, aber für sich selbst nichts machenn, oder zuuerbessernn wissenn, enntweder damnando quod nesciunt, vnwissenndt sundigenn, oder de industria, aus bosheitt bewegt, vnrecht thun, vnnd deshalb mit solchenn mehr mitleidenn zuhabenn, denn zu zannckenn seye: Weil sie nur mit solchen verachtungenn, Ire vnweisheitt, grobenn verstanndt vnnd kuhnheitt1[?], damit sie vberschutt seindt, vermeinenn zubedeckenn, Derwegenn Hochgebornner Fürst, gnediger Lanndts vatter vnnd Herr, Hab ich E. F. G. gnedigem begerenn nach, es in Gottes nahmenn gewagt, vnnd dis wergk für die hanndt genommenn, vnnd souiel Gott gnade geben, es so weit bracht, wie E. F. G. hiernebenn gnediglich zusehenn habenn, Bin furnemblich bey vnserm hessischenn Allenndorffischenn Saltzwerck bliebenn, vnd darbenebenn etlicher annderer auswertigenn Saltzwerck, so Ich gesehenn, doch nicht aller, gedacht, vnnd weil perennitas, wie Aristoteles sagt, die dinge dauonn mann schreibt, Commendirt, vnnd lobt, So hab Ich in meinem schreibenn vnnd werck, sonnderlich vff das
Vhraltte herkommenn, dieses vnsers AllendorffischSaltzbronnenn gesehenn, darnach wahrgenommenn vnnd obseruirt, was sich nach der hanndt zugetragen, vnnd wie durch die hochlöblichen Furstenn zu Hessen, diesem löblichenn vnnd nutzlichenn werck Gottes, durch allerley mittell geholffenn wordenn, das es wie heut für augenn, in solchenn wolstanndt kommen, vnnd gehalttenn wirdt, Was ich aber weitters in diesem werck gehanndelt, habenn E. F. G. auff dem vmbgeschlagenenn blat gnediglich zusehenn, Will aber solches mein geringschetzig werck, E. F. Gl. als meinem gnedigenn Lanndtsfurstenn vnnd nechst Gott hochstenn beschutzer, vnnderthenniglich, mitt gebuerennder vnnd demutiger Reuerentz vnnd ehrerbietung gnediglich zubeschutzenn vnnderthenigst vnndergebenn, dediciren vnnd zuschreibenn, Demutig bittennde, E. F. G. wolttenn diese meine arbeit, lassen meine arbeit sein vnnd pleibenn, Wer etwas für sich bessers machenn kann, soll vonn mir zwar vnuerhindert pleibenn, Wollenn auch mein vnnd meiner kinder gnediger Herr sein, vnnd solches werck mehr
vmb meines vnnderthenigenn gehorsambs vnnd gutter wohlmeinung, dann ausfurlicher grosser kunst weillenn, Wie es billich sein soltte, in gnadenn vonn mir auffnehmenn, vnnd demselbigenn gefallen lassen, So will ich hinforter mit allem meinem leibs vnnd lebenns vermögenn E. F. G. zu vnnderthenigem gefallenn zu tag, so nacht, zudienenn, vnnd bey Gott E. F. G. vnnd derselbenn Jungenn Herrnn vnnd Freuwlein, leibs gesundtheit vnnd friedtliches Regimentt, mitt meinem Vatter vnser, bey dem Herrnn zuerwerbenn, mich befleissenn, Dieselbige in des almechtigenn gnade, vnnd mich Irenn gnedigenn schutz vnnderthenniglich beuehlennde E. F. Gl.1[?] Vnnderthenniger, Gehorsamer vnnd treuw vleissiger. Johannes Rhenanus Pfarher vnnd Saltzgreue zum Sodenn
Unsichere Lesungen
Z. 14: E. F. Gl. — kalligraphische Kürzel, Lesung unsicher
Rhenanus’ eigenes Inhaltsverzeichnis, auf drei Blättern. Es ist der Schlüssel zum ganzen Werk: Jedes der fünf Bücher und jeder der vier Anhänge wird in ein bis zwei Sätzen beschrieben. Man erfährt hier auch, wer ihm zugearbeitet hat — das Glossar stammt vom Holzvogt Hans Wagener, das Spezialprobierbuch hat Christoph Homberg begonnen.
Der erste Satz ist bemerkenswert. Das erste Buch soll beweisen, „mit stichhaltigen Argumenten aus wahren Geschichtsquellen“, dass das Salzwerk schon „vor Christi Geburt, zu den Zeiten des Cornelius Tacitus“ bestanden habe. Rhenanus schreibt nicht Chronik. Er führt einen Beweis.
Redaktionelle AnmerkungS. 43–47
Was Rhenanus hier als Beweis ankündigt, hält er im ersten Buch nicht. Er sagt das am Ende selbst. Die Anmerkungen zum ersten Buch gehen dem nach.
Das Inhaltsverzeichnis ist zugleich der beste Beleg dafür, dass die Salzbibel ein geplantes Werk ist und keine gewachsene Sammlung. Rhenanus beschreibt jedes Buch, ehe er es schreibt, nennt seine Zuarbeiter — den Holzvogt Hans Wagener für das Glossar, Christoph Homberg für das Probierbuch — und legt damit offen, was heute ein Herausgeber im Vorwort täte.
HandschriftS. 43 Bl. 19 Innhalt des ganntzen wercks
Vonn Erster Annkunfft des Saltzwercks Sodenn, darin mit bestenndigenn Argumenten ex veris historijs bewiesenn wurdet, das dieses Saltzwerck vor Christi geburt, zu Cornelij Taciti, Caroli Magni, vnnd D. Bonifacij Zeittenn gewesenn, bis vff diese Zeitt pliebenn, sampt der Pfenner Priuilegien,
Darinnenn allerley schreibenn Rathschlege vnnd bedennckenn, was vnnsernn gnedigenn fürsten vnnd herrnn Hochlöblicher gedechtnus bewogenn, wie auch S. Fgl.1 darzu kommenn, vber die — 42. Pfenner Bote2 noch mehr zubawenn, Vnnd was desthalb allerseits verlauffenn,
Hierauff eruolgter vertragk auch etliche Inmittelst verlauffene benebenn hanndtlung, durch welche vnnser gnediger fürst vnnd herr etc. zur zweymahl wiederholetenn Location vervhrsacht sich einzulassenn,
Darauff Ordenung so Jost Becker1 vorgeschlagenn, vnnd dann die Ordenung so Ich Rhenanus zusammenn gezogenn, vnnd enndtlich etzliche holtzordenung mit denen von Allenndorff vnnd anndernn vffgerichtet.
↪Fortsetzung von der vorigen SeitePfenner vor dem letztenn Bronnenbaw vffgerichtet, darnach der annder Bronnenbaw, so bey vnnserm gnedigenn furstenn vnnd herrnn beschehenn, vnd vom Jost Beckernn1 seligenn beschriebenn, Vnnd dann auch anmeldung des Stollenbaws, so nach der hanndt vorgenommenn werdenn, beschriebenn werdenn,
Extract aller bey mir verwartenn Bücher vnnd brieffenn, daraus ich dieses alles extrahiret, aus welchem mann, Wo vnnd in welchem Buch oder Conuolut, mann Jede sachenn suchenn vnnd findenn soll, vnnd dann, anngezeigt wurdet etc.
Unsichere Lesungen
in sonndernn — Lesung nicht ganz sicher; Sinn: insonderheit, im Einzelnen
Faszikel A-F, H und AA — Bleistiftvermerk moderner Hand, erstes Wort schwer lesbar (Faszikel?)
Warum der Anfang so schwer ist. Rhenanus beginnt sein Werk nicht mit dem Salzwerk, sondern mit einer Entschuldigung. Wer über die Frühzeit reden wolle, dem lägen „dreierlei Dinge aufs Beschwerlichste im Wege“ — und ohne die vorher zu klären, könne niemand „etwas der Wahrheit Gemäßes“ sagen.
Erstens: Die alten Deutschen hätten „gar keine gelehrten Leute bei sich gehabt“, die aufgeschrieben hätten, was bei ihnen geschah. Wer etwas wissen will, ist auf römische Autoren angewiesen — Ptolemäus, Strabo, Plinius, Tacitus —, und die schrieben über Fremde und Feinde. Immerhin, räumt er ein, würden sie die Deutschen trotz allem „wegen ihrer hohen Tugenden herrlich rühmen“.
Zweitens: Diese Römer gäben den deutschen Völkern „so seltsame, verdunkelte Namen“, dass sich nichts Sicheres daraus ablesen lasse; man könne nur „mutmaßen und gleichsam nach Gutdünken schließen“.
Drittens: Die Völker seien gewandert. Nach so vielen „Migrationen, Auszüge und Vertreibungen“ sitze „beinahe kein Volk mehr“ dort, wo seine Ureinwohner gewohnt hätten.
Trotzdem hat sein Landesherr ihm den Auftrag erteilt. Also legt er sich einen Plan zurecht — drei Fragen in dieser Reihenfolge: Wo lagen die Grenzen der Chatten?Welcher Berg ist der Melibocus?Und um welchen Salzbrunnen haben Chatten und Hermunduren gekämpft? Sind die drei geklärt, meint er, „kann alsdann leicht über die wahre Entstehung dieses Salzwerks geredet und ein Schluss gezogen werden“.
Man sollte diesen Aufbau ernst nehmen. Rhenanus schreibt keine Chronik, die vorn anfängt — er stellt eine Beweiskette auf und arbeitet sie ab. Dass die Kette am Ende nicht trägt, wird er selbst zugeben.
Redaktionelle AnmerkungS. 49–61
Wo Rhenanus recht behalten hat. Seine Grundthese — die Chatten sind das Volk, aus dem die Hessen wurden — ist der heutige Forschungsstand. Die Namensreihe lässt sich Schritt für Schritt verfolgen: Chatti (um 100 n. Chr.) → Hatti → Hazzi → Hassi (um 700) → Hessi (738) → Hessen. Die erste urkundliche Erwähnung steht 738 in einem Papstschreiben und meint zunächst ein einzelnes Volk an der unteren Fulda.
Auch mit den Batavern liegt er nicht falsch. Dass die Bataver ein nach inneren Zerwürfnissen abgespaltener Teil der Chatten waren, die im späten 1. Jahrhundert vor Christus auswanderten, ist bis heute die gängige Auffassung — Rhenanus hat sie aus Tacitus.
