Zum Inhalt
salzbibel.deForschungsprojekt
Darstellung
Darstellung
Schriftgröße
Zeilenabstand
Farben
Kontrast
Bewegung
Schriftart

Alle Einstellungen mit Erläuterung

Salzbibel

Die Salzbibel

Das Werk als Zeitleiste: Wortlaut, Übersetzung, Zusammenfassung und Anmerkungen — frei kombinierbar

Das Werk der Reihe nach

Die Salzbibel in der Reihenfolge der Handschrift, Seite für Seite: Wortlaut, Übersetzung, Zusammenfassungen und redaktionelle Anmerkungen. Jede Ansicht und jeder der dreizehn Abschnitte lässt sich an- und abschalten; weitere Filter grenzen auf Seiten mit Abbildungen, Tabellen, Randvermerken oder unsicheren Lesungen, auf einen Band, einen Seitenbereich oder ein Suchwort ein. Der Zustand steht in der Adresszeile.

Wortlaut und Übersetzung werden unverändert ausgegeben; Ziffern im Wortlaut verweisen auf unsichere Lesungen am Fuß der Seite. Den Gesamtbestand durchsucht die Suche, die Gliederung erklärt Aufbau des Werks.

Ansicht
Abschnitt
Weitere Filter
Nur mit
Band
Eingrenzen
zurücksetzen

22 von 2.240 Einträgen

zurücksetzen

V · 5. Buch · Band 2

Der Brunnenbau

Das fünfte Buch · 456 Seiten · Aufbau des Werks

ZusammenfassungS. 5–48

Das technisch wichtigste Buch — und dasjenige, in dem die Salzbibel am dichtesten an den Tag der Arbeit herankommt. Es handelt vom Salzbrunnen selbst: von den beiden großen Bauarbeiten, mit denen er im Abstand von sechzig Jahren gerettet wurde.

Am Anfang steht ein Vertrag. Landgraf Wilhelm IV. bestätigt am 3. Mai 1586 in Kassel die Verpachtung des Salzwerks — auf Latein und im Amtsdeutsch der Zeit heißt das Location. Wörtlich eingerückt steht darin die ältere Verpachtung Landgraf Philipps vom 23. Dezember 1540, die 1554 um dreißig Jahre verlängert wurde und Ende 1585 ablief.

Wer die Urkunde neben das dritte Buch legt, sieht ein Räderwerk, das ein halbes Jahrhundert lang lief: dieselben Kündigungsfristen, derselbe Zins je Siedehaus, dieselbe Risikoverteilung. Wenn das Salzwerk verbrennt oder verdirbt, wenn der Salzborn versiegt, sollen die Pfänner so lange keinen Zins zahlen, bis er wieder trägt. Auch die Grenze steht wieder da: Bei Feuerschäden gilt die Wiederaufbaupflicht „doch nicht mehr als zehn“ Siedehäuser.

Neu sind die Sorgen von 1586, und sie sagen viel über den Zustand des Werks. Es ist die Rede davon, dass Mangel „zu befürchten sei“ — und ausdrücklich davon, dass es „mit dem Steinkohlenbergwerk am Meißner die Bewandtnis habe, dass darauf nicht …“ zu bauen sei. Die Braunkohle, die Rhenanus zwanzig Jahre zuvor eingeführt hatte, ist inzwischen selbst ein Risikofaktor. Der alte Pachtzins bleibt gleichwohl bestehen.

Es folgen die langen Listen der Bürgen, und sie sind fast dieselben wie 1540: Statthalter Eckbrecht von der Malsburg, Erbmarschall Georg Riedesel zu Eisenbach, dazu der Landvogt an der Werra, Werner von Wallenstein, Hermann von Hundelshausen, Ludwig von Baumbach — und die Städte beider Fürstentümer: Kassel, Eschwege, Homberg, Grebenstein und die anderen im Niederfürstentum, Marburg, Gießen, Grünberg, Alsfeld, Nidda, Treysa, Rauschenberg, Biedenkopf, Wetter im Oberfürstentum.

Und wieder gilt das Einlager mit allem, was dazugehört: Wer gemahnt wird, muss einreiten und bleiben; stirbt ein Bürge, ist Ersatz zu stellen; verkauft der Wirt die Pferde, sind binnen acht Tagen gleichwertige nachzuschaffen. Eine ganze Landschaft haftet für einen Brunnen — zum zweiten Mal, und im selben Wortlaut.

Redaktionelle AnmerkungS. 5–48

„Lokation“ heißt Pacht, nicht Kauf. Der Landesherr blieb Eigentümer des Salzwerks; die Pfänner waren Pächter auf Zeit. Wer heute liest, die Pfänner hätten die Saline „besessen“, liest zu großzügig: Sie besaßen Pfannenteile — ein vererbliches, teilbares und verkäufliches Recht auf Siedezeit — und pachteten den Brunnen dazu. Die Rechtsfigur dahinter erklären die Anmerkungen zum dritten Buch.

Diese Urkunde ist zugleich das jüngste Schriftstück des ganzen Werkes. Rhenanus starb am 29. April 1589, keine drei Jahre nach dem Ausstellungsdatum. Dass ausgerechnet das Buch über das älteste Bauwerk mit dem neuesten Dokument beginnt, sagt etwas über die Entstehung: Die Salzbibel war 1585 nicht „fertig“ — sie wurde fortgeschrieben, bis ihr Verfasser starb.

Der Satz über das Steinkohlenbergwerk am Meißner ist bemerkenswert, weil er in einer Staatsurkunde steht. Zwanzig Jahre nach der Umstellung auf Braunkohle räumt die hessische Verwaltung selbst ein, dass auf diese Feuerung nicht zu bauen sei. Das ist kein Urteil über Rhenanus’ Entscheidung — der Holzmangel war real und die Umstellung unumkehrbar —, sondern der Befund, dass eine Abhängigkeit durch eine andere ersetzt worden war: kleine Lagerstätten, ein Transportweg über den Meißner, wetterabhängige Zufuhr.

Warum ganze Städte bürgen. Kassel, Eschwege, Marburg, Gießen, Alsfeld und die übrigen stehen nicht aus Höflichkeit in der Urkunde. Landstände hafteten mit, wenn der Landesherr einen Vertrag von dieser Größe schloss — und umgekehrt bedeutete ihre Mithaftung ein Mitspracherecht. Eine Verpachtung des Salzwerks war deshalb kein Verwaltungsakt, sondern ein landespolitischer Vorgang.

ZusammenfassungS. 49–102

Der Bau von 1489 — und der Mann, der ihn aufschrieb. Aufgezeichnet hat ihn Conradus Geyseler, „unwürdiger Priester, Vikar des Aller-Apostel-Altars in der Heilig-Kreuz-Kirche zu Allendorf, Sohn eines armen Bürgers ebendort“ — einer der acht Baumeister, die die Pfännerschaft aus ihrer Mitte wählte. Er schreibt keinen Bericht, sondern eine Denkschrift für die Nachwelt, in zweiundzwanzig Kapiteln, mit einem eigenen Inhaltsverzeichnis und Tagesdaten nach Heiligenfesten.

Seine Begründung ist der Satz, aus dem hundert Jahre später die ganze Salzbibel hervorgeht. Man solle den Bau aufschreiben, damit die nachkommenden Pfänner, „falls es nach vielen Jahren abermals nötig sein wird“, aus dem „schriftlichen Muster und der Form des geschehenen … Baues eine gründliche, sichere Anweisung“ hätten. Denn es seien „viele schädliche und unnütze Kosten und Arbeiten entstanden, weil der Grund des Salzbrunnens mit seinem Werk den Pfännern unbekannt und unverzeichnet war — was künftig zu vermeiden ist“. Nicht Frömmigkeit treibt ihn, sondern die Erfahrung, dass fehlende Dokumentation Geld kostet.

