Sondershausen: ein Abend bei Hofe. Die erste Station ist der Hof der Grafen von Schwarzburg, und Rhenanus beschreibt sie wie ein Reisender, nicht wie ein Spion: Man fordert ihn zu Tisch, die Räte lassen sich „sehr freundlich und mit gutem Scherz“ mit ihm ein, und aus dem Essen wird ein zweistündiges Fachgespräch über die Geschichte der Salzwerke.
Was er dabei erfährt, klingt vertraut: Über die älteste Entstehung von Frankenhausen finde man „in keinem Archiv etwas“, obwohl es offenkundig sehr alt sein müsse. Als Ersatzbeweise werden angeführt eine Schenkung aus der Zeit Kaiser Heinrichs IV., ein Vertrag von 1312 zwischen den Landgrafen von Thüringen und den Grafen zu Schwarzburg — „das sei aber nicht eingehalten worden“ — und, als ältestes Denkmal, das Stadtsiegel: Man habe „wohl vor fünfhundert Jahren“ damit gesiegelt, und darin „ein Salzknecht — den sie einen Nappenknecht nennen — steht, der zwei Eimer mit Sole trägt“. Genau so hatte Rhenanus im ersten Buch für Sooden argumentiert, als die Urkunden fehlten: mit Bauwerken, Namen und Bildern.
Einer der Räte hat außerdem Salins in der Freigrafschaft gesehen, „wovon sich der König von Spanien einen Grafen zu nennen pflegt“, und beschreibt es so eindrücklich, dass Rhenanus es mitschreibt: Der Salzbrunnen liege in einem gewaltigen runden Gewölbe, „unter dem sich wohl das ganze Schloss Sondershausen verbergen könnte“; man steige ringsherum hinab, „auf Treppen, die so angelegt sind, wie vorzeiten die Amphitheater gewesen sind“. Unten seien Sole und wildes Wasser „jede Ader für sich“ so kunstvoll gefasst, dass man sehen könne, wie sie in ihre Deicheln fließen. Ein Reisebericht aus zweiter Hand, sauber als solcher gekennzeichnet.
Unterwegs nach Frankenhausen. Am nächsten Morgen fährt der Schwarzburger Baumeister Bernt Pfeifer mit ihm, und auf dem Wagen wird weiter gefachsimpelt — über Salzwerke, Bergwerke und Bausachen, besonders über Auleben und Meister Hans Wetzel. Rhenanus notiert das Stimmungsbild wie ein Referenzcheck: „Ich habe aber nichts anderes gespürt, als dass er und jedermann Meister Hans noch wohlgesinnt sind.“
Am Kloster Göllingen hält er fest, was er sieht, auch wenn es nichts mit Salz zu tun hat: Aus dem Schilf ihrer Teiche lösten die Grafen jährlich „über siebenhundert Gulden“, und fünf Wagengespanne führen ständig gekauftes Säulenholz zu Markte. Wer für einen Landesherrn reist, schaut sich auch fremde Einnahmequellen an.
Dann der Stollen, durch den die Wipper geleitet wird, um die Künste zu treiben: „von einem Mundloch zum anderen 120 Ruten lang und am höchsten Ort 24 Ellen tief“, der Berg „lauter Lehm“, der Bau „sehr unförmlich“ und mit Lichtschächten, die oben offen liegen — weshalb „in unbeständiger Winterzeit … leicht großer Schaden entstehen“ könne. Und tatsächlich: Unlängst sei ein Schacht „vom Schnee verschüttet“ worden, „und man den ganzen Winter hat stillhalten müssen“. Rhenanus sammelt nicht nur Lösungen, sondern auch Fehler.
Die Messung. Kaum sind die Beglaubigungsschreiben übergeben, geht es an die Arbeit: „Sogleich habe ich einem meiner Diener das Probiergerät zustellen, die Sole holen und nach dem Essen proben lassen“ — mit dem Ergebnis 102 Lot Gewicht der rohen Sole und 16 Lot an gereinigtem Salz. Und weil zufällig auch Sole aus Auleben zur Hand ist, probt er die gleich mit: „nicht mehr als zwei Lot anderthalb Quentchen“ — „wie ich es auch schon früher befunden hatte“. Zwei Solen, dasselbe Gerät, derselbe Tag, ein bestätigter Vorbefund. So entsteht eine Vergleichsreihe.
Die Anlage. Erst danach lässt er sich zum Brunnen führen — und beschreibt ihn mit einer Genauigkeit, aus der man ihn nachbauen könnte. Der Brunnen komme „aus weißem Gipsgrund, wie auch der zu Sooden“; er sei in einem hölzernen Schacht von 25 Ellen gefasst, „das Holz ist noch sehr frisch, wiewohl mir niemand Bescheid geben konnte, wie lange dieser Bau gestanden hat“. Die Sole steige fünf Ellen, und bei Stillstand wachse das Aufsteigen.