Wo er dem Zeitgeschmack folgt. Was er daraus macht, ist dagegen humanistische Namensdichtung: ein Fürst Batavus, der Batavia gründet, sein Sohn Hessus, der den Hessen den Namen gibt und in Nimwegen den „Hessenberg“ baut. Solche Ahnherren wurden im 16. Jahrhundert für ganze Länder erfunden; sie erklären Namen, indem sie eine Person hinter sie setzen. Ebenso steht es mit Katalonien: Für eine Herleitung aus den Chatten gibt es keinen Anhalt.
Und sein Siedlungsgebiet ist zu groß geraten. Das chattische Kerngebiet lag in den Tälern von Eder, Fulda und oberer Lahn; nach 15 n. Chr. verdichtete es sich auf die Ebene von Fritzlar-Wabern, das Kasseler Becken und die westhessische Senke bis ins Gießener Becken. Rhenanus zieht die Grenze bis an den Rhein, den Main und nach Westfalen — er beschreibt damit eher das Hessen seiner Zeit als das Land der Chatten. Dass er sich dabei auf die Selbstbezeichnung der Bewohner beruft („weil sich aber bis auf den heutigen Tag von allen vier Seiten her die Einwohner zu den Chatten und Hessen bekennen“), sagt es unfreiwillig selbst.
Für seine Arbeitsweise ist trotzdem etwas festzuhalten: Er nennt seine Gewährsleute, datiert sein Gespräch mit den beiden Lotichius in Schlüchtern auf 1559 und trennt sauber zwischen Gelesenem und Gehörtem. Das ist mehr Quellenangabe, als die meisten Chroniken seiner Zeit bieten.
Vonn Erster ankunfft des Saltzwercks Sodenn, darin mit bestenndigenn1 Argumenten ex Veris historijs bewiesenn wurdet, das dieses Saltzwerck vor Christi geburt zu Cornelij Taciti, Caroli Magni, vnnd D. Bonifacij zeittenn gewesenn, vnnd volgennts in stetigem wesenn, bis vff diese zeitt pliebenn, sampt der Pfenner priuilegien.
Wenn einer von erster ankunfft des Saltzwercks Sodenn, zu redenn sich vnndernehmenn will, So werdenn im dreyerley zum beschwerlichstenn im weg liegenn, Ohne welcher vorhergehennder erleutterung, niemanndt etwas der warheit gemes, wurdet redenn oder schreiben konnenn,
Denn erstlich ist zum höchstenn zubeklagenn, das vnnser furfahrenn, die alttenn Teutschenn2, gar keine gelerte leute, bey sich gehapt habenn, Welche was sich bey den Teutschenn zugetragenn, hette in Teutscher sprach beschreibenn konnenn,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitesolchs die alttenn Heydtnischenn Geschichtschreiber hin vnnd wiedder in Ihrenn Büchernn gedennckenn, vnnd ohnne das die erfarung selbst außweiset.
Zum anndernn, Ob schonn die alttenn vnnd Heidtnische geschichtschreiber, als Ptolomeus, Strabo, Plinius, Cornelius Tacitus, auch etliche der Neuenn, in Ihrenn Büchernn der Teutschenn gedennckenn, auch vnangesehenn1 das sie die Teutschenn für Barbaros halttenn, Gleichwohl Irer hohenn tugenndenn wegenn, herlich verrühmenn,
So gebenn sie doch den Völckernn teutsches Lanndes, so selzame verthunckelte nahmenn, das mann nicht wohl etwas gewisses, sonndernn viel mehr Mutmassenn, vnnd gleichsam nach gut dunckenn schliessenn kann,
Zum drittenn, so habenn sich auch so manncherley Migrationes, außzuege vnnd vertreibung der völcker zugetragenn, das bey nahennts2 kein volck mehr, seinenn alten vnnd erstenn siz Innenn hatt, da zuuor seine Aborigenes gewonet habenn,
Das mann deshalb zu dieser zeit mehr darauf muß sehenn, vnnd sich befleissenn, was die rechttenn Termini der alttenn gewesenenn völcker,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
vnangesehenn — Minims mehrdeutig; Lesung aus dem Sinnzusammenhang (unangesehen = ungeachtet)
bey nahennts — Schreibung der Endung nicht ganz sicher
Dieweil aber solchs vnneracht1 mir vonn Meinem gnedigen Furstenn vnnd Herrnn zu Hessenn, gnediglich vfferlegtt vnnd beuohlenn wordenn, Vonn der annkunfft, ihrer F. G. Saltzwercks2 Sodenn für Allenndorff ann der Werra, vleißige nachforschung souiel Immer müglich zuhabenn,
Vnnd aber Ich hierzu vff keinenn besernn weg kommenn kann, denn so Ich erstlich die rechttenn altenn grenntzenn, oder Terminos Cattorum, aus den alttenn Historicis, Cosmographis vnnd Geographis, bestendigk auffsuche, vnnd dieselbigenn Grenntzenn, wie sie vonn altters benennet wordenn, mit der Jzt breuchlichenn Conferire.
Zum anndernn, Dieweil die alttenn Geschichtschreiber, einmütiglich (: wie denn auch die neuenn :) des berges Meliboci gedennckenn, vnnd gleichwohl demselben Jntra terminos Cattorum statuiren, Das Ich auch mitt vleis nachtrachtung habe, Welcher bergk doch Jzo derselbige seye,
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteCattorum so zweiuelhafftig vnnd vngewisse ding hiervonn statuiret werdenn, Das mann gleich als ob die Abnobij vnnd Obnobij montes1, den Melibocum gar vnsichtbar gemacht, nicht mehr wissenn kann, Wo der gedachte Bergk Jzo gelegenn seye,
Vnnd zum drittenn, Wenn die grenntzenn vnnd Termini Cattorum, desgleichenn die gelegennheitt des Meliboci, also erforschet, das ich als denn, mit vleis erkundige, vmb welche Salzbrunnen sich die Catten mit den Hermunduris geschlagenn habenn,
Wo die Chatten wohnten. Die Chatten sind das Volk, aus dem später die Hessen wurden. Rhenanus geht ihre Grenzen nach allen vier Himmelsrichtungen durch und nennt zu jeder die Orte, die heute dort liegen — damit ein Leser des 16. Jahrhunderts sich etwas darunter vorstellen kann. Und er beginnt mit einer Spitze gegen einen Kollegen: Es verwundere ihn „aufs Höchste“, warum Franciscus Irenicus behaupte, „dass von den Chatten keine Spur mehr zu finden sei“.
Im Osten: Weser und Werra mit den anliegenden Bergen; dahinter Tubanten, Chaudriner und Chattuarier, „wo jetzt die Eichsfelder liegen“ — er nennt sogar die drei Dörfer, an denen der Name hängt: Kirchgandern, Ober- und Niedergandern. Daraus folgert er, dass die vielzitierte gemeinsame Grenze zu den Cheruskern nie bestanden hat.
Im Süden: die Rhön, das Buchenland, Salzungen, Fulda, Schlüchtern, Gelnhausen, Hanau — bis an den Spessart, die Kinzig und den Main. Im Westen: bis an den Rhein, zu den Usipiern und den Mattiaci fontes, die Leonhard Fuchs für die Wiesbadener Brunnen hält; dort habe Mattium gelegen, der Hauptort der Chatten. Im Norden: das Hessische Gebirge, Engern, Westfalen bis an die Weser, dazu Waldeck, Wolfhagen, der Desenberg und die Diemel hinunter.
Er sagt auch, woher er das weiß, und das ist für seine Arbeitsweise bezeichnend. 1559 sei er in Schlüchtern bei zwei Verwandten gewesen — Petrus Lotichius dem Älteren, Abt daselbst, und dem gelehrten Petrus Lotichius dem Jüngeren. Die hätten ihm die Südgrenze selbst gezeigt, sich „Chatten genannt“ und das Haus Steckelberg an der Kinzig als hereditarius limes, Erbgrenze der Chatten, gedeutet. Neben den Büchern steht die Auskunft von Zeugen.
Dann zwei Abschweifungen, die ihm sichtlich Freude machen. Die Chatten seien ein indigena gens, „ein eingeborenes Volk“, das nie vertrieben worden sei; wurde es zu viel, so zog man aus. Ein Fürst Batavus sei fortgezogen, habe Batavia — Holland — gegründet und wie Battenberg nach sich benannt; daher heiße Katwijk noch heute so, gleichsam Cattorum vicus. Sein Sohn Hessus habe den Chatten den Namen der Hessen hinterlassen und in Nimwegen den Hessenberg erbaut. Und die Chatten seien sogar „mit Gewalt nach Hispanien“ gezogen und hätten dort Katalonien benannt.
Eine Gegenmeinung räumt er im selben Zug ab: Wer behaupte, um Magdeburg und Halberstadt habe ein Volk „Hessen“ gewohnt, das die Chatten vertrieben habe, berufe sich allein auf den Ortsnamen Hessheim — „aber weil dies ein loser Grund ist“ und weder alte noch neue Geschichtsschreiber davon wüssten, sei die Meinung „ganz und gar zu verwerfen“.
Am Ende ein Stolzbekenntnis mit zwei Zitaten. Tacitus habe gesagt: „wenn die übrigen Völker zur Schlacht ausziehen, ziehen die Chatten in den Krieg“; und Vadianus: Stat adhuc vetus gloria Cattorum. Dazu ein Sprichwort, das er offenbar gern hört: „Wo Hessen und Holländer verderben, wer wollte da Nahrung erwerben?“ Und die Begründung, warum das alles hier steht: Er habe es „aus Liebe und zu Ehren meines geliebten Vaterlandes“ nicht unterlassen können.
Vonn dem Sitz der alttenn Catten derselbigenn rechtenn Grentzenn, ann flüssenn, Bergenn, Geweldenn vnd dergleichenn, vnnd dem Jtzigenn Sitz der Hessenn, so ann Ire stadt kommen vnd genennet werdenn.