Dazu die Bitte, die jeder Fachautor kennt: Wer etwas Gutes darin finde, solle Gott danken; was unnütz oder schlecht gesetzt sei, möge er „meiner Unzulänglichkeit, Grobheit und Unerfahrenheit zurechnen … tadeln und verbessern“ — „da ich mich allezeit denjenigen unterwerfe, die mehr und es besser wissen“.

Die Lage. An Lichtmess 1489 schickten die Salzgrafen nach Meister Curt Mardtorff, auf Empfehlung des Junkers Hans von Dörnberg, Hofmeister zu Marburg. Das Gewölbe über dem Brunnen stand unter Wasser; man kam nicht heran. Ein Vorgänger, ein Bürger namens Schwellenberg aus Witzenhausen, hatte es mit „ein[em] Rad mit vielen Eimern“ versucht — vergeblich, „es war ganz umsonst geschehen“. 1480 hatte man sogar polnische Wanderarbeiter angeworben, „die zu derselben Zeit im Lande arbeiteten“, um den Sohlgraben zu räumen.

Mardtorff grub einen Graben zur Werra, um den Fluss zum Ausspülen zu nutzen — und scheiterte, weil das Wasser von unten entgegenstand. Also, schreibt Geyseler, dachte der Meister darüber nach, „wie er mit Kunst (Technik) nachhelfen könnte, wo die Natur es nicht leiden oder ertragen wollte“: Er baute ein Schaufelrad in den Graben, das die Werra antrieb, und daran ein vierkantiges Hebewerk, „desgleichen nie zuvor gesehen oder gehört worden ist“. Das Rad lief Tag und Nacht und legte das Gewölbe trocken.

Die Technik. Was folgt, ist eine der genauesten Baubeschreibungen des deutschen Spätmittelalters. Eine Eimerkette mit erst sieben, dann vierzehn ledergedichteten Schöpfeimern, jeder mit Windfang und Überlaufloch, damit er sich nicht zu voll saugte. Eine eigens gebaute Schneidemühle, ebenfalls von der Werra getrieben, die die Bohlen für die Verschalung schnitt. Große Kästen aus Dielen, in denen die Sole gefasst wurde, damit während des Baus weiter gesotten werden konnte. Zwölf Reifen um das neue Fass, die Schwellen ins Achteck gelegt, das Gedämme „anderthalb Mann hoch“ und tief in den Grund gerammt.

Es geht sogar bis in die Fehlersuche: Das viereckige Stad vor dem Gewölbe fasste zu viel Wasser, das Rad kam nicht nach — also nagelte der Meister innen Leisten und Bretter ein, bis das Becken an den Ecken um eine halbe Elle enger war, und bohrte Löcher ins Rad, „damit die Last nicht zu schwer würde“. Ein Modell dieses Rades hat Heinrich Lower angefertigt, „zum Gedächtnis“, und man findet es — wie schon die alte Holzvereinbarung — am Brückentor. Die Stadt bewahrte ihre technische Überlieferung an einem Tor.

Und dann eine naturkundliche Abhandlung. Mitten im Baubericht hält Geyseler inne und fragt, woher die Sole kommt. Der Grund des Brunnens sei harter Fels, Kies und Kieselstein, ohne Schlamm; es gebe kein Loch, aus dem die Ader entspringe, „sondern die Sole dringt durch den harten Kiesel heraus gleich wie Wasser durch ein Sieb“. Sie quelle nicht auf wie ein Quellbrunnen, sondern steige „der Luft entgegen … nach ihrer Kraft“.

Daraus zieht er zwei Schlüsse. Der erste ist eine Betriebsregel von bleibender Gültigkeit: „So gut, wie der Grund von Natur aus Salzwasser trägt und gibt, so gut ist auch die Sole, und man kann die Sole über ihre Natur hinaus nicht besser machen; aber man kann wohl dem wilden Wasser … wehren, damit die Sole in ihrer Natur nicht geschwächt und gemindert wird.“ Alles, was in den folgenden hundert Jahren am Brunnen gebaut wird, folgt genau diesem Satz.

Der zweite Schluss ist eine Widerlegung — und dafür führt er einen Versuch an, den er von Seefahrern kennt. Käme die Sole aus dem Meer, müsste sie sich durch Stein und Erdreich drängen, „und solche Durchdringung macht Salzwasser süß“. Zum Beweis: Wenn Schiffsleute kein Süßwasser haben, „dann werfen sie eine leere, zugespundete Tonne, an einer Leine an das Schiff gebunden, in die gesalzene See“; das Nasse dringe hinein, „und so entsteht durch das Durchdringen in der Tonne süßes Wasser“. Vermöge ein Fassdaube das schon, „um wie viel mehr geschähe das“ über ganze Gebirge hinweg. Ein Priester in Allendorf argumentiert 1489 mit einer beobachteten Entsalzung durch eine Membran.

Die Ehrlichkeit am Schluss. Das Bemerkenswerteste an dieser Denkschrift ist, dass sie ihr eigenes Ergebnis anzweifelt. Nachdem alles abgebrochen und der Brunnen leergeschöpft war, „fand man nirgends einen Ausfluss oder Ausbruch der Sole“. Die Ader in der Abzucht, die man für das Leck gehalten hatte, erwies sich als „ein besonderes Gequell … und niemals aus dem Brunnen gekommen ist“ — geprüft, indem man beide Solen verglich, „an Güte, Geschmack und Substanz ohne allen Unterschied“.

Die wirkliche Ursache war eine andere: Das Gewölbe war „mit Steinen meisterlich zugedeckt“, sodass die Süßwasserquellen keinen Abfluss hatten und sich zum tiefer liegenden Brunnen zogen. Der Beweis dafür ist eine Beobachtung, die man heute eine Korrelation nennen würde: Immer wenn das Gewölbe nicht abfließt, „wird man sichtlich gewahr, dass die Sole im Brunnen höher steigt“ — und solange das Rad lief, war sie so gut, dass die Sieder „viele Werke gesotten hatten, ohne jeden Zusatz, mit purer roter Sole“ — so die Übersetzung; gemeint ist wohl roher Sole.

Also schreibt Geyseler den Satz auf, den man von einem Bauleiter selten liest: Hätten die Pfänner das vorher gewusst, „so wäre ihnen am Born und seinen Werken kein Bau zu tun nötig gewesen, sondern allein am Umgang und an der Anzucht“. Und dann, trocken: „So sind die Pfänner durch Schaden und durch Bauen klug geworden.“

Sein nützlicher Rat an die Nachkommen ist entsprechend nüchtern: Findet man Quellen im Umgang, „soll darüber niemand erschrocken sein“ — sie gehören nicht zum Brunnen. Und: „Man braucht sich auch nicht allzeit an die Klage der Sieder zu kehren, ob ihnen die Sole nicht behagt. Denn sie jammert der Schaden der Pfänner nicht — das merke, wer da will.“ Tatsächlich ergab die Nachfrage bei „etliche[n] glaubwürdige[n] Sieder[n]“, dass „die Sole nicht geringer sei“; sie verbrannten mehr Holz, weil sie größere Werke sotten, „wollten sie ihre Ladeleute bei sich behalten“.

