Ein Berg wird gesucht. Ptolemäus setzt im Gebiet der Chatten einen Berg Melibocus an und nicht weit davon den Wald Semana. Welche das heute sind, weiß niemand. Rhenanus gibt seine Ratlosigkeit offen zu: „da weiß ich wahrlich beinahe nicht, wo hinaus oder wo hinein“.
Zuerst räumt er die herrschende Meinung ab. Etliche „hochgelehrte und verständige Leute“ hielten den Brocken dafür. Dagegen zwei Gründe. Der erste ist geographisch: Der Brocken liegt mitten im Harz, im Gebiet der Chauken und Brukterer, sechs Meilen jenseits der Chattengrenze. Der zweite ist ein Beobachtungsargument, und es ist das stärkere: Über den Melibocus stehe geschrieben, er sei fruchtbar „bis oben auf den höchsten und sehr breiten Gipfel“ — der Brocken aber sei „ein schmaler, aufsteigender, spitzer und oben ganz trockener, dürrer und öder Berg, wie es der Augenschein ausweist“. Er weiß das, weil er dort gewesen ist: Ab Schaubenstein finde man „nicht ein einziges Sträuchlein“. Lieber wolle er ihn Mons Bructerorum nennen.
Dann erzählt er von einem eigenen Irrtum, und das ist die ehrlichste Stelle des Buches. Vor 32 Jahren habe ihm bei Roßdorf ein Pfarrer einen Berg als Melibocus gezeigt; er sei hinaufgestiegen, habe ihn besichtigt und es geglaubt, „weil er in der Grafschaft Katzenelnbogen liegt“. Später sei ihm aufgefallen, dass der Berg jenseits des Mains liegt, also außerhalb des Chattengebiets, und dass er oben „dürr, eng und nicht breit“ ist. Da „habe ich diesen gefassten Wahn fahren lassen“.
Sein Ergebnis ist der Meißner. Der liegt innerhalb der Grenzen, ist der höchste Berg diesseits von Werra, Weser und Diemel, hat seit je Bergwerke und Erzgruben — „wie es allenthalben die alten Pingen anzeigen“ —, trägt am Fuß „das löbliche uralte Salzwerk Sooden“ und ist bis hinauf fruchtbar, „selbst in den Klippen und Felsen“.
Und dann zählt er auf, was dort wächst, und die Liste ist eine kleine Botanik. Jährlich kämen Leute aus fremden Ländern, um Kräuter zu suchen, „die an anderen Orten nicht wachsen“: die Scorzonera in zweierlei Gestalt, „das herrliche, gegen alle Gifte wirkende Kraut“, das man sonst „mit großen Kosten aus Spanien“ holen lasse; dazu Coronopus, Ferrocavallo, Iva arthritica, „das edle Wundkraut Solidago sarracenica“, die Uva inversa des Doktor Dodonaeus, Aconitum pardalianches, Buxus repens, Acorus, Chamaedrys, Lunaria minor und Ebulum; an Gehölzen Eibe, Schneeball, Johannisbeere und Traubenholunder.
Etliche suchten dort auch Erze — und daher, schreibt er, sei bei den Fremden ein Sprichwort aufgekommen: „Die Hessen werfen manchmal nach einer Kuh mit einem Stein, obwohl der Stein — wenn sie ihn kennten — mehr wert ist als die Kuh.“
Nicht vergessen wird das Neueste: das neu erfundene Steinkohlenbergwerk, von dem „offenbar und jedermann bekannt“ sei, welchen Nutzen es dem Salzwerk, den Hütten, den Schmieden und den Haushaltungen bringe „und wie eine große Menge Menschen sich davon erhalten und ernähren können“.
Zum Schluss der Stolz, offen ausgesprochen. Beatus Rhenanus habe sich gerühmt, die Herkunft der Katzenelnbogener gefunden zu haben — „umso mehr will es mir als dem anderen Rhenanus geziemen“, sich zu freuen, dass er post multa secula, nach vielen Jahrhunderten, „den wahren Ort des Melibocus hervor- und an den Tag gebracht“ habe. Und gleich darauf die Namenserklärung: Weil der Berg lange mit Schnee bedeckt sei und sich „weit und breit weiß sehen lässt“, heiße er heute Weißener; Ptolemäus habe ihn nach der „Fülle und Süßigkeit der Weiden“ benannt.
Und dann der Satz, der ihn als Wissenschaftler ausweist: „Schließlich will ich den Weißener so lange für den Melibocus halten, bis ich von anderen etwas Besseres und Beständigeres unterrichtet werde.“