Wenn ich nun erstlich den rechtenn Sitz der alttenn Cattenn, bey den alttenn Scribenten, Cosmographis vnnd Geographis, erforsche, Befinde Ich gleichwohl, das sie kaumpt vonn einem volck1, die terminos so einhellig, als von den Cattis sezenn,
vmb welches willenn, mich denn auch zum höchstenn verwundert, Warumb doch Franciscus Irenicus, so ganntz ohne grundt statuiret, das der Cattorum kein Vestigium mehr zufindenn,
Denn beim auffganngk3, sezenn Je die alttenn, die Weser vnd Werra, vnnd die daselbst anngrenntzenden Berge, hinter diesenn bergenn vnnd flössenn aber, die Tubantes, Chaudrinos2 vnnd Cattuarios,
Welches Jzo die Eisfelder (: da noch drey dörffer, Nemblich Kirchganndern, Obern: vnnd Niederganndern :) liegenn, vnnd↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
vonn einem volck — Lesung vonn/bey einem volck nicht ganz eindeutig
Chaudrinos — Völkername; Anfangsbuchstabe C/G und Lautstand nicht ganz sicher
beim auffganngk — erstes Wort (beim) verschliffen geschrieben
↪Fortsetzung von der vorigen Seitedas Lanndt zu Göttingenn, bis am Brackenberge1, bis Jegenn Lippoldesberga2 seindt, hinder welchenn Völckern denn die Cherusci, Harzlender, Bructeri vnd Cauci Ihre size gehapt,
Vnnd erscheinet also, das die Cherusci, wie viele wöllenn3, mit den Catten niemahls gegrenzt habenn, sonndern durch die Tubantes vnnd gedachte Völcker, vonn Jnen abgetheilt gewesenn,
Vnnd dieweil die Hermunduri, Welches Jzo die Duringer seindt, Ire grennz nach den Catten zu, bis ann den Hurselberge bey Eysenach, dannen auff die Werra oder Weser erstreckenn,
So ist mann also einmahl gewis, was die Catten für Limites vnnd grenntzenn, Jegenn auffganng der Sonnenn, das ist nach dem Lanndt zu Duringenn, Eisfeldt, vnnd Sachssenn gehapt,
Jegenn Mittagk, habenn die Cattenn, die Fosos2, welches Schoppern1[?] vnnd anndere, auff die im Furstenthumb Hennebergk, Roen, Buchenn, vnnd Franckenn deutenn, folgents die Montes Abnobios,
Inn welchem zirck Salzungenn, Breitungenn, Rockenstul, Fulda, Neuwhoff, Steckelbergk3, Schleuchtter, Budingenn, Gellhausenn, Haynaw, Bergen, Orttembergk, bis ann Spishart, vnnd Kinzing, bis Inn Mäyn gelegenn,
Hie4[?] kann Ich zu mehrer bestettigung, dieser meiner meÿnung, nicht vnnderlassenn, meiner beder Vetternn seligenn, Petri Lotichij primi, Abtts zu Schleuchtter, vnnd dem Doctoris Petri Lotichij secundi, Gottseligenn, zugedenckenn,
Welche mir selbst, als Ich zu Schleuchtternn beÿ Inenn Anno 1559. gewesenn, diese Terminos also anngezeigtt, sich Cattos genandt, vnnd das Vhraltte Haus Steckelbergk auff der Kinzing (welches Izo der Edlenn von Hütten ist) fur den Hæreditarium limitem der Cattorum gedeütet habenn.
Unsichere Lesungen
Schoppern — Gelehrtenname unsicher gelesen; wohl Verweis auf einen Autor (Schopper?)
Fosos — Völkername nach Tacitus (Fosi); Endung nicht ganz sicher
Steckelbergk — Auch Lesung Sterkelbergk möglich; gemeint ist die Burg Steckelberg an der Kinzig (Haus der von Hutten)
Hie — Satzanfang mit großer Zierinitiale, Lesung des Wortes unsicher (Hie/Wie/So)
Nach Niedergang, beschreibenn die Historici vnd Cosmographi einhelliglich, das sie daselbst der Catten anngrenzenden Völcker, die Vsipij vnnd Vsipetes1, vnd der Rhein seÿenn,
Welches mann Izo vor die Reingauwer achttet, vnnd darbenebenn die Mattiacos fontes, Darvonn Plinius lib. 31. Cap: 2. schreibt, vnnd Leonhardus Fuchsius, fur die Brunnenn zu Wißbadenn helttet,
Dieweil aber Beatus Rhenanus schleusset, das Catzennelnnbogenn, den nahmenn vonn den Cattis vnd Meliboco her habe, vnnd demselbigenn andere zutrettenn,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Vsipij vnnd Vsipetes — Völkernamen (Usipii/Usipetes nach Tacitus), Schreibung der Endungen nicht ganz sicher
Mattmell — Ortsname unsicher gelesen; Zierstriche durch tt erschweren die Lesung
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteKann Ich nicht anders schliessenn, dann das die Reingauer Catzennelnpoger1 bis am Rhein, vnnd folgenndts die Innwöhner Jegenn Coblenz, vber die Loehn herauff bis Inn die Dill, vnnder die Cattes2 gehörenn,
Jegenn Mitternacht, thun sich herfür die Montes Obnobij, Izt das Hessische Gebirge genenndt, Engernn, Angriuaria, Chamauni3 vnnd gantz Westphalen, bis in die Weser,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitevnnd thut sich darnach in zweÿ theil oder äste abwechselnn, derenn eins die Werra herauff, das annder dem Hartzwaldt durch die kleine Cauchos1, naher den Bructeris vnnd Chamaunis2 zustreicht,
Das nun diese, die rechttenn Termini der alttenn Cattorum gewesenn, kann, vnangesehenn das viele, so bis anhero geschriebenn, gantz tunckell, Ja viel tunckeler denn Cornelius Tacitus, welcher ein außlennder gewesenn, hiervonn redenn,
Welcher zeugnus aller, wohl hier notwenndig geachttet werdenn mochttenn, zusezenn, aber dieweil bis auff denn heutigenn tagk, vonn allenn vier ortten her sich die Innwöner zu den Cattis vnnd Hessenn erkennenn, Auch die Furstenn zu Hessenn deren mehrentheils mechtig sein, Wil ichs hierbeÿ bewenden lassenn,
Unsichere Lesungen
Cauchos — Völkername (Chauci minores bei Tacitus), Lesung des au nicht ganz sicher
Welches vonn keinem Volcke Jemachls1 außgetriebenn gewesenn, Sonndernn wenn sich das Volck beÿ Ihnenn ermehret, einer den andern vertriebenn, oder selbst gewichenn, nach frembdenn Lanndenn gezogenn, vnnd dieselbige eingenommenn, erbauwet vnnd bewonet habenn,
Sonnderlich aber bezeugenn die Historici vnnd Cosmographen, das Batauia, Izt Holanndt genanndt, pars Cattorum seÿe, vnnd vom Batauo Irem Furstenn, den nahmenn enndtpfangenn,
Welcher sich aus den Cattis gewenndet2, Batauiam erbauwet, vnnd nach seinem nahmenn, gleich wie Battembergk im Lanndt zu Hessenn, genennet hatt, Daher denn auch Cattwigk (quasi Cattorum Vicus) in Hollanndt den nahmenn behalttenn,
Unsichere Lesungen
Jemachls — Wohl Schreibvariante von jemals; ch nicht ganz sicher
gewenndet — Lesung des Verbs nicht ganz sicher (gewenndet/gewandert)
denn er daselbst zu Niemweigenn, die halbe Stadt erbauwenn, vnnd nach seinem nahmenn, Hessembergk, bis vff den heutigenn tagk, nennenn lassenn, Wie er denn auch Hessennstein erbauwet habenn soll,
Das vmb Magdeburgk vnnd Halberstadt hero, ein Volck die Hessenn genennet, gewohnet, Welche furtters die Cattes außgetriebenn, vnnd sich ann Ihre stadt gesezet habenn sollenn,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitevnnd derenn sundts1[?] weder altt oder newe Scribenten der Hessenn gedennckenn, ist solche Opinion gantz vnnd gar zuuerwerffenn,
Desgleichenn zeugenn auch die Historici vnnd Cosmographen, das die Catti weitt vmbgeschweiffet, vnnd Innsonnderheit, das sie auch in Hispaniam mitt gewaltt gezogenn, ein grossenn ortt Lanndes eingenommenn, vnnd nach sich Cattaloniam genennet habenn,
In Summa sie habenn Je vnnd allwegenn, ein herlichen nahmenn gehapt, vnnd (: Gott lob :) bis noch behalten, also das Cornelius Tacitus, sich nicht beschweret, vonn Ihnenn zusagenn: Quando reliqui populi exeunt ad praelium, Catti exeunt ad bellum,
Vnnd Joachimus Vadianus spricht, Stat adhuc Vetus gloria Cattorum, daher noch das sprichwort bliebenn: Wo Hessenn vnnd Holennder verderbenn, Wer woltte da nahrung erwerbenn,
Ein Berg wird gesucht. Ptolemäus setzt im Gebiet der Chatten einen Berg Melibocus an und nicht weit davon den Wald Semana. Welche das heute sind, weiß niemand. Rhenanus gibt seine Ratlosigkeit offen zu: „da weiß ich wahrlich beinahe nicht, wo hinaus oder wo hinein“.
Zuerst räumt er die herrschende Meinung ab. Etliche „hochgelehrte und verständige Leute“ hielten den Brocken dafür. Dagegen zwei Gründe. Der erste ist geographisch: Der Brocken liegt mitten im Harz, im Gebiet der Chauken und Brukterer, sechs Meilen jenseits der Chattengrenze. Der zweite ist ein Beobachtungsargument, und es ist das stärkere: Über den Melibocus stehe geschrieben, er sei fruchtbar „bis oben auf den höchsten und sehr breiten Gipfel“ — der Brocken aber sei „ein schmaler, aufsteigender, spitzer und oben ganz trockener, dürrer und öder Berg, wie es der Augenschein ausweist“. Er weiß das, weil er dort gewesen ist: Ab Schaubenstein finde man „nicht ein einziges Sträuchlein“. Lieber wolle er ihn Mons Bructerorum nennen.
Dann erzählt er von einem eigenen Irrtum, und das ist die ehrlichste Stelle des Buches. Vor 32 Jahren habe ihm bei Roßdorf ein Pfarrer einen Berg als Melibocus gezeigt; er sei hinaufgestiegen, habe ihn besichtigt und es geglaubt, „weil er in der Grafschaft Katzenelnbogen liegt“. Später sei ihm aufgefallen, dass der Berg jenseits des Mains liegt, also außerhalb des Chattengebiets, und dass er oben „dürr, eng und nicht breit“ ist. Da „habe ich diesen gefassten Wahn fahren lassen“.