Das Menschliche. Am Laurentiustag richteten die Baumeister „gegen Abend eine Kollation aus, mit Wein und Einbecker Bier und guter Kost“, für Meister Curt, seine Hausfrau und die Zimmerleute, und luden die Salzgrafen dazu — ausdrücklich, „damit der Meister desto gütiger und williger wäre“. Und in der ganzen Bauzeit stand das Sieden nur eine einzige Woche still, weil dreimal die Eimerkette riss; das Sommergesöde war so gut wie seit dreißig Jahren nicht.

Die Abrechnung steht in zwei Währungen, weil man sie umrechnen musste: 1.157 Mark, 3½ Pfund und 9 Heller aus den Registern, „je drei Mark für zwei Gulden“ gerechnet, ergibt 769½ Gulden. Dazu Mardtorffs Lohn von 234 Gulden — und acht Gulden für zwei Malter Korn und ein Schwein, die er „über die Zettel hinaus“ verlangte, „was die Pfenner denn auch duldeten und geschehen ließen, so dass sie sich in Güte von dem Meister schieden“. Gesamtsumme: 1.011½ Gulden, 17 Pfund, 5 Heller. Dauer: zwei Jahre und einundzwanzig Wochen.

Und ein Kapitel, das Geyseler bewusst ans Ende gestellt hat, „damit solches desto länger im Gedächtnis bleiben möge“: die alte Konstitution zwischen Pfännern und Bürgern über das Holz. Der Hegeberg gehört den Pfännern allein, die übrigen Stadtwälder ihnen und den Bürgern gemeinsam — und wenn die Pfänner Bauholz brauchen, sollen die Bürger es „gütlich nachgeben und … nicht abschlagen“. Auch diese Vereinbarung, schreibt er, „findet [man] … schriftlich am Brückentor“.

Beschlossen wird mit einem Dankkapitel: für gutes Wetter, für gutes Sieden, und dafür, dass „kein Mann oder Mensch an seinem Leib Schaden genommen hat in aller Gefährlichkeit, die sich zuweilen begeben hat“.

Aufnahme der Handschriftenseite Bd. 2, S. 1058 (Bl. )
Tafel AA: der alte Brunnen mit allen seinen Gebäuden — der Zustand, den Geyselers Bericht von 1489 beschreibt. Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 2, S. 1058 · Digitalisat · gemeinfrei

Redaktionelle AnmerkungS. 49–102

Die beiden Chroniken sind der Grund, warum dieses Buch mehr ist als Verwaltungsschriftgut. Sie sind von Beteiligten geschrieben, nicht von Chronisten: Geyseler war einer der acht Baumeister, Berker Salzgraf. Beide wollten, dass nachfolgende Generationen nicht dieselben Fehler machen und dasselbe Geld ausgeben. Geyseler widmet dem sogar ein eigenes Kapitel — „Ein nützlicher Rat für die nachkommenden Pfänner“.

Zur Schreibung der Namen: In der Handschrift erscheint derselbe Mann als Jost Berker, Jost Becker, Jost Berber und Jost Berttern, der Baumeister von 1489 als Curt Mardorff und Kurt Mardtorff. Das ist kein Transkriptionsfehler, sondern gängige Praxis des 16. Jahrhunderts — Namen wurden nach Gehör geschrieben. Die Transkription gibt jede Stelle so wieder, wie sie dasteht.

Zur Tonne im Meer. Geyselers Beweis, ein verschlossenes Fass werde im Meer mit süßem Wasser gefüllt, trifft physikalisch nicht zu: Eine Fassdaube ist keine halbdurchlässige Wand, das Salz wandert mit. Die Beobachtung ist auch nicht seine Erfindung — schon in Aristoteles’ Meteorologie steht der Versuch mit einem verschlossenen Gefäß, das man ins Meer hinablässt. Bemerkenswert ist etwas anderes: dass ein Vikar 1489 eine Frage nach der Herkunft der Sole nicht mit einer Autorität, sondern mit einem Versuch zu entscheiden sucht.

Der Satz, an dem hundert Jahre Salinenbau hängen, steht ebenfalls hier: „Man kann die Sole über ihre Natur hinaus nicht besser machen; aber man kann wohl dem wilden Wasser … wehren.“ Das ist sachlich richtig. Der Salzgehalt einer Quelle ist durch die Lagerstätte bestimmt; Gradieren und Sieden konzentrieren die Sole, sie vermehren das Salz nicht. Alles, was in Sooden bis 1906 gebaut wurde, folgt dieser Einsicht.

Und ein seltener Schluss. Geyseler räumt am Ende ein, der ganze Bau wäre vermutlich nicht nötig gewesen, hätte man die Ursache vorher gekannt. Einen Baubericht, der das eigene Ergebnis in Frage stellt, findet man in keinem Jahrhundert oft. Wer den Wert dieser Handschrift begründen will, sollte auf diese Stelle zeigen — nicht auf die Technik.

ZusammenfassungS. 103–183

Der Bau von 1550 — die Vorgeschichte. Sechzig Jahre später schreibt Jost Berker von Homberg, Salzgraf, die zweite Chronik, und er beginnt mit derselben Begründung wie Geyseler: „Im Namen des Herrn, Amen. Weil die Tage der Menschen abnehmen und wie der Rauch vergehen …“ — ohne Aufzeichnung geht alles verloren.

Der Befund ist zunächst derselbe wie 1489: Der Salzbrunnen sei „mangelhaft und schadhaft geworden, sodass die Sieder über die gewöhnliche Zeit hinaus“ sieden müssten. Diesmal aber gibt es einen Verdächtigen — und der ist eine Maschine.

Der Streit um die Rosskunst. Seit 1546 klagen die Sieder, sie bräuchten mehr Holz für dieselbe Menge Salz. Schuld sei, sagen viele, die Rosskunst des Meisters Jörge Behm aus Nürnberg — jenes von Pferden getriebene Pumpwerk, dessen Bestallung im zweiten Buch steht. Behm bestreitet das und beruft sich „auf alle verständigen Bergleute“. In den Protokollen steht der Vorwurf mehrfach: Man sei „sonderlich Meister Jorgen Behm zu viel gefolgt“ worden; er habe „etliche weitere Gebäude, sonderlich die Wasserkunst vor dem Gewölbe, mehr zu seinem Vorteil“ als zur Förderung des Werks errichtet.

Der Zeitpunkt könnte schlechter nicht sein. Zwischen die Akten geraten Briefe, die den Hintergrund erklären: Landgraf Philipp schreibt seinen Räten, es sei ihm ein Schreiben zugekommen „im kaiserlichen Lager zu …“ — es ist die Zeit des Schmalkaldischen Krieges, der Landesherr in kaiserlicher Haft. Die Räte in Kassel müssen ohne ihn entscheiden. Aus dem Juli 1547 stammen die ersten Anordnungen.

Wie man 1547 einen Befund erhebt. Was folgt, ist ein Verwaltungsvorgang, wie er heute noch abliefe, und Berker protokolliert ihn Schritt für Schritt. Zuerst werden die Fachleute gehört, und ihre Aussagen stehen namentlich da. Johann Schaffnit meint, „wenn der Sohlgraben geräumt werde, habe der Brunnen keinen Mangel“. Ein anderer hält dagegen: Wenn das zutreffe, „so muss es an Jörgens Kunst liegen und an keinem anderen“. Heinz Luther rät zu etwas Drittem. Und alles wird Behm vorgehalten, damit er antworten kann.

Dann folgt der Augenschein, und er ist die eigentliche Untersuchungsmethode: Der Brunnen wird aufs Niedrigste leergeschöpft, „damit man den Boden sehen könnte“. Man stellt fest, dass „auf der Seite gegen das Kunsthaus das meiste wilde Wasser in den Salzbrunnen fällt“; dass gegen Süden „eine Ader stark“ gehe; dass die Fässer „aus ganzen Dielen“ bestehen und „zu verschiedenen Zeiten gesetzt“ worden sind. Beim ersten Versuch kommt man nur „bis an das Knie eines Mannes“ hinunter — man vertagt, „bis die Berge wieder wasserreich würden“. Am 8. Oktober erreicht man endlich das Gefälle vor dem Gewölbe.