Das wilde Wasser ist ringsum in einem eigenen Stollen abgeleitet, „und der Damm zwischen dem wilden Wasser und dem Brunnen ist zwanzig Ellen dick“ — es steht fünf Ellen höher als die Sole. Drei Wildwasserschächte, dazu eine vierte, eigens vorgehaltene Baukunst, „die wird gebraucht, wenn man baut und wenn sonst das wilde Wasser zu stark ist“.
Und dann die Maschinen, in Zahlen: An der Wasserkunst ist „das Wasserrad 27 Schuh hoch und das Kunstrad 20 Schuh; es hat 216 Kämme, das Vorgelege oder der Drilling 24 bis 25“; die Schläuche hängen an der Kette, „stets ein Schlauch vom anderen 3½ Schuh entfernt“. An der Solekunst ist das Wasserrad 36 Schuh hoch, das Kammrad zehn Ellen, ebenfalls 216 Kämme, und „es laufen 36 Schläuche an der Kette“. Die Sole wird zweistufig gehoben — erst aus dem Schacht, dann aus einem Kumpf noch einmal ebenso hoch. Das ist dieselbe Bauweise, die Christoph Homberg in Sooden mit Menschenkraft ausführte.
Wie reich die Quelle ist, misst Rhenanus nicht an Worten, sondern am Querschnitt: Die Sole füllt das Gerinne „ständig 3 Zoll in der Höhe und 6 in der Breite“.
Die entscheidende Frage. Auf dem Brunnen fragt er, was ihn seit Jahren beschäftigt: ob die Sole zu der einen Zeit besser sei als zur anderen. Und die Antwort der beiden dortigen Salzgrafen ist das genaue Gegenteil dessen, was Homberg für Sooden gefunden hatte: Bei nasser Witterung, „wenn es im Winter viel Schnee und Regen gebe“, könnten sie „gar nicht sieden…, sondern stillhalten“ müssen, bis ihre alte gewöhnliche Probe wieder anschlage. Zwei Salzwerke, zwei entgegengesetzte Befunde — und Rhenanus schreibt beide auf, ohne sie einzuebnen.
Wie diese „alte[n] gewöhnliche[n] Probe“ aussieht, erfährt er gleich danach, und es ist der aufschlussreichste Moment der ganzen Reise: Man prüfe, ob „die Sole ein frisches Ei wieder tragen und emporheben könne“. Auf die Frage, ob sie sonst eine Probe kennten, antworten sie: nein — sie hätten „nie von einem Probieren der Sole gehört“, obwohl sie „alte, betagte Männer“ seien, bis „die neuen Künstler ins Land gekommen“ seien, die man damals verachtet habe und die jetzt in Artern und Sulza säßen.
Damit ist die Konstellation der ganzen Reise beschrieben: Ein Mann mit einer Waage im Gepäck reist durch eine Welt, die ihr Salz nach Augenmaß beurteilt.
Er nimmt trotzdem alles mit, was es zu lernen gibt: dass es in Frankenhausen 117 Kothen gebe, „oder Sollen, wie sie es nennen“; dass täglich 944 Stücke gesotten werden dürfen, jedes „6 unserer geeichten Metzen“; dass der Zöllner das Sieden erst erlaubt, „bis genügend Kaufleute und Fuhrleute vorhanden sind, die das Salz wegführen“ — eine Produktionssteuerung nach Absatz. Dazu die Löhne der Arbeiter, die Jahressumme von 21.394 Gulden 6 Groschen und die eine Kothe, die den Grafen frei gegeben wird.
Auleben. Dort trifft er einen alten Bekannten: Meister Hans Wetzel, den Zimmermann, der zwanzig Jahre zuvor den Sooder Brunnen neu gefasst hatte und jetzt dort Baumeister ist. Rhenanus legt ihm einen Katalog von Fragestücken vor — was der Bau kosten werde, mit welchem Verfahren er das wilde Wasser abführen wolle, wie viel Salz er aus einer Pfanne zu gewinnen getraue. Wetzels Antworten sind vorsichtig: Auf die Kostenfrage könne er nicht antworten; auf die Ausbeute: „vier Scheffel Nordhäuser Maß“. Und Rhenanus notiert die Grundregel, die er überall bestätigt findet: „dass vor allen Dingen dahin mit Fleiß zu trachten wäre, dass das wilde Wasser eine gute Weite von der Salzquelle abgeschroten würde“.