Sein Ergebnis ist der Meißner. Der liegt innerhalb der Grenzen, ist der höchste Berg diesseits von Werra, Weser und Diemel, hat seit je Bergwerke und Erzgruben — „wie es allenthalben die alten Pingen anzeigen“ —, trägt am Fuß „das löbliche uralte Salzwerk Sooden“ und ist bis hinauf fruchtbar, „selbst in den Klippen und Felsen“.
Und dann zählt er auf, was dort wächst, und die Liste ist eine kleine Botanik. Jährlich kämen Leute aus fremden Ländern, um Kräuter zu suchen, „die an anderen Orten nicht wachsen“: die Scorzonera in zweierlei Gestalt, „das herrliche, gegen alle Gifte wirkende Kraut“, das man sonst „mit großen Kosten aus Spanien“ holen lasse; dazu Coronopus, Ferrocavallo, Iva arthritica, „das edle Wundkraut Solidago sarracenica“, die Uva inversa des Doktor Dodonaeus, Aconitum pardalianches, Buxus repens, Acorus, Chamaedrys, Lunaria minor und Ebulum; an Gehölzen Eibe, Schneeball, Johannisbeere und Traubenholunder.
Etliche suchten dort auch Erze — und daher, schreibt er, sei bei den Fremden ein Sprichwort aufgekommen: „Die Hessen werfen manchmal nach einer Kuh mit einem Stein, obwohl der Stein — wenn sie ihn kennten — mehr wert ist als die Kuh.“
Nicht vergessen wird das Neueste: das neu erfundene Steinkohlenbergwerk, von dem „offenbar und jedermann bekannt“ sei, welchen Nutzen es dem Salzwerk, den Hütten, den Schmieden und den Haushaltungen bringe „und wie eine große Menge Menschen sich davon erhalten und ernähren können“.
Zum Schluss der Stolz, offen ausgesprochen. Beatus Rhenanus habe sich gerühmt, die Herkunft der Katzenelnbogener gefunden zu haben — „umso mehr will es mir als dem anderen Rhenanus geziemen“, sich zu freuen, dass er post multa secula, nach vielen Jahrhunderten, „den wahren Ort des Melibocus hervor- und an den Tag gebracht“ habe. Und gleich darauf die Namenserklärung: Weil der Berg lange mit Schnee bedeckt sei und sich „weit und breit weiß sehen lässt“, heiße er heute Weißener; Ptolemäus habe ihn nach der „Fülle und Süßigkeit der Weiden“ benannt.
Und dann der Satz, der ihn als Wissenschaftler ausweist: „Schließlich will ich den Weißener so lange für den Melibocus halten, bis ich von anderen etwas Besseres und Beständigeres unterrichtet werde.“
Redaktionelle AnmerkungS. 62–75
Ein Detail für die Bergbaugeschichte: Rhenanus erwähnt beiläufig das Steinkohlenbergwerk am Meißner und dessen „großen Nutzen“ für Salzwerk, Hüttenwerk und Schmieden — geschrieben von dem Mann, der die Saline zwei Jahrzehnte zuvor auf eben diesen Brennstoff umgestellt hatte. Es ist der Braunkohlenbergbau am Meißner, in dem nach Waitz von Eschen (2005) ab 1578 erstmals auf dem europäischen Kontinent regelmäßig Kohle für einen Betrieb gefördert wurde — und er beschreibt ihn hier wie eine Nebensache.
Der Melibocus — ein Streit, den es ohne die Humanisten nicht gäbe. Ptolemäus nennt ein Μηλίβοκον, und die Gelehrten des 15. und 16. Jahrhunderts suchten es auf der Karte. Die heute übliche Deutung ist ausgerechnet die, die Rhenanus verwirft: der Harz. Er hat also, nach dem heutigen Stand, unrecht.
Bemerkenswert bleibt trotzdem, wie er argumentiert. Statt Namen zu vergleichen, prüft er die überlieferten Eigenschaften am Gelände: Der Melibocus soll bis zum breiten Gipfel fruchtbar sein — der Brocken ist es nicht, „wie es der Augenschein ausweist“, und er sagt dazu, wo genau die Vegetation aufhört. Dass er seine eigene frühere Meinung über einen Berg bei Roßdorf widerruft und den Irrtum stehen lässt, gehört in dieselbe Haltung.
Und der Berg, der heute Melibokus heißt — der im Odenwald —, trägt den Namen selbst erst durch einen Gelehrtenirrtum. Er hieß Malschen oder Malchen und erscheint 1012 als mons malscus; die Umbenennung nach Ptolemäus setzt sich erst nach dem Ende des 15. Jahrhunderts durch. Rhenanus stritt also in einer Debatte, in der auch die Gegenseite mit einem frisch erfundenen Namen arbeitete.
Zum Wald Semana ist wenig zu sagen, weil auch die heutige Forschung wenig weiß. Rhenanus geht mit seiner Unsicherheit offen um — „Da habe ich fürwahr keinen Schriftsteller zu Hilfe“ — und nennt seinen zweiten Grund für den Seulingswald selbst: dass dieser Wald „nun seit fünfundvierzig Jahren“ das Salzwerk versorgt. Er weiß, dass ihn das Interesse leitet, und schreibt es hin.
Die Kräuterliste vom Meißner ist unabhängig davon eine wertvolle Quelle. Sie nennt für das 16. Jahrhundert Pflanzen mit ihren damaligen Namen und bezeugt, dass auswärtige Sammler eigens anreisten — ein früher Beleg für den Meißner als botanisch bemerkenswerten Standort, lange bevor er unter Schutz gestellt wurde.
Es erfordert nun meine fürgenommene Ordenung, das Ich vonn dem berge Meliboco, sagenn mus, Da weis Ich warlich bey nahe nichtt, wo aus, oder wohin ein,
Denn etliche [übergeschrieben: hohe] gelerttenn vnnd verstenndige leute, sich dahin verleitenn lassenn, das sie dem Brockelsbergk, so in mittell des Hartzes, vnnd intra terminos Cauchorum vnnd Bructerorum,
Sie soltenn aber auch darauff acht genommenn haben, das davonn weitters geschriebenn stehett, das er gantz fruchtbar, bis obenn auff den höchstenn vnd sehr breittenn Gipfel seye, Welcher vmbstennde keiner, vffm Brockelsberge zufindenn,
Welcher Je ein schmaler, vffsteigennder, spitziger vnnd obenn auff gantz truckener, dürrer, vnnd öder Bergk ist, Wie denn solchs der augennschein ausweiset,
dann als baldt mann vber das bruch vnnd Morast, vffm Hartz, da der Hertzogk vonn Braunschweigk seine Pferdt struck1[?] helttet, nachenn Schaubennstein2[?] zu kömpt,
Deshalb denn Ich, diesenn hohenn Berck, dessen gleich, ohnne des, in gantzem Lanndt zu Sachssenn keiner ist, lieber Montem Bructerorum, das ist Bructersbergk, vonn den Bructeris, so daselbst Ihre Grentz gehapt, dann Melibocum deutenn vnd nennen will.
Unsichere Lesungen
struck — Wort nach 'Pferdt' unsicher, wohl 'Struck'/'Strut' (Herde bzw. Gestüt); Sinn: wo der Herzog von Braunschweig seine Pferde hält
Schaubennstein — Ortsname am Brocken unsicher, evtl. 'Scharfenstein'
Es ist mir aber auch, für 32. Jarenn, ein Berck in der Obernn Graffschafft Catzenelnbogen bey Roßdorff1 gezeigt wordenn, bin auch selbst hinauff gestiegenn, vnnd den besichttiget, Welcher zwar sehr hoch ist, denn mann darauff weitt vmb sich sehenn kann,
vnnd hatt mich der Pfarher damahls des orts berichttet, das derselbige Berck der Melibocus seye, Welchem Ich auch deshalb beygefallenn, dieweil er in der Graffschafft Catzennelnbogenn gelegenn,
Wanndt aber Ich nach der zeitt den sachenn nachgedacht, das gedachtter Bergk auch extra terminos Cattorum, vltra Maenum gelegenn, vnnd das er obenn vff, sehr dür, enge vnnd nicht breitt ist,
Habe Ich solchem gefastenn wahnn, fahrenn lassenn, vnnd mich wiederumb zum Ptolomaeo, Dasypodio, vnnd nunmehr Schoppero gewenndet, welche einhellig sagenn, das er intra terminos Cattorum prope Sylvam Semanam, seine gelegenheitt habenn solle,
Nun kann Ich inner der Catten Grentz, vnnd in dem parallelo, nach Ptolomaei annleitung↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Roßdorff — Ortsname; Lesung 'Roß=dorff' nach Zoom, wohl Roßdorf bei Darmstadt in der oberen Grafschaft Katzenelnbogen
dem parallelo, nach — In der letzten Zeile ist zwischen 'parallelo,' und 'nach' eine Lücke frei gelassen, vermutlich für eine nachzutragende Gradangabe
↪Fortsetzung von der vorigen Seitedesgleichenn Longitudine et Latitudine auch diesseitt der Werra, Wesser, vnnd Diemell oder intra Abnobios et Obnobios montes kein höhere berge, als den Garmbergk2, am Reinhardts waldt, vnnd dem Weißener befindenn,
vnnd mus also volgenn, das dieser bergk einer der Melibocus seye, vnd das entweder der Reinhardts waldt, oder Kauffunger waldt, oder der Seulingswaldt Semana seyenn,
Wiewohl nun die alttenn, aus vnwissennheit der sprachenn, vnnd vnerfahrennheitt dieser Lannder, sehr dunckell vonn diesem hanndell geschriebenn, Wolte Ich doch, wenn mirs gegönnet werdenn möchte, (: doch niemanndts ders besser verstehet vorgegriffenn :)
Denn dieweil in gemein alle vmbstennde vnnd attributa, so bey den Cosmographis vnnd Historicis, dem Meliboco zugeschriebenn werdenn, augennscheinlich ann vnnd vmb den Weißener gesehen vnd befunden werden,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
Longitudine et Latitudine — In der ersten Zeile sind nach 'Longitudine' und wohl auch nach 'Latitudine' Lücken für nachzutragende Gradzahlen frei gelassen
Garmbergk — Lesung unsicher, gemeint ist wohl der Gahrenberg im Reinhardswald
Es ist zwar menniglich kundt, das vmb denn Weißener, nach auffgang zu, Je vnnd alwegenn Berckwerck vnnd Ertzgrubenn, wie solchs allennthalben die alttenn Bingenn anweisenn, gewesenn,