Und man schmeckt. Niedenstein holt „viererlei Sole aus der Aufzucht und dem Umgang“ und vergleicht sie mit der Sole im Brunnen — dasselbe Verfahren, mit dem Geyseler 1489 gearbeitet hatte, und dasselbe, das Christoph Homberg zwei Jahre später mit der Waage ersetzen wird.

Wer alles kommt. Die Namensliste der Beteiligten ist ein Querschnitt durch die hessische Verwaltung und das Bauhandwerk: der Statthalter zu Kassel, der Landvogt, Heinz von Lutter, Johann Nordeck, Valentin Thold, Jörge Freundt als Rentschreiber zu Eschwege, die Salzgrafen Johann Schaffnit der Ältere, Johann Niedenstein und Johann Casselmann — dazu Werkleute, darunter der fürstliche Baumeister zu Ziegenhain und ein Bürger aus Homberg. Und Heinz von Lutter bringt auswärtige Erfahrung ein: Er habe in Lothringen gesehen, dass noch schwierigere Salzbrunnen ordentlich gefasst worden seien.

Was dabei nebenbei geregelt wird. Zwischen die Bauakten geraten Vorgänge, die zeigen, dass ein Salzwerk auch eine Sozialordnung ist. Ein eigener Abschnitt gilt der halben Pfanne, deren Ertrag den Pfarrer zu Sooden unterhält: Ihr Anteil sei „hinlänglich entrichtet“ worden, und künftig solle „einem jeden jetzigen und zukünftigen Pfarrer seine gebührende Pension“ daraus gezahlt werden. Es geht um Kosten, die man abwenden will, und um einen Revers, den die Beteiligten geben.

Auch der Chronist selbst kommt vor: Jost Berber vom Homberg schreibt, er habe sich „über das Amt des Pfennigmeisters beschwert und darum gebeten“, davon befreit zu werden — und unterschreibt gleichwohl weiter. Am 22. Januar 1548 wird zu Allendorf ein Abschied unterzeichnet, unter anderem von Sigmund von Boyneburg.

Die eigentliche Ursache. Am Ende dieses Vorlaufs steht ein Befund, der dem von 1489 verwandt ist und doch das Gegenteil bedeutet. Nicht die neue Maschine allein war schuld: Das alte Fass war vor Zeiten nicht auf den Grund gesetzt worden, sondern nur ungefähr — und durch diese Lücke zog „wildes Wasser“ in die Sole und verdünnte sie. Eine alte Nachlässigkeit, die erst sichtbar wurde, als eine stärkere Pumpe daran zog.

Aufnahme der Handschriftenseite Bd. 2, S. 1039 (Bl. )
Tafel B: die erste Aufräumung des Brunnens, im Grundriss und nach Himmelsrichtungen beschriftet — der Befund, um den 1547/48 gestritten wurde. Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 2, S. 1039 · Digitalisat · gemeinfrei

Redaktionelle AnmerkungS. 103–183

Der Streit um Jörge Behms Rosskunst ist ein früher Fall eines Musters, das man aus der Technikgeschichte kennt: Ein auswärtiger Spezialist bringt eine neue Maschine, das Werk verschlechtert sich, die Maschine bekommt die Schuld. Die Quellen lassen offen, ob sie wirklich schadete. Die Pfänner werfen Behm und „seinem Anhang“ vor, „mehr ihren eigenen Nutzen“ gesucht zu haben — ein Satz, der eher nach Verdacht klingt als nach Befund. Am Ende stellt sich heraus, dass das alte Fass nie ordentlich auf den Grund gesetzt worden war; die stärkere Pumpe hatte einen alten Fehler nur sichtbar gemacht.

Warum es so lange dauerte. Die Briefe „aus dem kaiserlichen Lager“ sind kein Nebenton. Landgraf Philipp war von 1547 bis 1552 in kaiserlicher Haft; die Räte in Kassel mussten in seiner Abwesenheit entscheiden und deckten sich entsprechend ab. Wer den Aktenverlauf für schleppend hält, sollte das mitlesen: Das Salzwerk wartete auf einen Landesherrn, der nicht im Land war.

Das Schmecken war die Messung. Wenn Niedenstein „viererlei Sole“ holt und vergleicht, ist das kein Behelf, sondern das anerkannte Prüfverfahren der Zeit — dasselbe, mit dem Geyseler 1489 gearbeitet hatte. Genau an dieser Stelle setzt zwei Jahre später Christoph Homberg mit der Waage an. Der Übergang vom Geschmack zum Gewicht ist der Wendepunkt, auf den das ganze Werk zuläuft — man kann ihn in diesem Buch datieren.

ZusammenfassungS. 184–225

Der Aktenkrieg. Zwischen dem Befund und dem ersten Spatenstich liegen anderthalb Jahre Papier. Was Rhenanus hier abschreibt, ist der vollständige Schriftwechsel zwischen Kassel und Sooden — und er liest sich streckenweise wie ein Verwaltungsvorgang von heute.

Der Ton der Beteiligten unterscheidet sich deutlich. Aus Kassel kommen Bescheide, Termine und die Aufforderung, „einen stattlichen Ausschuss mit vollkommener Gewalt“ zu schicken. Aus Sooden kommt Ungeduld. Ein Satz der Betroffenen steht dazwischen wie ein Fremdkörper: „Auch hat man uns Arme allzeit hingehalten: Man wolle den Born bauen, und hält uns arme Leute hin.“

Denn es sind nicht nur Gutachter betroffen. Boder und Kärrner klagen „heftig über das Abnehmen der Sole“ — sie brauchen mehr Holz und mehr Zeit für dieselbe Menge Salz und verdienen weniger. Man behilft sich mit Notmaßnahmen; einmal wird sogar angeordnet, „jede Salzgans in fünf Stücke“ zu zerteilen, bis die Pfänner zusammenkommen.

Fachlich kreist alles um eine Frage: Soll man stückweise flicken oder von Grund auf neu bauen? Die Pfänner sind zunächst nur zum Flicken bereit — der Neubau wäre teuer, und sie müssten mitzahlen. Der Landesherr drängt auf den Grund. Und die Salzgrafen manövrieren dazwischen mit einem Satz, der ihre Lage genau beschreibt: Sie wüssten nicht, „mit welchem Fug“ sie jetzt umschwenken sollten, nachdem sie zuvor „heftig gegen die Rosskunst“ geredet hätten.

Mitten in diesen Briefen steht dann etwas ganz anderes — eine Tabelle mit der Überschrift „Haltung der Sole“: Auf Nikolaus im Jahr 48 hat ein Quart soundso viel gehalten, und so fort. Es ist eine Messreihe. Man streitet nicht mehr nur mit Meinungen, sondern legt Zahlen vor.

Aufnahme der Handschriftenseite Bd. 2, S. 1055 (Bl. )
Tafel H: der Stuhl des Georg Behme und Hombergs erste Kunst — die beiden Maschinen, um die der Streit ging. Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 2, S. 1055 · Digitalisat · gemeinfrei

Redaktionelle AnmerkungS. 184–235

Die erste Messreihe. Die kleine Tabelle „Haltung der Sole“ mitten in den Briefen von 1548/49 ist der älteste datierte Zahlenbeleg des Werks. Von hier an ändert sich die Art des Streitens: Wo vorher Meinungen von Fachleuten gegeneinander standen, stehen jetzt Werte mit Datum. Das ist die eigentliche Neuerung dieses Buches — nicht die Zimmerung.