vnnd wirdet kaumpt ein fruchtbarer Lanndtart, als in dieser Jegennt, sonnderlich vmb Eschwehe vnnd Reichennsachssenn hero, vnnd bey nahenndt im gantzenn Ampt Beilstein befundenn,
Welche fruchtbarkeitt sich denn mit ackernn, Wiesen, Viehezucht, vnnd allerley nutzbarkeitenn, bis auff die Höchstenn zwenn Gipfel, die auch höher, denn der Öde vnnd vnfruchtbar Brockelsbergk (: welchen mann eigenntlich darauff sehenn kann :) seindt, auch sonnst allennthalb, darumb hero erstrecket,
denn Je auch in denn Klippenn vnnd Felsenn, ann allenn orten wachsige1[?] gehöltz, Beume, Staudenn, gras vnnd allerley herliche Kreuter, auch sehr liebliche viele brunnenn, befundenn werdenn,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitedenenn1 SteinKolenn Berckwergks geschweigenn, Weil offembar vnnd Jedermann bekanndt, was dasselbige fur großenn nutzenn, beim Saltzwerck, Huttenwercke, Schmiddenn, haushalttungenn zuwegenn bringet,
Nemblich das herliche wieder alle gifft wirckende kraut. Scorzoneram in zweyerley gestalt, Welchs mann sonnst mit großenn kostenn aus Hispania, hatt holenn lassenn,
Derenn etliche auch besonnder Ertz vnnd Mineras daselb suchenn, vnnd hinwegk tragenn, daher denn von demselbigenn frembdenn Leutenn, ein sprichwortt eingerissenn, das sie zusagenn pflegenn,
Nun hatt sich Beatus Rhenanus erfreuwet vnnd gerümpt, das er die Etimologiam der Catzennelnpoger2, als nemblich das dieselbigenn seyenn die rechttenn Cattenn, so ann dem Berge Meliboco wohnenn, oder gewonet habenn,
Vielmehr will mir, als dem annderenn Rhenano, geziemenn, das ich mich auch dessenn erfreuwe, das ich post multa secula, Verum locum des Meliboci herfur vnnd ann tagk bracht,
Unsichere Lesungen
kenneten — Wort in der Klammer schwer lesbar; dem Sinn nach 'wenn sie ihn kennten'
Catzennelnpoger — Schreibung des Namens (p/b) nicht ganz sicher
Vnnd ob schonn hierJegenn eingewendet werdenn möchte, das altt vnnd new Catzennelnbogenn am Meliboco solttenn gelegenn sein, So erscheinet doch das solches nit sein könne,
Wies aber kommenn2, das der nahme Melibocus, so gar in vergess kommenn, soll niemandts wunder nehmen, denn vonn denenn nahmenn, so die alttenn Cosmographi vnnd Historici setzenn, kaumpt vnnder Hundertten noch einer vberpliebenn ist,
So habenn auch die Scribenten, viel mahls für sich selbst nahmenn erdachtt, die sonnst bey den Völckernn, davonn sie schreibenn, niemahls gehört wordenn, noch in brauch gewesenn, Wie solchs mit vielenn exempeln zubeweisenn,
Schlißlich so will ich den Weyßener, so lannge für den Melibocum halttenn, bis das Jch etwas bessers vnd bestenndigers vonn annderenn vnnderrichttet werde,
Denn dieweil ptolomeus, ein Grichischer Cosmographus gewesenn, dieser gelegennheitt durch seine Landtkündiger berichttet wordenn, gleichwohl aber des Bergs rechttenn nahmenn nicht gewust,
hat er diesem Bergk ab vbertate & dulcedine, pascuorum, nahmenn geben, vnnd μελίβοκον oder aber μυλόβοτον2 à terra siue Vastitate pascuorum, mitt verenderung weniger Buchstabenn, genennet,
Und der Wald? Beim Semana hat Rhenanus überhaupt keinen Gewährsmann: „Da habe ich fürwahr keinen Schriftsteller zu Hilfe noch Beistand“ — außer der Angabe, er liege nicht weit vom Melibocus.
Er entscheidet sich trotzdem, und zwar gegen den nächstliegenden Kandidaten. Der Kaufunger Wald wäre der nächste am Meißner, aber er tippt auf den Seulingswald und begründet es mit dem Namen: Die lateinischen Autoren hätten deutsche Namen oft nachgeahmt; die Anwohner hätten vielleicht „Semener“ geheißen, nach den Seen, die dort liegen — woraus „Seeliegentwald“ und schließlich Seulingswald geworden sei. Dass der Wald heute weiter entfernt liegt, ficht ihn nicht an: Es bestehe noch immer ein durchgehender Zug der Gehölze über Wildeck, Tannenberg und Sontra bis dorthin, wo „die Ausläufer (Radices) des Meißners und des Seulingswaldes zusammen[laufen]“.
Warum ihm das wichtig ist, sagt er selbst — und der zweite Grund ist der ehrlichere: Weil dieser Wald „nun seit fünfundvierzig Jahren bei dem Salzwerk Sooden neben dem Melibocus das Beste getan hat und noch tut“. Berg und Wald seien „gleichsam miteinander vermählt“, beide „innerlich wie äußerlich sehr reich“ — innen an Erz und Mineralien, außen an Feldfrüchten, Bäumen und Viehzucht. Es folgt ein Gebet, dass Gott „bei diesen zweien je länger, je mehr“ seinen Segen erhalten möge.
Angehängt ist ein Nachtrag, den man gelesen haben sollte, weil er zeigt, wie Rhenanus weiterdenkt, nachdem er schon geschrieben hat: Vielleicht komme der Name doch aus dem Griechischen — von xylon, Holz, oder xylia, großer Wald; Ptolemäus habe womöglich „Xymana“ geschrieben, und die Lateiner hätten lieber ein S als das ihnen ungewohnte X genommen. „So klingt es auch nicht unähnlich, wenn man ‚Xylingswald‘ sagte.“
Vnnd obs schon war ist, das Jzo der Kauffünger waldt, der nechst vnder den dreyenn obanngezeigtenn Weldenn, beim Weißener ist, auch als das Kloster Kauffüngenn erstlich gebawet wordenn, den nahmenn verendert vnnd verlorenn habenn mochtte,
Denn dieweil offennbar ist, das Ptolomaeus Tacitus, vnnd anndere Lateynische Scribenten, als vnerfahrne der Teutschenn sprachenn, viel mals sich befliessenn, die Teutsche nahmenn Jn Jhrer sprach zu Jmitiren,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitegebenn, Dieweil die Leut, so damahls in der gegennt gewohnet, vielleicht Semener, vonn den Seen, so daselbst gelegenn, genennet wordenn,
So ist auch die Jegent dieses waldes Jegenn auffgang nichtt minder fruchtbar, denn der Weißener, also das wohl zuuermutenn, das gar zeittlich leute daselbst im Gerstenngaw3 bey den Seen anngefanngk2 zubawenn,
denn Je vom Seulingswaldt, nach bis auf den heutigenn tage, eine strecke vnd Contiguitet der geholz, auff Wildeck4, Dannennbergk, Sontra,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
gleichwols frey — Wendung schwer lesbar; dem Sinn nach 'gleichwohl'
anngefanngk — Wortende abgekürzt/verschliffen, wohl 'angefangen'
Gerstenngaw — wohl der Gerstunger Gau an der Werra
Vnnd wiewohl diese meine mutmassung vom Seulingswaldt fur vnnötig möchtte geachttet werdenn, Habe Ich doch vmb zweyer vhrsach willenn, dieselbige mit einzubringenn, nicht vnderlassenn könnenn,
Erstlich dieweil der Bergk Melibocus, vnnd Waldt Semana Jnner den grenntzenn der Cattorum beyeinannder liegenn sollenn, vnnd sich denn solchs nach ausweisung dieser meiner deduction befindet, das man deshalb nachmals dabey bleibe, vnnd keinem andern walde, den nahmenn Semana zuschreibe,
Unsichere Lesungen
Cappell — Ortsname am Satzanfang (Fortsetzung von voriger Seite); Lesung des ersten Wortteils ohne Kontext der Vorseite nicht ganz sicher
Vielleicht hatt es vom annbegin in der Natur sein geheymnus, dieweil sie gleichsamb zusammen vermahlet, sie alle beide Innerlich vnnd eusserlich sehr reich vnnd fruchtbar seindt,
Der Almechtige ewige Gott, wolle hinfurtters seinen reichenn segenn vnnd gnade bey diesem zweyenn Je lennger Je mehr ermehrenn, vnnd erhalttenn, das menschenn vnnd viehe, derselbigenn mit hoher danckbarkeitt, mugenn geniessenn, Damitt sein↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
in — übergeschriebenes Einschubwort zwischen 'altenn' und 'großenn', Lesung 'in' oder 'im'
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteHeyliger nahme gelobt vnnd gepriesenn, sein Reich allenthalb erweittert, vnnd sein gnediger vatterlicher will, wie im himmell, also auch auff erdenn erfüllet muge werdenn, amenn etc.
Das Ich denn sachenn weitters nachgedacht, vnnd gemutmassett, ob auch wohl dieser waldt, den nahmenn vom Griechischenn nahmenn ξυλια1 bekommenn habenn möchtte, Denn Je solchs ein grossenn waldt bedeuttet, Wie denn der Seulingswaldt ohnne das ist,
vnnd das vielleicht Ptolomæus darfür ξυμανα2 gesetzet, vnnd die Latini viellieber3 das σ.4 oder S. denn das ξ. oder X. |: welches bey Ihnenn nicht sehr breuchlich :| nemenn wollenn,
Um welchen Salzbrunnen ging die Schlacht? Das ist das Kernstück des Buches und der eigentliche Beweis, den Rhenanus führen soll. Tacitus berichtet von einem Krieg zwischen Chatten und Hermunduren um einen Grenzfluss mit Salzquellen. Die Gelehrten seiner Zeit denken an Halle an der Saale, manche an Frankenhausen. Rhenanus widerspricht — mit drei Argumenten, und alle drei sind bemerkenswert.
Erstens ein Plausibilitätsargument. Warum hätten die Chatten „unter höchster Gefahr“ durch Feindesland ziehen sollen, „wo sie doch innerhalb ihrer Grenzen selbst Salzbrunnen hatten, nämlich zu Sooden und Salzungen“? Dafür seien sie viel zu klug gewesen — Tacitus nenne sie ja cati, „kluge und umsichtige Leute“. Die Etymologie ist falsch, das Argument bleibt gut.
Zweitens ein Datierungsargument, und es ist historisch korrekt. Sooden habe schon zur Zeit Karls des Großen und des Bonifatius bestanden; Halle dagegen sei erst „zur Zeit der Ottonen, lange danach“ entstanden und „durch einen edlen Herrn von Hakeborn erbaut“ worden — deshalb heiße dort ein Brunnen und einer in Staßfurt Hakenborn, und das Geschlecht derer von Hakeborn sei „noch auf den heutigen Tag“ um Staßfurt vorhanden. Otto I. habe die Brunnen dem Stift Magdeburg geschenkt; Zeuge dafür sei Cyriacus Spangenberg in seiner Mansfeldischen Chronik.
Drittens: Frankenhausen sei erst unter Friedrich I. „aus den Sümpfen und Morasten mit großer Mühe“ erbaut worden — zuvor sei dort nichts als Morast gewesen, bis man „die Wipper auf Angeben eines Priesters durch einen langen Stollen“ herzuführte und die Pumpwerke errichtete.
Dann folgt der Teil, den nur ein Ortskundiger schreiben kann: Rhenanus geht die Landschaft um Sooden Himmelsrichtung für Himmelsrichtung ab und zeigt, dass man nicht herankam. Gegen Osten das Schloss Altenstein „in lauter hohen Klippen“ und eine starke Landwehr bis an den Hohen Hörgberg und die Goburg. Gegen Süden Goburg, Vesterburg, Fürstenstein und das „sehr uralten Schloss Bilstein“, darunter nur Felsen — einer davon heiße Dannsteig, weil er „beinahe für Menschen unbegehbar“ sei. Gegen Westen die verwüstete Westerburg auf einem promontorium gleich beim Salzwerk. Gegen Norden das Schloss Hanstein und Wege, „so eng und klippenreich“, dass der eine „die Söhle“ heiße, weil sich die Fuhrleute darin „besudeln und suhlen“, und der andere „die Hardt“, vom Harren; ebenso der Klebe, „vom Harren und Kleben, weil viele dort kleben bleiben“.
Nur eine Lücke findet er — und macht daraus seine Pointe: eine „Schliefe oder Schlucht, zur Wallis hinunter“, wo ein breiterer Wiesengrund liegt. Dort könnten sich die Hermunduren hereingeschlichen haben, und dort im Wallisfeld dürfte die Schlacht geschehen sein. Sein Beleg ist der Flurname und das, was die Leute erzählen: „Davon geht noch bis auf den heutigen Tag eine allgemeine Rede, und der Ort, an dem die Schlacht geschah, wird der Mordbach genannt.“
Redaktionelle AnmerkungS. 76–89
Hier liegt der Ursprung eines Lokalmythos. Die Zuordnung der tacitäischen „Salzschlacht“ zur Werra bei Sooden wird meist der hessischen Landesforschung des 20. Jahrhunderts zugeschrieben. Das greift zu kurz: Rhenanus argumentiert sie 1586 ausführlich aus, mit Quellenkritik und Geländebefund, und verwirft Halle und Frankenhausen ausdrücklich. Neu war ab 1938 nicht die These, sondern ihre wissenschaftliche Weihe. Wer die Salzbibel liest, findet die Herkunft einer Erzählung, die bis heute nachwirkt — hier, in diesem Kapitel.
Am Befund ändert das nichts: Tacitus, Annalen XIII,57 nennt für das Jahr 58 nach Christus weder den Fluss noch einen Ort. Die Stelle lässt sich auf mehrere Salzstellen beziehen; entscheidbar ist sie nicht, und archäologische Belege für antike Salzgewinnung fehlen hier. Rhenanus’ Argument, die Chatten hätten nicht in fremdes Gebiet ziehen müssen, ist plausibel, aber es ist ein Wahrscheinlichkeitsschluss — kein Beleg. Er sagt das selbst.
Bei den Ortsnamen hat er einmal recht und einmal unrecht. Sooden vom Sieden ist richtig und wird von der Namenforschung bestätigt. Allendorf aus Hallendorf ist dagegen ausgeschlossen — der Name geht auf „zu dem alten Dorfe“ zurück. Warum das so sicher ist und wie Rhenanus auf den Irrtum kam, steht auf der Seite Woher die Namen kommen.
Zur Einordnung der Tacitus-Stelle: Annalen XIII,57 berichtet für das Jahr 58 nach Christus von einem Streit zwischen Hermunduren und Chatten um einen Fluss, der Salz hervorbringt und religiöse Bedeutung hat (so Tacitus, hier nicht nach der Salzbibel zitiert); die Hermunduren siegten. Vorgeschlagen wurden dafür die thüringische und die fränkische Saale, die Werra und die Salzunger Quellen — und der Befund der Forschung lautet, dass kein Vorschlag ausreichend zum Bericht passt. Rhenanus’ Deutung auf Sooden ist damit nicht widerlegt, aber auch nicht belegbar; sie ist eine von mehreren.
Seine Datierungsargumente gegen Halle und Frankenhausen sind übrigens die stärkste Stelle des Buches, und sie halten im Kern stand: Halle wird erst unter den Ottonen greifbar, Frankenhausen ist eine hochmittelalterliche Anlage im ehemaligen Sumpfgebiet. Wer 1586 mit relativer Chronologie statt mit Namensähnlichkeit argumentiert, arbeitet methodisch sauber.
Die Befunde von 1490 und 1549 sind das Interessanteste an diesem Buch. Dass man beim Aufbrechen des Brunnens im Grund „Blöcke, Stubenwerk, Tücher und dergleichen“ fand, „wovon in keinen Büchern … irgendeine Nachricht vorhanden“ war, ist eine archäologische Beobachtung ohne Archäologie. 1550 wird dann eine unbekannte ältere Brunnenfassung von fünfzehn Schuh Weite gefunden, „von der kein Mensch gewusst hat“. Wer die Frühgeschichte des Salzwerks künftig untersuchen will, hat hier zwei datierte Fundmeldungen — und für die zweite sogar eine Maßangabe.
Zum Bonifatius-Bezug: Dass der Kirchturm auf ihn zurückgehe und dass er den Bauern den Zehnten für das Holzfahren erlassen habe, ist Ortsüberlieferung, kein Urkundenbefund. Belegbar ist etwas anderes und historisch Ergiebigeres: dass die Pfänner bis zur Reformation jährlich am Bonifatiustag zum Brunnen zogen. Diesen Brauch beschreibt Rhenanus im vierten Buch noch einmal — und dort auch, womit man ihn ersetzte.
Wiewohl die Newenn Historici vnnd Scribenten, gemeinlich schliessenn, vnnd wollenn, das die Brunnenn zu Hall in Sachssenn, die Brunnenn seyenn, darumb sich die Hermunduri vnnd Catti, darvonn Cornelius Tacitus sagtt, gezweyent vnnd geschlagen habenn,
auch etliche dieselbige Historiam, auff Franckennhausenn ziehenn wollenn, So kann Ich1 doch demselbigenn gantz vnnd gar nicht beyfallenn, vnnd das aus denenn vhrsachenn.
Denn erstlich sage mir doch einer, was doch den Cattis von nötenn gewesenn, sich ausser Irer grenntze, nach frembdenn Brunnenn vmbzuthun, vnnd durch Irer feinde Lannde, mit hochster Irer gefahr, auffsetzung Ihres wohl hergebrachtenn nahmens vnnd ehrenn, etliche meyl weges, mit gewapneter hanndt zuziehenn,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitezum Sodenn vnnd Saltzungenn |: welches beide zwey alte Saltzwercker3 sein :| gehapt, die seindt dessenn viel witziger gewesenn, wie sie denn deshalb Cornelius Tacitus, auch Catos, das ist prudentes vnnd fursichttig nennet.