Der Fehlalarm zu Silvester zeigt eine Fehlerquelle, die jede Messreihe hat: den Zustand der Anlage. Die schlechte Probe stammte aus dem Kaltleger, dem Stillstand über die Feiertage — nicht aus dem Brunnen. Die Pointe ist nicht der Irrtum, sondern die Reaktion: Die Salzgrafen reiten nachts hin und prüfen nach, statt der Meldung zu glauben.

Von Pferden zurück zu Menschen. Dass Hombergs Bestallung „Leute und keine Pferde“ vorschreibt, sieht wie ein technischer Rückschritt aus, ist aber eine Entscheidung über Beherrschbarkeit: Eine Rosskunst zieht gleichmäßig und stark, und genau dieser Zug holte das wilde Wasser mit herein. Dieselbe Urkunde steht auch im vierten Buch, und die beiden Abschriften weichen im Wortlaut leicht voneinander ab. Wer daraus zitiert, sollte Band und Seite angeben.

ZusammenfassungS. 226–235

Silvester 1549 — eine Nacht, in der alles zu kippen scheint. Hier steht, wörtlich eingerückt, die Bestallung Christoph Hombergs zum Brunnenmeister, dieselbe Urkunde, die auch im vierten Buch überliefert ist: Die Rosskunst Jörg Behems sei zu schwer gebaut und dem Brunnen schädlich, Behem wisse keinen Rat, also solle die Sole künftig „Leute und keine Pferde zu gebrauchen“ gehoben werden.

Und dann folgt das dramatischste Dokument des ganzen Buches: ein Brief Hombergs vom letzten Tag des Dezember 1549: Das neue Kunstwerk sei „gestern um die Vesperzeit eingesetzt“ worden — also am 30. Dezember — und dann zum ersten Mal gelaufen. „Als es gegangen ist, ungefähr eine Viertelstunde, habe ich die Sole geschmeckt und befunden, dass sie im Geschmack ganz untauglich gewesen ist.“ Auch die Söder probieren sie und sind „nicht recht zufrieden“. Homberg weiß sich keinen Rat und bittet, man möge sofort kommen.

Die Antwort der Salzgrafen ist ein Satz, in dem man das Erschrecken hört: „Über welche Schrift wir sehr erschrocken sind, weshalb wir zur Stunde in der Nacht dorthin zum Soden geritten sind.“ Sie schöpfen den Brunnen aus — und finden die Sole „wiederum so gut gewesen wie zuvor“. Der Schreck war ein Fehlalarm; die schlechte Probe stammte aus dem Kaltleger, dem Stillstand über die Feiertage.

Aber der Schreck wirkt. Er ist der Auslöser dafür, dass die Sache nun entschieden wird: „Weil dann die hohe Not erforderte, dass gebaut werden sollte und musste, sonst würde es auf die Länge am Holz mangeln.“ Nicht ein Gutachten gibt den Ausschlag, sondern ein nächtlicher Ritt.

ZusammenfassungS. 236–258

Die Kommission. Am 3. Februar 1550 versammelt sich in Allendorf, was Rang und Sachkunde hat: der Landvogt Sigmund von Boyneburg, Hermann von Hundelshausen als Amtmann zu Reichenbach, Heinz von Lütter, Hauptmann zu Ziegenhain, Johann Nordeck, Valten Schülde, dazu Kanzler Günterode aus Kassel — und die Pfänner mit „etliche[n] der Ältesten … vom Adel und sonst Verständige[n]“.

Neben ihnen steht eine zweite Gruppe, und die ist die eigentlich interessante: die Werkverständigen. Hans Schelpach, Jacob und Gall Richter aus Apteroda, Meister Paul der Zimmermann, Christoph Gaugler von Duderstadt, Hans Prediger, Curt Rüland, Bernhard Wallis. Bergleute und Handwerker, die aus dem Bergbau der Umgebung geholt wurden, damit jemand sagen kann, was unter der Erde geschieht.

Ihre Aussagen sind erfrischend unbeamtet. Der eine erklärt, man könne „mit Krummlingen helfen, wenn die Adern nicht so nahe am Fass aufgehen“ — aber das wilde Wasser falle unter das Fass. Der andere räumt ein, er sei vor zwei Jahren gar nicht bis auf den Grund gekommen. Es wird gestritten, ob man beim alten Anschlag bleibt oder neu baut.

Der Abschied fällt schließlich für den Neubau: Der Damm wird geöffnet und von Grund auf neu gedämmt, die Abzucht herausgenommen und erneuert, der Brunnen ringsum vom Grund bis oben „vertont“ — mit Ton abgedichtet. Die Urkunde wird doppelt gefertigt und von allen eigenhändig unterschrieben. Man kennt die Namen der Männer, die ihre Unterschrift daruntersetzten.

Aufnahme der Handschriftenseite Bd. 2, S. 1052 (Bl. )
Tafel F: das viereckige Corpus des jetzigen Brunnenbaus — das Ergebnis der Arbeit, die das Bautagebuch festhält. Johannes Rhenanus, New Saltzbuch · Universitätsbibliothek Kassel — Landesbibliothek und Murhardsche Bibliothek der Stadt Kassel, 2° Ms. Hass. 186, Bd. 2, S. 1052 · Digitalisat · gemeinfrei

Redaktionelle AnmerkungS. 236–330

Woher die Fachleute kamen. Die „Werkverständigen“ von 1550 — Schelpach, die Richter aus Apteroda, Gaugler von Duderstadt — sind Bergleute, keine Salinenleute. Der Griff in den benachbarten Erzbergbau war üblich: Wer unter Tage zimmern, wettern und Wasser heben konnte, konnte es auch in einem Salzbrunnen. Die Namensliste ist damit zugleich eine Karte des Fachkräftemarkts im mittleren Deutschland.

Der Fund der älteren Fassung — und was er nicht beweist. Dass man ringsum eine fünfzehn Schuh weite alte Fassung fand, ist ein sicherer Befund. Jost Beckers Deutung — die Alten hätten den Brunnen absichtlich enger gemacht, um die Menge zu begrenzen — ist es nicht. Eine engere Fassung liefert nicht zwangsläufig weniger Sole, und es gibt nüchterne Erklärungen: Sie ist billiger, leichter dicht zu halten, und nach einem Einsturz baut man kleiner wieder auf. Beckers Satz ist als Zeugnis für das Misstrauen zwischen den Generationen wertvoll, nicht als Beweis für eine Mengenpolitik.

Die Stundenzahlen sind das härteste Erfolgsmaß des Werks. Dreißig Stunden je Werk vorher, sechzehn, dann elf bis dreizehn nachher — dieselbe Größe, vor und nach dem Eingriff gemessen. Nur eine Einschränkung gehört dazu: Becker war Bauherr und Berichterstatter in einer Person.

Eine Risikoentscheidung, die man heute genauso träfe. Man bohrt fünf Schuh tiefer, findet Sand und Wasser und hört auf, „zumal man aus Erfahrung weiß, dass andere gute Salzwerke dadurch ganz verdorben“ worden seien. Das ist sachlich richtig: Wer die stauende Schicht unter einem Solehorizont durchstößt, kann Süßwasser hereinlassen und die Quelle dauerhaft verderben. Erfahrungswissen, das eine geologische Regel trifft, ohne sie zu kennen.

ZusammenfassungS. 259–277

Was ein Bau von 1550 braucht. Bevor gegraben wird, wird gerechnet, geworben und eingekauft — und weil der Salzgraf Jost Becker alles notiert, weiß man heute, was ein frühneuzeitlicher Großbaustellenbetrieb kostete.

Die Löhne stehen fest: Dem Meister gibt man „für Kost und Lohn die Woche einen Taler“, dem Arbeiter einen Ortsgulden Münze, „desgleichen am Sonntag eine Mahlzeit“. Spaten werden auf Vorrat beschafft. Am Mittwoch nach Quasimodogeniti soll auf dem Dickenberg zu graben begonnen werden — dort holt man den Ton.

Und dann eine Zeile, die den ganzen Betrieb in einem Bild zeigt: „Der Forsthafer zu Roßbach muss heraufgeschafft werden, denn zu Eschwege und Wanfried will kein Hafer mehr vorhanden sein.“ Wenn man einen Brunnen baut, muss man zuerst wissen, wovon die Pferde leben.

ZusammenfassungS. 278–305

Das Bautagebuch. Vom Frühjahr 1550 an führt Jost Becker Tag für Tag Buch, und was daraus entsteht, ist die genaueste Baustellenchronik, die es aus einer deutschen Saline des 16. Jahrhunderts gibt. Sie liest sich, als hätte jemand ein Bautagebuch der Gegenwart geführt: Wetter, Anwesende, Arbeitsfortschritt, Beschlüsse — und jede Woche eine Zeile mit der Zahl der gesottenen Werke.

Der Mann, der baut, heißt Meister Hans Wetzel, Zimmermann. Er setzt die neue Fassung „aufs schärfste genau“ in den Brunnen. Es arbeiten bis zu achtzehn Zimmerleute gleichzeitig.

Das Material kommt aus der Landschaft ringsum, und man kann die Fuhren zählen: Ton vom Eichenberg und aus Grebendorf, jeder Fuhrmann drei Fuder; die Stadt Allendorf gibt dreißig Stücke Holz aus ihren Gehölzen; die Ämter Wanfried und Beilstein fahren. Der Ton wird „wie ein Wachs“ durchgearbeitet, ehe er eingebracht wird.

Die Technik ist präzise und pragmatisch zugleich. Gegen den Zufluss setzt der Zimmermann eine Sumpfrinne. Der ganze Brunnen wird „mit der Schrotwaage genau abgewogen“, damit man jederzeit vergleichen kann. Unter die Schwellen kommt zuerst Moos, dann Asche und Sand, darauf grober Kies. Und immer wieder ist von der wilden Quelle die Rede — dem Süßwasser, das die Sole verdünnt und das man fassen und wegführen muss.

Zwischen den technischen Einträgen stehen die Feiertage: „Die heiligen Pfingsttage gefeiert; aber am Mittwoch und den anderen drei Tagen hat Meister Hans …“ Und am Samstag, dem 14. Juni, ein Bild, das man sich merkt: Die Pfänner gehen in großer Zahl morgens um sechs Uhr zum Salzbrunnen, um auf den Grund zu sehen.

ZusammenfassungS. 306–330

Der Fund — und die Frage, die niemand laut stellt. Im Sommer 1550 kippt der ganze Vorgang vom Notbau zur Entdeckung.

Beim Freilegen findet man unter den Schwellen des alten Fasses „die besten Salzadern“, dazu Sammler, „die vormals nicht im Salzbrunnen gewesen sind“. Und dann, ringsum im Erdreich, eine ältere Fassung, fünfzehn Schuh weit — „von der kein Mensch gewusst hat und von der auch das Buch der Pfänner nichts meldet“. Der Brunnen war einmal viel größer gewesen, als irgendwer wusste.

Becker zieht daraus einen Schluss, den er sich nicht auszusprechen traut, aber deutlich genug andeutet: Die Alten hätten das jetzige Fass absichtlich so eng gemacht, „weil sie vielleicht nicht mehr Sole haben wollten — aus welchem Grund, ist leicht zu erraten“. Eine Mengenbegrenzung zur Preisstabilisierung, im Boden verbaut. Ob er recht hat, lässt sich nicht entscheiden. Dass ein Salzgraf des 16. Jahrhunderts so etwas für erratbar hält, ist die Bemerkung wert.

Was dann kommt, ist in Zahlen messbar und darum bemerkenswert. Vorher brauchten die Boder dreißig Stunden für ein Werk; jetzt sind es sechzehn, bald vierzehn, schließlich elf bis dreizehn. Die Sole „hält auf eine Pfanne neun Fuder“ und ist, notiert Becker, „in hundert und mehr Jahren nie so gut und rein gewesen wie jetzt“. Und das alles, ohne dass der Betrieb stillstand: „Es ist jetzt zur Zeit des Baus ein so großes Sieden wie nie zuvor“ — hundert und etliche Pfannen in der Woche, „so dass kein Werk des Baus wegen versäumt worden ist“.

Die Nachricht geht über den Pfennigmeister Reinhard Abel nach Mecheln, wo Landgraf Philipp damals in kaiserlicher Haft saß, und die Antwort kommt zurück: Seine Fürstlichen Gnaden seien „nicht wenig erfreut“ — und man möge zusehen, dass nun noch eine Pfanne mehr gesotten werde.

Einen Satz Beckers sollte man daneben lesen, weil er den Machtzuwachs offen benennt: Weil die neue Fassung auf Kosten des Fürsten gebaut werde, könnten „nunmehr die Pfänner und ihre Nachkommen desto weniger von Seiner Fürstlichen Gnaden und deren Erben herausbringen“. Wer den Brunnen baut, besitzt ihn ein Stück weit mehr.

Und eine Grenze wird ebenfalls gezogen, aus Erfahrung: Man bohrt mit einem langen eisernen Bohrer fünf Schuh unter das Loch, findet „nichts als Sand und viel Wasser“ — und beschließt, nicht tiefer zu suchen, „zumal man aus Erfahrung weiß, dass andere gute Salzwerke dadurch ganz verdorben und zunichte gemacht worden sind“.

ZusammenfassungS. 331–377

Betrieb, Preise und die Winterpause. Während unten gebaut wird, läuft oben die Saline weiter — und das Tagebuch wird für einige Monate zum Wirtschaftsprotokoll.

Die Zahlen der Wochen stehen jeweils am Rand: 115 Werk, 124, 134, 140. Man sieht die Kurve steigen. Zugleich wird gerechnet, wie viele Pfannen man wieder anstellen kann — etliche waren „wegen der geringen Sole“ abgestellt worden —, und wie die Kohlen zu verteilen sind.

Dann greift die Regierung in den Markt ein. Statthalter und Räte lassen ein offenes Schreiben in allen Städten verlesen. Es erzählt zunächst die Geschichte des Schadens — dass sich „wildes Wasser“ in die Sole gemischt habe und man dem nun „mit großen Kosten“ abgeholfen habe — und ordnet dann an, was daraus folgt: allen dasselbe Salz zum selben Preis, „jedermann für gleiches Geld zu einer Zeit wie zur anderen zuzumessen und jedem gleich“. Wer sein Salz selbst holt, wer fremdes Salz einführt, was je Pferd zu zahlen ist — alles wird geregelt. Der geglückte Bau wird sofort in eine Versorgungsordnung übersetzt.

Im Spätherbst dann der nüchternste Eintrag: „Weil der Winter hereinbricht, sollen alle Bauten bis auf den Frühling eingestellt werden.“

Redaktionelle AnmerkungS. 331–439

Was 2.741 Gulden waren. Eine Umrechnung in heutiges Geld führt in die Irre; ein Vergleich innerhalb des Werks trägt weiter. Nach der Stückliste im ersten Anhang kostete ein vollständig ausgerüstetes Siedehaus rund 139 Gulden. Der Brunnenbau von 1550/51 entsprach also etwa zwanzig kompletten Siedehäusern — und dass Landgraf Philipp den Pfännern 1554 die Hälfte ihres Anteils erließ, war entsprechend kein kleines Entgegenkommen.