Da doch das Saltzwerck zu Hall in Sachssenn, tempore Ottonum lannge hernach erndtstanndenn1, vnnd durch einenn Edlen Herrn vom Harkebrunnenn2, erbauet wordenn,
Das dem also sey, vnnd das Otto primus die Brunnenn zu Hall in Sachssenn, dem Stifft Magdeburgk donirt vnnd geschennckt, Welche in künftige zeitt erbauenn, vnnd in ein solchs herlichs wesenn, wie sie Jtzt seindt, bracht wordenn, bezeugenn die↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
erndtstanndenn — Wortbild unklar, wohl für 'erst entstanden'
Harkebrunnenn — Adelsname, gemeint wohl 'von Hakeborn'; Schreibung Harke-/Harckebrunnen nicht ganz sicher
Saltzwercker — Endung -er statt -e ungewöhnlich, Lesung aber so im Bild
Denn Je zuvor in der Jegent nichts anders, denn Sumpff vnd Morast gewesenn, bis solanng mann die Wipper durch einen lanngenn Stollenn, auff anngebenn eines Priesters, hinzu gefüret, vnnd die gewalttigenn Künste, zu auslösung1 beidt Sohlenn vnnd Wildenwassers, auffgerichttet,
Also erscheint das vnnser Saltzwerck Sodenn, ebenn das seye, darumb sich die Hermunduri, so der Zeit, wie auch noch nicht, kein eigene erbawete Saltzwercke gehapt, mit den Catten gezweyet, vnnd geschlagenn habenn,
denn der Zeit der ortt4, da Jtzt Hall in Sachssenn gelegenn, den Ceruetys2, vnnd nicht den Hermunduris, wie auch noch nicht, vntterworffenn gewesenn, Welche vielleicht↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
auslösung — Wortmitte schwer lesbar, Sinn: Herausheben von Sole und wildem Wasser
Ceruetys — Volksname, gemeint wohl die Cherusker (Ceruscis); Schreibung unsicher
[gestrichen: das] — gestrichenes Wort am Zeilenende nach 'denn der Zeit' nicht sicher lesbar
ortt — auch 'artt' lesbar, Sinn spricht für 'ortt'
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteWenn schonn Hall1, der zeitt in ehre gewesenn were, vielweniger den Hermunduris, dieselbige Brunnenn, als die Catten die Ihrenn, wurdenn gegönnet oder Ingeraumet habenn,
Gott der almechttige, hatt sonnderlich diesenn ort, für vielenn anndernn Saltzwerckenn Teutsches Lanndts, mitt sehr holzfruchtbarenn Bergenn, so Ierlich ein gar große Zahl holzes, dem Saltzwergk Suppeditiren,
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteGeknick, oder geneÿge1, Warttenn, Zugkbruckenn, vnnd dergleichenn furwehrenn, auffürenn, vnnd Inns werck sezenn lassenn, also das nicht wohl muglich, fur zeittenn (: da noch kein geschütz gewesenn, diesem ortt etwas abzubrechenn,
Inmittelst zwischenn Allenndorff vnnd Alttenstein, ist ein starck Lanndtwehr, welche durch die gehöltz vnnd felder allennthalb vor zeittenn durch gestrichen, mit der zeitt aber ann etlichenn enndtenn ein gerissenn wordenn,
vnnd ist dieses ortt, bis ann den Hohen Hörgbergk2, Racholdesbergk3, vnnd Goburgk4, also geschaffen, das mann alles was vonn den Tubantibus, Gambriuis5, vnnd Cattuarijs, herzu hatt wollenn, woll hatt hindertreibenn könnenn,
↪Fortsetzung von der vorigen Seitebreiter Wiesenn grundt ist, da möchtte wohl sein, das sich da herein, die Hermunduri herzu geschlüfften, vnnd daselb im Wallisfeldt1, die Schlacht möchtte geschehenn sein,
Vom Mittag her ist die vorgenanntte Goburgk, Vesterburgk2, Fürstennstein, mit dem sehr vhralttenn Schlos Beýlstein, vnnd vom Beýlstein hernieder nichts denn Felsenn, vnnd steinechtte, vnnwegsame Berge,
deren einer auch vmb des willenn, das er beý nahe menschvnngenngig, der dambsteigk3, vonn den Dannenn, die da vielleicht Irenn stanndt gehapt, benennet wordenn,
Dieser Heuser vnnd Berge gelegennheitt, seindt auch also anngelegt vnnd gebauenn, das nicht muglich, das vor zeittenn Jemanndts dem Saltzwercke, hatt könnenn schadenn thun,
↪Fortsetzung von der vorigen Seiteseindt doch vff beidenn seittenn der Werra, die Wege so ennge vnnd klipfficht, Nemblich im Klebe2, Rotennstein1, vnnd der Hardt, das auch die Wege dauonn die nahmenn bekommenn,
vnnd wie Jzt gehörtt, Klebe, vnnd Hardt, Das ist vom Harrenn vnnd Klebenn, genennet seindt wordenn, dieweil viele da klebenn bleibenn vnnd harrenn mustenn,
Nach Niedergang ist die verwustete Westerburgk, derenn in Historijs gedacht wirdet, lieget gleich beý dem Salzwercke Sodenn, auff einem Klipffenn, oder promontorio,
Also seindt auch vom Mitternacht hero, so große, hohe, vnnwegsame berge, Geholtz vnnd heckenn, Sonnderlich aber das Schlos Hannstein, das auch dannenn her, dem Salzwercke niemanndts leichtlich hatt↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Auff diese masse, hatt Gott der almechttige, aus sonnderlicher, Göttlicher fursichttigkeitt, mitt vielfeltigem gutem gehöltz, vnnd mit allerleý naturlichenn furwerenn,
Volgenndts auch die besitzer der anngrenntzendenn Heuser, Burge vnd Schlösser, vom adell vnnd andernn geschlechten, dieses Löblich, vhralt Salzwerck, vmbgebenn vnnd verwaret,
also das daher vermutlich, das ob wohl die Hermunduren, auff der Wallis2 herunder, sich zu den Cattenn getrungenn, vnnd mitt Ihnenn vmb das Salzwergk geschlagenn,
Die Zeugnisse am Ort. Zum Schluss seiner Beweisführung führt Rhenanus an, was man in Sooden noch sehen kann — und wird dabei zum Bauforscher.
Der Kirchturm: „das sehr altfränkische Gebäude“, so alt, dass die Witterung ihn nach Süden schon zerfressen habe; nach Westen und Norden aber stehe er „sehr fest aus lauter polierten Quadersteinen“, so gefügt, „dass man die Fugen kaum erkennen kann“. Erbaut habe ihn Bonifatius; das vordere Kirchenteil sei der Jungfrau geweiht gewesen, das hintere später, „als die Abgöttereien zunahmen“, dem heiligen Bonifatius.
Daran hängt der Brauch: Seit Bonifatius’ Zeiten seien die Pfänner mit Weib und Kindern jährlich am Bonifatiustag „mit allem Heiligtum, Kreuzen und Fahnen“ zum Salzbrunnen gezogen, hätten dort Messe lesen lassen und gemeinsam das Te Deum laudamus gesungen. Und man habe dafürgehalten, Bonifatius als Bischof zu Mainz habe den Bauern den Zehnten erlassen, „damit sie desto besser das Holzfahren zum Salzwerk besorgen könnten“ — eine Steuerbefreiung als Verkehrspolitik, in eine Heiligenlegende gekleidet.
Und dann das Bodenzeugnis, das er selbst erlebt hat. Als man 1490 und 1549 den Brunnen aufbrach, habe man „unter der Erde im Grund Blöcke, Stubenwerk, Tücher und dergleichen gefunden, wovon in keinen Büchern oder sonstigen anderen Aufzeichnungen irgendeine Nachricht vorhanden gewesen ist“. Ein Befund, den keine Quelle erklärt — und für Rhenanus der Beweis eines viel älteren Betriebs. Ein Jahr später, beim Bau von 1550, wird man genau so eine unbekannte ältere Fassung wiederfinden.
Die Ortsnamen gibt er sich rasch: Sooden komme vom Sieden, das „bedarf keines langen Nachdenkens“; und die Sooden habe es gegeben, ehe die Stadt gebaut wurde. Über Allendorf streitet er länger. Die Deutung „Alleindorf“, aus drei zusammengebauten Dörfern, verwirft er mit einem topographischen Argument: Rings um den Hain sei „nicht so viel ebener Boden vorhanden, dass vier oder fünf Hufen Landes davon abgemessen werden könnten“; gewohnt hätten dort allenfalls „arme Holzhauer und Kohlenmacher“, aus denen nie eine so ansehnliche Stadt hätte hervorgehen können. Er hält die Mauerreste für Reste heidnischer und später kirchlicher Wallfahrtsstätten — es lebten noch Leute, die sich an die Wallfahrten erinnerten. Sein Ergebnis: Hallendorf, vom Salz, „gleich wie Hall in Sachsen und Hall in Schwaben“.
Wer die ersten Pfänner waren, sagt er ebenfalls: „keine schlichten oder geringen Leute“, sondern die Herren der umliegenden Burgen — die von Boyneburg, Eschwege, Dörnberg, Bischoffshausen, die Diede, Netter, die von Hanstein, die Appen, Rulanden, Schwanflügel, Roden, Gautzler und Iringe, „sehr alte Geschlechter“, die das Salzwerk „vor Zeiten allein für sich innegehabt haben und es zum Teil noch haben“. Damit ist erklärt, warum die Pfännerschaft dem Landgrafen später so standhalten konnte.
Und dann der Satz, mit dem der Beweisteil endet und in dem der Beweis selbst zurückgenommen wird: „Dies sind nun also meine Mutmaßungen, Meinungen und Bedenken über den ersten Ursprung des Salzwerks Sooden.“ Was als Beweis angekündigt war, endet als Vermutung — und er sagt es selbst. Den Grund schiebt er nach: Aus „Fahrlässigkeit der Alten“ sei alles Weitere „in den Wind geschlagen und dem Vergessen anheimgestellt worden“. Genau dagegen ist das ganze Werk geschrieben.