Hans Wetzels Revers ist ein Fund. Geheimhaltung „bis in mein Grab“, ein Wettbewerbsverbot für das Eichsfeld und die Nachbarschaft, dazu ein Bleibepaket aus Geld, Korn, Kleid, Wohnung und Salz: Das ist, in den Worten des 16. Jahrhunderts, ein Arbeitsvertrag mit Verschwiegenheits- und Konkurrenzklausel. Ähnliche Bindungen sind aus dem Bergbau und dem venezianischen Glashandwerk überliefert; für eine deutsche Saline ist der Text ungewöhnlich vollständig erhalten. Auch der Zusatz, er bekomme zwei Achtel Salz, „damit ihm wegen der gezimmerten Öfen kein Verdacht erwachse“, gehört dazu: Vorbeugung gegen Vorteilsnahme, ausdrücklich begründet.

Das Gutachten gegen die bleiernen Pfannen ist fachlich richtig. Blei schmilzt bei rund 330 Grad; eine Pfanne, die am Ende des Siedens fast leer über dem Feuer steht, erreicht das. Die Lüneburger Sole galt als nahezu gesättigt, die Soodener lag nach den Messungen des dritten Anhangs bei etwa sieben Prozent — daher das lange Sieden und das Trockenfallen. Die Beamten argumentieren also aus ihren eigenen Messwerten heraus, sagen ihrem Fürsten schriftlich Nein und schlagen statt dessen einen Versuch mit Vergleichsprobe vor. Diese vier Seiten lohnen sich neben dem pommerschen Gutachten im vierten Anhang.

ZusammenfassungS. 378–388

Die Namen. Mitten im Baubericht stehen, ohne Übergang, die Listen der geschworenen Schätzer und Salzmesser vom 16. Oktober 1550 — dieselben, die auch das vierte Buch überliefert. Jakob Grunewald, Ludwig Urber, Ludwig Hilwig, Hans Grunewald, Jochim Schimpf, Jakob Jener, Franz Schimpf, Philipp Klinckerfus, Peter Kell, Kremer Hans und die anderen — jeder mit den Siedemeistern, für die er zuständig war.

Dass diese Listen hier ein zweites Mal abgeschrieben sind, hat einen praktischen Grund: Wer den Bau verstehen will, muss wissen, wer in diesen Monaten gesotten und gemessen hat. Für die Familienforschung ist es die dichteste Namensquelle der Salzbibel — und die Doppelüberlieferung erlaubt es, Schreibungen zu vergleichen.

Dazwischen die Besoldungen: acht Gulden im Jahr für jeden Schätzer, zwanzig für den Wächterlohn aus den Schatzhellern; und die Vorschrift, dass die Meister künftig acht Heller statt einem Albus fürs Wachen geben, „denn die Wächter wachen nur die halbe Nacht“.

ZusammenfassungS. 389–423

Das zweite Baujahr, 1551. Im Frühjahr geht es weiter, und der Ton ändert sich: Es wird weniger entdeckt und mehr gesichert.

Die Arbeit gilt jetzt der endgültigen Trennung von Sole und Süßwasser. Kästen werden gesetzt und ringsum „mit Ton allenthalben gut verdämmt“; die neue Fassung wird zwei Werkschuh niedriger gelegt als der neue Salzbrunnen, damit das Wasser abfließen und man „jederzeit sehen kann, ob dort ein Mangel ist“. Man baut also eine Anlage, die sich kontrollieren lässt — nicht nur eine, die funktioniert.

Ein neues Schöpfzeug aus drei kupfernen Röhren zieht das wilde Wasser ab. Alte Abzuchtsysteme werden gefunden und geräumt. Und alles wird gemessen: Am 9. Juli 1551 nimmt Christoph Homberg als Bornmeister eine Probe, „ehe das wilde Wasser verdämmt war“ — und danach noch einmal. Der Vergleich vorher/nachher ist der Beweis, dass der Bau gewirkt hat.

Auch die Beteiligten werden in die Pflicht genommen: Die Verordneten wollen „jede Woche bei der Abzahlung zugegen sein, die Wochenrechnung mit unterschreiben“. Als die Pfänner am Ende Bedenken anmelden, wird das protokolliert wie alles andere.

Der Befund am Ende der Saison ist zurückhaltend formuliert und gerade deshalb glaubwürdig: dass der Born gestiegen sei, „am Salzgeschmack aber nicht stärker geworden“ — dass aber deutlich weniger wildes Wasser hineinkomme. „Sonst ist alles gut und rechtschaffen erbaut.“

ZusammenfassungS. 424–431

Die bleiernen Pfannen — ein Gutachten, das Nein sagt. Zwischen die Bauakten gerät ein Vorgang, den man heute Technologietransfer nennen würde, und er ist eines der klügsten Stücke der ganzen Salzbibel.

Der junge Landgraf will, dass man in Sooden versuchsweise mit bleiernen Pfannen nach Lüneburger Art siedet. Die Beamten vor Ort halten nichts davon — aber „weil unser hochgenannter gnädiger junger Herr darauf beharrt“, wird befohlen, es einzurichten. Daraufhin setzen der Salzgraf Valtin Schuldt, der Rentmeister und der Salzwart am 23. Februar 1552 ein schriftliches Gutachten auf, und dessen Aufbau ist mustergültig.

Erstens die physikalische Begründung: Die Lüneburger Sole sei „die allerreichste Sole …, die man hierum kennt“; sie brauche kurzes Sieden, die Pfanne bleibe fast voll, und das Blei halte deshalb die Hitze aus. Die Sooder Sole dagegen müsse lange sieden, und am Ende bleibe „kaum das achte oder neunte Teil“ — dann liege das Blei trocken in der Glut und werde verbrennen.

Zweitens die Wirtschaftlichkeit: Wollte man ständig nachgießen, würden Zeit und Hitze erst recht zu viel. Drittens das fehlende Können: Hier wisse niemand „die Tiefe, Weite und Art“ der Lüneburger Pfannen und Öfen, „viel weniger, wie man die Pfannen gießt“. Viertens die offene Frage nach dem Zusatz, den man beim Sieden braucht.

Und dann das stärkste Argument, ein Analogieschluss: Wäre es außerhalb Lüneburgs nützlich, so hätten „die von Halle und Frankenhausen, die alle viel reichere Sole haben als wir“, es längst getan und säßen nicht bei eisernen Pfannen.

Bemerkenswert ist, wie das Gutachten endet — nicht mit Verweigerung, sondern mit einem Versuchsplan. Man solle einen Lüneburger Salzknecht herholen (schwierig, „denn man lässt sie nicht leicht anderswohin ziehen“) und das Probewerk in Kassel ansetzen, nicht in Allendorf; dazu einen Bodemeister nehmen, „der verschwiegen wäre“. Und noch davor solle man „von der Lüneburger Salzsole ein halbes Maß“ kommen lassen, um beide Solen zu vergleichen — sonst sei „die Berechnung der Unkosten nach jenem Vorbild falsch“.

Kontrollversuch, Vergleichsprobe, Geheimhaltung und die klare Ansage, dass eine Kalkulation ohne Vergleichsdaten nichts wert ist: Das ist experimentelles Denken, 1552, in einem Brief von drei Beamten an ihren Fürsten.

ZusammenfassungS. 432–439

Die Rechnung — und ein Zimmermann, der schweigen muss. Am 20. Oktober 1551 wird abgeschlossen. Der Bau hat 2.741 Gulden, 14 Albus und 6½ Heller gekostet — „ohne das, was an Vorteil … an Holz, Dienstfuhren und anderem dazu gebraucht worden ist“. Die Hälfte des Anteils, den die Pfänner hätten tragen müssen, erlässt ihnen Landgraf Philipp 1554 bei den Verhandlungen über die neue dreißigjährige Lokation.

Dann folgt die Abfertigung des Mannes, der zwei Jahre lang im Brunnen stand. Meister Hans Wetzel bekam wöchentlich anderthalb Gulden für Kost und Lohn, dazu ein, zwei Mahlzeiten in der Woche; zum Schluss werden ihm Nachlässe und Zahlungen zusammengerechnet: 45 Gulden, 19 Albus, 4 Pfennig, „deren ich gänzlich vergnügt und bezahlt bin“.

Und dann kommt der Satz, der diesen Text zu einem der erstaunlichsten Dokumente des Werks macht. Wetzel gelobt, „alles, was ich bei diesem Bau gesehen und erfahren habe, bis in mein Grab verhehlen und verschweigen“ zu wollen — und ohne Vorwissen des Landgrafen „im Land oder außerhalb keinen Salzbrunnen bauen“ zu wollen. Besiegelt haben es Schultheiß, Bürgermeister und Rat zu Allendorf, weil er selbst kein Siegel führte.

Damit nicht genug: Damit er auch bleibe und „diesem Salzwerk zum Nachteil kein anderes oder neues Salzwerk auf dem Eichsfeld, zu Kreuzburg oder sonst um das Fürstentum“ errichte, erwirken die Salzgrafen für ihn eine feste Bestallung: 15 Gulden im Jahr aus den Bothen, vier Viertel Korn aus der Mühle, jährlich ein Kleid zu Hofe, freie Wohnung an jedem Einsatzort und ein Ortsgulden je Tag im Tagelohn. Dazu zwei Achtel Salz im Jahr, ausdrücklich, „damit ihm wegen der gezimmerten Öfen kein Verdacht erwachse“ — er soll nicht in Versuchung kommen, sich am Salz schadlos zu halten.

Geheimhaltungspflicht, Wettbewerbsverbot und ein Bleibepaket mit Naturallohn: die Personalakte eines Spezialisten, den man nicht ziehen lassen will.

ZusammenfassungS. 440–460

Und am Ende eine Predigt. Das fünfte Buch schließt nicht mit einer Abrechnung, sondern mit einer Predigt — gehalten am Sonntag nach Galli, dem 9. Oktober 1550, von Severinus Kanngießer, Prediger in Sooden: „Ermahnung zur Danksagung für die Gottesgabe des neu erbauten Salzbrunnens“.

Ihr Text ist Psalm 104: „Du lässest Brunnen quellen in den Gründen.“ Kanngießer legt ihn erst allgemein aus — wo Wasser fehlt, verdorre alles; wo Wasser sei, „da grünt es, da wächst es“; darum hätten die Menschen ihre Städte an Flüsse und Quellen gebaut — und kommt dann auf den besonderen Brunnen, den Gott „über den gemeinen Trank des Wassers hinaus“ hier gegeben habe.

In der Mitte der Predigt steht eine Passage, die man als Sozialbeschreibung lesen kann. Der Prediger zählt auf, wer vom Brunnen lebt: „der mit Salzmachen, dieser mit Abführen und Wegbringen, jener mit Holzzufahren, Holzhauen, Wellenbinden“ — dazu die Schmiede, „die immer an den Pfannen zu machen und zu flicken haben“, die Zimmerleute „und viele[n] andere[n] Arbeitsleute[n] und Tagelöhner[n], die man täglich haben muss“. Ein Wirtschaftsbild von unten, gepredigt.

Und dann wird er deutlich, und zwar in Richtung der Pfänner. Gerade die, „die die Pfannteile und Erbe an solcher Gabe haben, denen so viele Leute mit ihrer Arbeit dienen und die ohne alle Mühe dies aus der Hand des gütigen Vaters empfangen“, sollten besonders danken — und „nicht vergessen, dem Nächsten mitzuteilen“. Er erinnert an das Almosen am Brunnen und an das fürstliche Almosen „an arme Pfarrherren, Studenten, Jungfrauen, die zur Ehe greifen“ — also an genau die Stiftung, deren Urkunde im vierten Buch steht.

Die Warnung, die folgt, ist unmissverständlich: Wer stattdessen „unseren Prunk, unsere Hoffart und unseren Geiz, unser Schwelgen und Prassen“ treibe, dem könne Gott die Gabe „schmälern oder sie gar ganz entziehen“. „Denn denkt nicht, dass es, nur weil es eine lange Zeit bestanden hat, darum allzeit so bestehen müsse.“ Zum Beleg zitiert er Psalm 107, den Brunnen zu Jericho — und, bemerkenswert für eine Dorfpredigt, Strabons Geographie, wo Quellen versiegen und anderswo neu entspringen.

Am Schluss wendet er das Bild ins Geistliche: Der eigentliche Born sei das Wort, die Taufe, der Heilige Geist — „das Wasser, das ich ihm geben werde, das wird in ihm ein Born des Wassers werden, das in das ewige Leben quillt“. Und dann noch einmal der 23. Psalm: „Er lässt mich weiden, wo viel Gras steht, und führet mich zum Wasser, das mich erquicket.“

Es ist der einzige Ort in der Salzbibel, an dem eine Stimme aus der Kirche des Ortes selbst spricht. Nach zweihundert Seiten Ton, Schwellen, Pumpen und Abrechnungen endet das Buch mit einem Dank — und mit der Mahnung, sich auf den Brunnen nicht zu verlassen.

Redaktionelle AnmerkungS. 440–460

Warum eine Predigt in einem Bauakt steht. Danktage nach überstandener Not waren fester Bestandteil der evangelischen Kirchenordnungen des 16. Jahrhunderts. Dass die Predigt mit abgeschrieben wurde, heißt: Der geglückte Brunnenbau war kein Verwaltungsvorgang, sondern ein öffentliches Ereignis der Stadt — und die Kirche war der Ort, an dem es begangen wurde.

Dass Severinus Kanngießer neben Psalm 104 und 107 auch Strabons Geographie anführt, ist der beiläufigste Beleg für humanistische Bildung im ganzen Werk. Strabon war seit dem frühen 16. Jahrhundert in lateinischen Drucken verbreitet; ein Landprediger, der ihn 1550 zur Hand hat, steht in derselben Gelehrtenwelt wie sein Pfarrkollege Rhenanus.

Und seine Warnung — „denkt nicht, dass es, nur weil es eine lange Zeit bestanden hat, darum allzeit so bestehen müsse“ — hat sich als zutreffend erwiesen, wenn auch aus anderen Gründen, als er meinte. Nicht die Quelle versiegte: Nach dem Anschluss an Preußen 1866 fiel das hessische Salzmonopol, das billigere Steinsalz verdrängte die Siedesalzgewinnung, und am 1. April 1906 wurde in Sooden zum letzten Mal gesotten.

22 Elemente in 0,07 Sekunden aus der Datenbank gelesen.

Einstellungen auf diesem Gerät speichern?

Damit die gewählte Darstellung beim nächsten Besuch erhalten bleibt, würde ein einzelner Eintrag im lokalen Speicher des Browsers (localStorage) abgelegt. Das ist kein Cookie, und der Eintrag verlässt das Gerät nicht.