Im Salzwercke Sodenn, findet mann auch altte annzeigungen, vnnd Monumenta, als das sehr altfrenckische2 Gebeu des Kirchturms, welcher auch also altt das ihnenn die lüfft1 naher mittagk zu, verzehret,
da doch sonnstenn nach Niedergang vnnd Mitternacht zu, der Thurn sehr fest, mit eyttelnn polirten Quadersteinenn, auffgefürt, vnnd dermaßenn zusammenn gefügt ist, das mann nicht wohl die fügenn erkennenn kann,
Daher denn alle Pfenner, mit weib vnnd kindernn, von den zeittenn Bonifacij ann, zu ewiger gedechtnus, Jerlich am S. Bonifacij tagk, auff dem Salzbrunnen,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
Unsichere Lesungen
lüfft — Lesung nicht ganz sicher; Sinn: die Witterung/Luft hat die Südseite des Turms verzehrt
altfrenckische — Worttrennung altfrenck=ische; Lesung 'altfränkisch' aus dem Kontext
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteProceß, mitt allem Heÿligthumb, Creutzern vnnd Fahnen, nach Bäbstischem1 brauch gehalttenn, Meß auf dem Brunnen lesenn lassenn, vnnd semptlich Te Deum laudamus gesungenn,
So wurdett auch dafur gehalten, das S. Bonifacius, als ein Bischoff zu Mentz, dem sonst alle Zehenden dieser art Lanndes vonn altters her gebürenn, den Zehendenn darumb den Baurenn nachgelassenn, vnnd freÿ geschenckt, damit sie desto besser, des holzfürenns zum Salzwerck, abwarttenn köntten,
vnder der erdenn in grundt Blöcher, Stobwerck, aitüchen2 vnnd dergleichenn befundenn, davonn in keinem Büchernn, oder sonst annderm gedechtnussenn einige nachrichttung, fürhandenn gewesenn,
Dem allem nach, vnnd insonderheitt, dieweil die Catten beÿ sich selbst, dis Salzwerck Je vnnd Allwegenn gehapt, vnnd demnach ihnenn vnvonnötenn gewesenn,↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
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Bäbstischem — Anfangsbuchstabe B/P nicht ganz sicher
bleib Ich beÿ dem Ptolomæo vnnd Shoppero1, vnnd las das Salzwerck Soden, das Salzwerck bleibenn, darumb sich die Catten, mit den Hermunduris gezweÿet habenn,
Woher aber das Salzwerck, den nahmenn Sodenn bekommenn, darff nicht vielets nachdennckenns, denn der nahme gibts ann sich selbst, das es vom Siedenn, Sodenn genennet wordenn,
vnnd sich die besitzer vnnd Innhaber des Salzwercks, in der nehe herumb vf den Schlössernn vnnd Burgenn, damit sie ihr Salzwerck beschutzenn möchttenn, gehalttenn habenn,
So erscheinet auch, das die alttenn erstenn Pfenner, nicht schlechte noch geringe leute gewesenn, die auch die nahe gelegene grentze, Inn ihrem gewaltt, vnnd besitze gehapt,
welche alle sehr altte geschlechtter sein, vnnd sehr reiche leute gewesenn, das Salzwergk allein für sich, vor Zeittenn Inngehapt, vnnd zum theil noch habenn,
Wanndt5 aber, wenn vnnd wie die Stadt gebauenn, ich noch nichts bestenndiges vernehmenn könnenn, So will Ich nurt dismahls darvonn sagenn, Woher sie denn nahmenn Allenndorff bekommenn,
vnnd die Stadt so in der erst noch ein dorff, als vonn dreÿenn zusammenn gebauet, Alleindorff solle genennet wordenn sein, stimpts doch aus volgendem vhrsachenn, gar nicht vberein,
Denn ob schonn sein köntte, das etwa leute zum Haÿn gewonet, So könnens6 doch kein, oder doch in der warheit arme dorffer gewesenn sein, denn Je vmb vnd vmb↩Läuft auf der nächsten Seite weiter
↪Fortsetzung von der vorigen SeiteSteinklipffenn, vnnd alzusammen nicht soviel ebens Bodenns beÿhanndenn, das vier oder fünff hufe Lanndes, darab gemessenn werdenn könttenn,
Vnnd werdenn in der warheit, dannen her so reiche vnnd gewalttige Leut, kaumpt enntstehenn könnenn, die eine solche annsehenntliche Stadt, wie Allenndorff ist, hettenn annfangen vnnd erbauen könnenn,
Demnach denn Ichs gennzlich darfür haltte, das ann den örttenn, da noch die stehennde Maurschettel2 gesehen werdenn, vorzeiten, erstlich heidtnische, Volgentts papistische Wallennfarttenn, Wie denn solchs in Lucis breüchlich, gewesenn seÿenn,
Vnnd das darbenebenn, etwa die Æditui vnnd Götzennwartter, gewohnet, vnnd Ihrenn vnnderhaltt vonn den wenigenn annliegenden ackernn gehapt mügenn habenn,
Es seindt1 noch leut beÿ lebenn, die gut wissenns tragenn, das mann Jerlich dahin vnder dem Pabstumb, mitt allem Heilthumb, Creuz vnnd fahnenn gewallet,
Darumb las Ich diese thörecht vngegrundte meinung fahrenn, vnnd will mit dem M. Petro Nigidio seligen, der aus Allenndorff burttig, vnnd zu Marpurgk ein Professor gewesenn, vnnd dem Schoppero2 bleiben,
Vnnd soll mich hier nicht Irrenn noch hindernn, das zu dieser Zeitt das H. nicht hinzu gesezt wurdet, Dieweils für kurzenn Jarenn, beÿ vnnsernn furfahren breüchlich, das H. aussenn zulassenn,
Der almechttige Gott wolle hinfüro, dis herlich, löblich Salzwerck Soden, sampt der Stadt Allendorff, vnder dem Schuz vnnd schirm, seiner milttenn güete vnd barmherzigkeitt, noch lannge Zeitt, erhalttenn vnd bewahrenn,
Unsichere Lesungen
Es seindt — stark verschnörkelte Initiale; auch 'Als seindt' lesbar
Schoppero — derselbe Autor wie auf Blatt 40v; Identifikation unsicher
Rhenanus widerlegt seine eigene Überschrift. Angekündigt war ein Beweis „mit stichhaltigen Argumenten aus wahren Geschichtsquellen“. Was hier steht, ist das Gegenteil: „Dies sind nun also meine Mutmaßungen, Meinungen und Bedenken.“ Er weiß, dass er nicht bewiesen hat, was er beweisen wollte — und schreibt es hin. Das ist die intellektuell ehrlichste Stelle des ganzen Werks und der Grund, warum man ihn trotz der falschen Ergebnisse ernst nehmen kann.
vnnd dieweil daraus erscheinet, das es ein sehr altt Salzwerck seÿe, vnnd die angrenzenden vom Adell vnnd Geschlechtter, dasselbige Je vnnd alwegenn besessenn, vnnd eingehapt,
Ob sie denn schon nicht Eltere Priuilegia, denn die volgendenn habenn, So erscheinet doch, aus den Priuilegijs, das es auch ehe, zuuor die priuilegia erlanngtt wordenn, ein Salzwergk gewesenn seÿe,
Die ältesten Urkunden, 1300 bis 1383. Ab hier wechselt das Buch die Form vollständig. Rhenanus hört auf zu argumentieren und schreibt Urkunden ab, durchnummeriert, im Wortlaut.
Die erste ist zugleich die wichtigste, und sie beschreibt in fünf Zeilen die Grundordnung der nächsten zweihundert Jahre. Landgraf Heinrich, seine Gemahlin Mechthild und Sohn Johann bekennen 1300, sie hätten „mehr Pfannen zum Soden auf das Salzwerk gesetzt haben“ wollen, seien davon aber „in Übereinkunft mit den Gebauern von Soden“ abgekommen — gegen Zahlung: jährlich fünfundzwanzig Übene Salz, zu liefern vierzehn Tage vor Johannis, nach Kassel, auf eigene Kosten und unter landgräflichem Geleit. Gegeben am Walpurgistag 1300.
Man muss diesen Text neben den Streit von 1538 legen. Was Landgraf Philipp zweihundertdreißig Jahre später erzwingt, hat sein Vorfahr sich abkaufen lassen. Und der Kaufpreis läuft weiter: Die „zwei Pfannen Salz alter Pflicht“, die in allen späteren Verträgen auftauchen, sind der Rest dieser Abmachung.
Weil alles daran hängt, wird die Urkunde von 1300 in den folgenden Nummern immer wieder wörtlich eingerückt und bestätigt — von Adelheid, der Witwe Landgraf Johanns und Tochter Herzog Albrechts von Braunschweig (1311), von Landgraf Otto und Adelheid, von Otto allein. Die Wiederholung ist keine Schreiberfaulheit, sondern Rechtstechnik: Jede Bestätigung trägt den Originaltext in sich.
Die Urkunde von 1322 enthält den bemerkenswertesten Satz des ganzen Buches. Landgraf Heinrich verfügt, „dass die Pfannen zu Sooden ewig so bleiben sollen, wie wir sie jetzt vorgefunden haben, in der Länge, in der Weite und auch in der Höhe der Borde“ — und zwar „nach demselben Maß, das wir öffentlich sichtbar in die Wände der Gotteshäuser des Heiligen Kreuzes und Sankt Nikolaus in unserer Stadt Allendorf haben einzeichnen lassen“. Das Sollmaß der Salzpfanne wird als Strichmarke in zwei Kirchenwände geritzt. Wer sich streitet, geht hin und misst nach. Beigezogen waren Heinrich von Eisenach als Ritter, der Amtmann Berthold Eselkopf, Walter von Hundelshausen und Otto von Neter.
Dieselbe Urkunde bestätigt den Kern des Ganzen: die Gebauerschaft. Niemand darf an den Pfannen sieden oder sie besitzen, „es sei denn, er sei an dem Salzwerk erbberechtigt und habe Gebauerschaft zu Sooden“. Und die Pfänner dürfen ihre Verwaltung selbst „einsetzen, absetzen und bestellen“.
Dann treten fremde Herren auf, und das ist ein Zeichen für die Lage der Stadt an der Grenze: Friedrich, Balthasar und Wilhelm, Landgrafen in Thüringen und Markgrafen zu Meißen, sichern den Allendorfern nach geleisteter Erbhuldigung zu, sie bei allem Recht zu lassen, falls Stadt und Salzwerk je an sie fielen. Und Urkunde 7 stammt von Herzog Otto von Braunschweig. Wer an einer Landesgrenze Salz siedet, lässt sich von allen Nachbarn bestätigen.
Redaktionelle AnmerkungS. 91–144
Dieser Teil ist als Quelle unbestritten wertvoll. Die abgeschriebenen Privilegien sind teils nur hier überliefert und reichen von der Bergordnung Landgraf Heinrichs I. (1300) bis 1488. Für die Rechtsgeschichte der Pfännerschaft — und für die Frage, was „Gebauerschaft“ eigentlich bedeutete — ist das die dichteste Sammlung, die es gibt.
Eine Einschränkung, die man kennen sollte: Rhenanus schreibt die Urkunden nicht buchstabengetreu ab, sondern gleicht die Schreibung seiner Zeit an. Der Ortsname erscheint in seinen Abschriften durchgehend als Allenndorff — obwohl dieselben Urkunden in der kritischen Edition Aldendorph (1295), Aldendorf (1332) und Aldindorf an der Werre (1488) lauten. Er hatte den Gegenbeweis zu seiner eigenen Namensherleitung in der Hand und hat ihn beim Abschreiben wegmodernisiert.
Ein Punkt, den Rhenanus nicht ausspricht, den man aber sehen sollte: Seine älteste Urkunde ist von 1300. Für alles, was er davor behauptet — Tacitus, Bonifatius, Karl der Große —, gibt es kein Schriftstück, nur Landschaft, Bauwerke und Namen. Er sagt selbst, aus „Fahrlässigkeit der Alten“ sei alles Weitere „dem Vergessen anheimgestellt worden“. Die Salzbibel ist die Antwort auf diese Lücke: Was ihm fehlte, soll seinen Nachkommen nicht fehlen.
Die Urkunde von 1322 verdient eigene Aufmerksamkeit. Dass das Sollmaß der Salzpfanne in die Wände zweier Kirchen geritzt wurde, ist ein Eichnormal im öffentlichen Raum — dieselbe Idee wie die Elle am Rathaus oder das Brotgewicht am Kirchenportal. Ob sich in der Allendorfer Heilig-Kreuz-Kirche oder in St. Nikolaus davon noch Spuren finden lassen, wäre eine lohnende Frage vor Ort.
Zur Zählung der Siedehäuser, die leicht verwirrt: Die Pfänner hatten 42 und durften 1538 ein 43. bauen; die Bestätigung Landgraf Wilhelms fixiert diese 43 „zu ewigen Zeiten“. Daneben setzte Landgraf Philipp seine eigenen — im vierten Buch ist von „den 43 Bothen, die unserem gnädigen Fürsten und Herrn gehören“ die Rede. Am Ende standen also zwei Salzwerke von je dreiundvierzig Siedehäusern nebeneinander an einem Brunnen. Das ist der ganze Konflikt in einer Zahl.
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